Er grünt so grün

SPRITZIG ⋅ Es gibt in Portugal einen Wein, der «grün» heisst, obwohl er weiss ist, rot oder rosé. Wie der Portwein, kommt auch der Vinho Verde aus dem Norden des Landes und wird einzig dort hergestellt.
13. August 2017, 04:38

Ümit Yoker, Lissabon

Der Wein der Portugiesen: rot, süss und mit beachtlichen Volumenprozenten, ausserdem, haben ihn nicht die Engländer erfunden? Man ist in Portugal auch ein wenig selbst schuld, dass im Ausland die meisten nur an Portwein denken, wenn von den heimischen Weinen die Rede ist; allenfalls fällt einigen noch Mateus ein, der Rosé aus der bauchigen Flasche, doch von all den anderen Weinen aus dem Dourotal, dem Alentejo oder dem Minho hört man wenig.

Dabei gehört wie der Port auch etwa der Vinho Verde zu den Weinen, die man ausschliesslich hier antrifft. Den Namen verdankt der grüne Wein nicht seiner Farbe, sondern der Tatsache, dass er sehr jung getrunken wird und sein Anbaugebiet zum grünsten gehört, was das portugiesische Festland zu bieten hat.

«Gewöhnungsbedürftiger» Roter

Hier im Nordwesten sind die Sommer weniger heiss und Winter und Frühling mild und regenreich. Die Weinbauregion des Vinho Verde wurde bereits 1908 per Gesetz geografisch festgelegt, mit 21 000 Hektaren macht der Minho rund einen Zehntel der gesamten Weinanbaufläche aus im Land. Im Norden markiert der gleichnamige Fluss die Grenze, der Atlantik im Westen, südlich fliesst der Douro und auch Gebirgszüge grenzen die Gegend ab.

Was zu Vinho Verde werden will, muss nicht nur im Minho her­anwachsen, es muss auch zu den wenigen Dutzend zulässigen, mehrheitlich einheimischen Rebsorten gehören. Die bekanntesten sind Alvarinho, Loureiro, Arinto, Trajadura, Avesso und Vinhão. Traditionell besteht grüner Wein aus drei Fünfteln Loureiro und je einem Fünftel Arinto und Trajadura, doch existieren diverse Varianten. Der Muralhas de Monção etwa, ein zuverlässiger Wein, den man in Portugal fast in jeder Gaststätte antrifft, ist ein Verschnitt aus Alvarinho und Trajadura.

Es gibt den Vinho Verde aber auch sortenrein, aus der Alva­rinho-Traube etwa, die bestens gedeiht auf den kargen und sandigen Granitböden des Minho und deren dicke Haut sie im feuchtwarmen Klima gut vor Pilzbefall schützt; dieser Wein weist mit 13 Volumenprozenten auch mehr Alkohol auf als die leichteren Assemblages, deren Gehalt meistens unter 11,5 Prozent liegt.

Erhängte Trauben an Bäumen und Telefonmasten

Obwohl der Vinho Verde in der Regel ein Weisswein ist, gibt es ihn auch als Rosé- oder Rotwein. Der Rote unter den Grünen wird fast ausschliesslich für den Heimmarkt hergestellt. Als Wein mit «wenig eingängigem Charakter» beschreiben ihn deutsch- und englischsprachige Weinführer, ein Geschmack, an den man sich gewöhnen muss, ein «acquired taste». Die häufigste Rebsorte ist Vinhão, tanninreich, säurebetont und von intensiver Farbe wird sie zwar auch gerne Port und anderen Weinen aus dem Douro beigemischt, im Vinho Verde hingegen steht die Traube ganz im Mittelpunkt. In Portugal trinkt man den roten Vinho Verde gekühlt zu grillierten Sardinen und zu schweren Speisen wie Rojões, in Schweineschmalz gebratenen Fleischwürfeln, oder Lampreia, dem aalähnlichen Neunauge. Der weisse Vinho Verde hingegen macht sich gut als Aperitif und passt zu leichteren Speisen, zu Fisch und Meeresfrüchten oder zu asiatischen Gerichten wie Sushi oder Thai-Curry.

Fast zwanzigtausend Winzer gibt es in der Region Minho, die meisten verkaufen ihr Lesegut an die grossen genossenschaftlich organisierten Produzenten dort oder an Privatkellereien. Noch immer sieht man in der Gegend traditionelle Methoden der Reberziehung wie etwa die Bordadura, bei der die Trauben einer Umzäunung gleich etwa um Maisfelder herum wachsen; gang und gäbe war einst auch der Enforcado, der «Gehängte», bei dem Reben an Bäumen oder Telefonmasten gezogen wurden, um sie hoch über dem Boden vor Fäulnis und Schimmel zu schützen und den Platz darunter für andere landwirtschaftliche Produkte zu nutzen. Modernere Betriebe ziehen heute aber auch im Minho niedrigere Erziehungsformen vor, welche die maschinelle Bearbeitung leichter machen.

Export nach Frankreich, Deutschland und USA

Portugal hat seine Weine, mit Ausnahme des Port, lange fast ausschliesslich für den Heimmarkt produziert. Heute geht von den jährlich rund 500 000 Hektolitern Vinho Verde fast die Hälfte in den Export, zu den grössten Märkten gehören die Vereinigten Staaten, Deutschland und Frankreich.

«Doch Portugal definiert sich noch immer stark über den Portwein», glaubt der Weinexperte Jose Hermoso, und das, obwohl dessen Eigenschaften dem globalen Trend eher entgegenlaufen würden. Vielerorts auf der Welt steige hingegen das Bedürfnis nach leichteren, unkomplizierteren und spritzigeren Weinen, nicht zuletzt, weil mehr Frauen den Markt mitbestimmten als früher und diese Art von Weinen oftmals vorziehen.

Anzeige: