Erst die Freizeit, dann die Wissenschaft

EXPO MAILAND ⋅ Zwei Jahre nach der Weltausstellung in der lombardischen Metropole befindet sich das Messegelände in einer Transformation. Mit der innovativen Nutzung des Areals will Italien auch dem Nachhaltigkeitsgedanken der Expo 2015 gerecht werden.
17. Juni 2017, 04:39

Gerhard Lob, Mailand

Genau zwei Jahre ist es her, als in Mailand die Weltausstellung Expo Milano 2015 zelebriert wurde. Unter dem Motto «Den Planeten ernähren – Energie für das Leben» strömten zwischen Mai und Oktober 2015 mehr als 20 Millionen Besucher auf das Expo-Gelände von Rho, das sich rund 10 Kilometer von der Innenstadt entfernt befindet.

Und heute? Das 1,1 Quadratkilometer grosse Areal ist von Zäunen umgeben und hermetisch abgeriegelt. Private Sicherheitsagenten kontrollieren die Eingänge. Acht Pavillons – wie der Pavillon Zero oder der Pavillon Italia – stehen noch, ebenso wie der Baum des Lebens, das Symbol der Expo Milano. Die Mehrheit der 52 Pavillons ist jedoch verschwunden beziehungsweise abgebaut.

Im Winter blieb das Areal geschlossen. Vor einigen Tagen gab es erstmals wieder Leben auf dem Gelände: Die zweite Saison von «Parco EXPerience» hat begonnen. Unter diesem Namen wird ein Teil des Geländes an Wochenenden für Freizeitzwecke genutzt, insbesondere das grosse Open-Air-Theater, in dem Premier Matteo Renzi 2015 die Expo eröffnet hatte. In der ersten Saison von Experience 2016 besuchten rund 300 000 Besucher den Park. Künstler wie Anto­nello Venditti, Gianna Nannini und Andrea Bocelli traten auf. Auch der Baum des Lebens erwachte für Wasser-Licht-Klang-Shows zu neuem Leben. In diesem Jahr wird der Freizeitpark noch erweitert – von 193 000 auf 400 000 Quadratmeter. Der Zugang zum Park ist kostenlos. Die Kapazität der Freilufttheater wurde auf 17 000 Personen erhöht. Zugänglich wird auch der Palazzo Italia, in dem temporäre Ausstellungen zu sehen sind.

Doch was bleibt ausser Freizeit und Spektakel? Immerhin ging es an der Expo um Energie und Ernährung. Das Thema Nachhaltigkeit schwebte über der ganzen Veranstaltung. «Für diesen Aspekt planen wir einen wissenschaftlich-technologischen Forschungspark», sagt Francesca Brianza im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Juristin ist Assessorin der Region Lombardei und Delegierte der Regierung für die Post-Expo-Nutzung. In dieser Funktion sitzt sie auch in der Gesellschaft Arexpo, die das Expo-Gelände besitzt und für die künftige Nutzung zuständig ist (siehe Kasten).

Erforschung von Alzheimer und Parkinson

Tatsächlich tut sich einiges in diesem Bereich. Am weitesten fortgeschritten sind die Pläne für den sogenannten Human Technopole, der rund um den Palazzo Italia als interdisziplinäres Forschungszentrum für Medizin, Biomedizin und Biotechnologie entstehen soll. Zentrale Themen sind etwa die Erforschung von Alzheimer und Parkinson sowie die Alterung der westlichen Gesellschaften. Aber auch die Ernährungswissenschaften sollen vertreten sein.

Der Staat unterstützt das Vorhaben. 2018 sollen die ersten Büros bezogen werden. Zudem wird die staatliche Universität von Mailand mit neun wissenschaftlichen Fakultäten und rund 18 000 Studierenden aufs ehemalige Expo-Areal zügeln. Die Uni will dafür 400 Millionen Euro investieren. Schliesslich plant das Spital Galeazzi einen Umzug von der Stadt auf das Gelände. Geschätzte Investitionen: 25 Millionen Euro. Laut planerischen Auflagen der Stadt Mailand muss die Hälfte des Areals Grünfläche bleiben. Die beiden öffentlichen Institutionen, Human Technopol und die Universität, sollen als Katalysatoren wirken, um private Firmen auf das Gelände zu locken.

Im Januar 2017 hat Arexpo eine internationale Ausschreibung für die Entwicklung eines Master- und Businessplans für die Überbauung von 250 000 bis maximal 440 000 Quadratmeter Nutzfläche vorgenommen. Die Hoffnung ist, dass sich ein Privatinvestor findet, der nicht nur das Projekt für den «Park der Wissenschaft, des Wissens und der Innovation» entwickelt, sondern auch das Immobilienpaket finanziert und umsetzt. Der Nutzungsvertrag soll eine Laufzeit von 99 Jahren haben. Vorbild sind Entwicklungsprojekte, wie sie auf dem Londoner Areal der Olympiade 2012 zum Zug kommen. «Für Italien ist das etwas vollkommen Neuartiges», sagte Giuseppe Bonomi, Verwaltungsratsdelegierter der Arexpo S. p. A., anlässlich der Ausschreibung.

Neue Heimat für durch Brexit verdrängte EU-Behörde?

Inzwischen wurden drei interessierte Gruppen oder Konsortien eingeladen, konkrete Projekte einzureichen: Stam, Coima sowie die australische Leand Lease. Erwartet werden Privatinvestitionen in Höhe von 2 Milliarden Euro. Die Vergabe an den Projektentwickler soll bis Mitte Oktober erfolgen. «Wer den Zuschlag erhält, hängt auch davon ab, welcher Preis für die Pacht des Geländes ausgehandelt wird», sagt Arexpo-Sprecher Marco Dragon.

In Mailand geht man davon aus, dass auf dem Expo-Gelände dereinst täglich 40 000 Personen ein und aus gehen werden – Forscher, Studenten, Dozenten, Angestellte. Eine kleine Stadt. Verkehrstechnisch ist der Ort gut angeschlossen – mit eigenem Bahnhof, Metro und zwei Autobahnen. In Mailand hofft man zudem, dass die Europäische Arzneimittelagentur (EMA), die wegen des Brexit ihren jetzigen Standort London verlassen wird, in die lombardische Metropole ziehen wird. Mailand hat als Sitz den «Pirellone» gleich neben dem Hauptbahnhof Centrale angeboten. «Das wäre natürlich eine hervorragende Präsenz und Ergänzung für unseren Wissenschaftspark», so Dragon. Allerdings bewerben sich weitere europäische Städte um die EMA.

Was ist noch von der Expo geblieben? Vor allem ist es die Aufbruchsstimmung. Mailand, einst eine graue Metropole, hat sich gewandelt, ist mit der Expo grüner geworden. Ein Symbol dafür ist die grüne Meile, die sich vom Bahnhof Porta Garibaldi durch die Innenstadt zieht, aber auch das Quartier Navigli, das für die Expo aufgemöbelt wurde und sich zu einem beliebten Ausgehviertel entwickelt hat. Oder die City Life, die auf dem Expo-Gelände entsteht. Der neue Stadtteil mit spektakulären Wohnungsüberbauungen gruppiert sich um drei Hochhäuser (Tre Torri), die aus der Feder der Architekturbüros Zaha Hadid, Arata Isozaki und Daniel Libeskind stammen.


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