50 Jahre nach der ersten Herztransplantation: Es fehlt an Organen

CHIRURGIE ⋅ Die weltweit erste Herztransplantation von Christiaan Barnard in Südafrika vor genau 50 Jahren ist ein Meilenstein der Medizingeschichte. Heute warten viele Patienten auf ein Herz.
01. Dezember 2017, 07:15

Bruno Knellwolf

Von einem «Routineeingriff» will Markus J. Wilhelm, Leiter Herztransplantation an der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie des Universitätsspitals Zürich, auch fünfzig Jahre nach der ersten Herztransplantation von Chris­tiaan Barnard nicht sprechen. Er zeigt Respekt vor dieser Operation, die Menschen mit fremden Herzen wieder leistungsfähig macht.

Markus J. Wilhelm, 18 Tage nach der ersten Herztransplantation von Christiaan Barnard verstarb der Patient. Wie sind die Überlebens­chancen heute?

Die Überlebenschancen sind heute sehr gut. Man misst den ­Erfolg dieser Therapie heute in Überlebensraten. Weltweit beträgt die 1-Jahres-Überlebensrate 85 Prozent. Nach fünf Jahren 73 Prozent, nach zehn Jahren 57 Prozent, wie das Register der Internationalen Gesellschaft für Herz- und Lungentransplantation zeigt. Die Überlebensraten am Universitätsspital Zürich liegen sogar noch über diesem internationalen Durchschnitt.

Sind Herztransplantationen heute technisch betrachtet Routineeingriffe?

Für mich ist keine Herztransplantation ein «Routineeingriff». Es ist sicherlich ein standardisierter herzchirurgischer Eingriff, der chirurgisch nicht ausserordentlich schwierig ist. Es gibt komplexere herzchirurgische Eingriffe. Trotzdem muss man sowohl bei der Explantation des Spenderherzens als auch bei der Implantation in den Empfänger verschiedene anatomische Gegebenheiten respektieren, damit die Operation gelingt.

Wie leistungsfähig sind Patienten, die mit einem fremden Herzen leben?

Die herztransplantierten Patienten sind voll leistungsfähig. Viele treiben Sport und können wieder in ihren Beruf reintegriert werden. Ein Patient von uns hat das Allalinhorn bestiegen. Es gibt ja sogar die «Olympiade» der Transplantierten.

Auch in der Schweiz fehlt es an Spenderherzen.

Aus den von Swisstransplant ­herausgegebenen Daten geht hervor, dass Ende 2016 150 Patienten auf der Warteliste für eine Herztransplantation standen, aber nur 41 Patienten konnten ein Spenderherz empfangen.

Als mögliche Rettung sah man das Kunstherz, das vor 35 Jahren erstmals eingepflanzt worden ist. Ein Ersatz für ein Naturherz ist es aber nicht geworden. Warum?

Das im Volksmund bezeichnete Kunstherz ist eigentlich ein sogenanntes «Herzunterstützungssystem», quasi ein Hilfsmotor für das geschwächte Herz. Es gibt einige Probleme, die gegenwärtig einer häufigeren Anwendung noch im Wege stehen. Es kann zu Pumpenthrombosen und Embolien kommen, weil das Blut in Kontakt mit fremden Oberflächen kommt. Oder Blutungen, weil, genau um Thromben zu verhindern, das Blut verdünnt wird. Gefahren sind auch Infektionen, Gerätedefekte und fehlende physiologische Adaptation, weil die Pumpen eventuell zu viel oder zu wenig Blut pumpen und sich nicht wie ein transplantiertes Herz an die Situation des Menschen anpassen können.

Zu Zeiten von Christiaan Barnards erster Transplantation gab es viele ethische Diskussionen wegen des Einsatzes eines fremden Herzens. Ist das heute vorbei?

Ja, die Herztransplantation wie auch die Transplantation anderer Organe ist heute akzeptiert und gesetzlich geregelt.

Diskutiert wird eher noch über die Kosten und in diesem Zusammenhang über eine Zweiklassenmedizin. Ein Herz nur noch für Reiche. Ist das eine reale Gefahr?

Nein, überhaupt nicht. Der Versicherungsstatus spielt keine Rolle in der Herztransplantation wie auch in der Transplantation anderer Organe. Wenn die medizinischen Kriterien erfüllt sind und der Patient einverstanden ist, wird der Patient auf die Warteliste zur Herztransplantation gesetzt. Egal, ob er allgemein oder privat versichert ist. Ein Herz oder auch ein anderes Organ kann man nicht kaufen.

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