Busse wegen verpasstem Tschinelleneinsatz:«Eine Partitur ist keine Vorschrift»

LANDQUART ⋅ Die Busse für den Militärmusikanten zieht weitere Kreise. Während der Gebüsste Unterstützung von Freunden und Juristen erhält, kritisieren und belächeln Politiker die Busse.
07. August 2017, 19:50

Federico Gagliano

Ein verpasster Tschinellenschlag hallt nach: Die 500-Franken-Busse für den Aarauer Militärmusikanten Christian Carisch, der seinen Soloeinsatz verpasst hat, gibt immer noch zu reden. Obwohl die Busse nach dem Einsatz des Kompaniekomandanten auf 150 Franken gesenkt wurde, wehrte sich der Musikant und legte Rekurs ein.

Rückendeckung erhält er aus zwei Lagern: Allen voran von seinem Mitbewohner Nico Breuninger, seines Zeichens auch Musiker, der per Videobotschaft auf Facebook zur Spendensammlung aufruft. «Es geht überhaupt nicht, dass so etwas passiert», ärgert er sich im Video, das fast 70 000 Mal angesehen wurde. Er erklärt, dass hinter dem Falschspiel keine bösen Absichten standen. Armeesprecher Daniel Reist hatte gegenüber Radio Argovia erwähnt, es gebe Grund zur Annahme, dass eine Absprache getroffen wurde. Bei drei verschiedenen Auftritten sei es nämlich zum gleichen Fehleinsatz gekommen. Die Busse habe nur Carisch getroffen, da er sich noch im Dienst befand. Reist gesteht aber ein, dass der Absprache-Verdacht nicht erhärtet werden konnte.

Staranwalt will helfen

Carish kann auf einen weiteren Verbündeten zählen: Der bekannte Zürcher Anwalt Valentin Landmann sieht keine Berechtigung für die Busse. «Eine Partitur ist keine Dienstvorschrift», erklärt er unserer Zeitung. In der Disziplinarstrafverfügung wird Carisch nämlich genau das vorgeworfen: «Ein leichter Fall von Nichtbefolgung von Dienstvorschriften», heisst es in dem Dokument. Darin wird aber auch festgehalten: «Im Grunde liegt kein konkreter Verstoss gegen das Militärstrafgesetz oder eine Verordnung vor.» Landmann rät dem Gebüssten, Beschwerde einzureichen. Soll der Fall weitergezogen werden, würde er «zu einem günstigen Tarif beistehen», fügt er mit einem Augenzwinkern an.

Und die Politik? «Die ganze Geschichte ist schlicht absurd», sagt Nationalrat Balthasar Glättli (ZH/Grüne). Und kritisiert scharf: «Man könnte meinen, die Armee hat keine anderen Probleme. Dabei gibt es riesige Baustellen: zum Beispiel das Beschaffungswesen. Da werden Abermillionen versenkt, und am Schluss ist niemand verantwortlich. Aber bei einem falschen Einsatz gibt es eine Busse!» Auch der Rechtsanwalt und Ständerat Andrea Caroni (FDP) findet das Thema auf den ersten Blick ein «Cabaret». Selbst ehemaliger Militärschlagzeuger und aktuell in der Militärjustiz tätig, liegt ihm der Fall besonders nahe.

«Beim Musizieren gibt es immer auch falsche Töne. Gerade Soloeinlagen sind exponierte Momente, wie ein Elfmeter im Fussball. Ein Fehler kann jedem passieren», findet Caroni. Auch kleine Scherzeinlagen könne es in einem Orchester einmal geben. Falls jemand aber mehrfach absichtlich falsch spiele, um ein Konzert zu stören, sei das natürlich unhaltbar. Man müsse deshalb genau klären, was genau vorgefallen ist.


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