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In Kenia lernen die Kinder das Einmaleins unter freiem Himmel

06. Dezember 2017, 04:39

Selbst wenn es wie eine Baustelle aussieht, erkennt man auf den ersten Blick: Dies hier ist ein Schulzimmer. Verräterisch sind die Wandtafel und die Pulte. Mir sind solche Einrichtungen aus meiner Lehrtätigkeit in Ghana bekannt. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Kopierer, Hellraumprojektor, Taschenrechner, Schulhefte und Farbstifte muss man sich denken. So habe ich mir damals aufgrund des nicht vorhandenen Kopierers die Finger wund geschrieben und die Kreide an der Wand mit Socken abgewischt.

Hier sind wir im Osten Afrikas, genauer in Mwea, einer Ortschaft am Fusse des Mount Kenia. Die Einrichtung ähnelt jener in Ghana. Derzeit steht das Schulzimmer leer. Allerdings nicht etwa wegen des fehlenden Dachs. Nein, im November und Dezember haben die Kinder generell frei – um den Eltern beim Ernten helfen zu können. Dank der vielen Niederschläge der letzten Wochen dürften die Erträge dieses Jahr gut ausfallen. Auch der Mais rund ums Schulhaus gedeiht prächtig. Das ist für die Einheimischen wichtig. Denn für 90 Prozent der Bevölkerung stellt Mais das Grundnahrungsmittel dar.

Zurück in die Schule, die von 400 bis 500 Kindern besucht wird. Sie lernen, was auch die Kinder in der Schweiz lernen: Rechnen, Lesen, Schreiben. Eben stand gemäss Wandtafel noch Multiplizieren auf dem Lehrplan. Dass die Schüler nun Ferien haben, wird ihnen recht sein – weil es derzeit eben oft regnet. Unterricht unter freiem Himmel stelle ich mir da ungemütlich vor. Auf dem Schulhausareal herrscht trotz Ferien reger Betrieb. Denn vorübergehend wurde hier ein Gesundheitszentrum errichtet. Die Einheimischen können sich hier etwa auf Malaria und HIV testen lassen, und sie erhalten Medikamente.

Afrikaner – im Osten wie im Westen – sind generell sehr erfinderisch, wenn es um Recyceln geht. So mutieren PET-Flaschen zu Duschbrausen, Bananenblätter zu Dächern, Pneus zu Fitnessgeräten und in meinem Fall Socken zu Schwämmen. Darum bin ich zuversichtlich, dass die Lehrer bis im Januar einen Plan ausgeheckt haben, um sich und die Kinder zu schützen – dann allerdings vor der sengenden Hitze, die sich übers Land legen wird.

 

Yasmin Kunz

yasmin.kunz@luzernerzeitung.ch

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