Geniessen bis zum letzten Rest

ESSEN ⋅ Lebensmittel wegwerfen – nein! Und doch landet pro Person fast eine ganze Mahlzeit pro Tag im Abfalleimer. Das muss nicht sein. Restenlos essen kann lustvoll und kreativ sein.
15. April 2018, 08:18

Monika Neidhart

1000 bis 2000 Franken könnte eine vierköpfige Familie pro Jahr in der Schweiz sparen, wenn sie keine Esswaren wegwerfen würde. Viel Geld, das im Kübel landet. Und nicht nur das. In jeder Orange, die im Plastiksack verschimmelt, weil sie nach dem Einkauf vor Tagen nicht ausgepackt wurde, stecken zum Beispiel rund 50 Liter graues virtuelles Wasser (die Wassermenge, die bei der Herstellung eines Produktes verbraucht wird).

Auch wenn man Lebensmittel nicht wegwerfen will, es passiert doch immer wieder. Der schrumplige Apfel spricht das Auge nicht mehr an. Da greifen wir lieber zum frischen Obst, das beim Abbeissen mit dem knackigen Geräusch den Ohren signalisiert, dass es ein Genuss ist. Doch deswegen muss der Schrumplige nicht im Abfall landen. Das Auge oder gar der Ekel kann überlistet werden. Im Kompott spielt es keine Rolle, wie der Apfel vorher aussah. Im Mus zu den Älplermagronen ist er willkommen. Auch bei einem Schichtdessert mit Fruchtkompott, Löffelbiscuit, «lahm» gewordenen Guetzli und einer ­Crème aus Resten von Joghurt, Quark oder saurem Halbrahm greifen alle gerne wieder zu.

Anders sieht es bei Fleisch, Wurstwaren oder Fisch aus. Hier darf man die Sinne nicht überlisten. Hat sich die Farbe des Nahrungsmittels verändert, riecht es schlecht, fühlt es sich schmierig an, muss es tatsächlich weggeworfen werden, um gesundheitliche Schäden zu vermeiden. Doch so weit muss es erst gar nicht kommen.

Vor dem Wocheneinkauf einen Restentag einlegen

Wenn neben dem etwas hart gewordenen Brot das frische duftet, bleibt ersteres liegen. Warum also nicht vor dem Grosseinkauf einen Restentag einschalten? Das kann sehr lustvoll sein, da neue Gerichte und neue Kombinationen entstehen. Der Pürierstab lässt Runzeln und Flecken von Früchten und Gemüse verschwinden. Daraus entstehen Suppen oder trendige Smoothies.

Auch in süssen und salzigen Aufläufen oder Gratins lassen sich Resten mischen. Eine feine Kruste ergibt sich durch geriebenen Käse, der auch etwas ausgetrocknet sein kann oder gemischt mit Paniermehl, hergestellt aus altem Brot. Damit die Flüssigkeit aus Rahm, Milch, Bouillon, ­Joghurt bindet, etwas Mehl, Maizena oder Eier beigeben. Wähen und Pizza waren schon bei ­ ihrer Erfindung Restenverwerter. Auch in einen Salat oder in ein Birchermüesli kann viel gemischt werden. Das neuste Buch von Betty Bossi «Restenlos geniessen» ­bietet hierfür eine ausgezeichnete Erste Hilfe für Resten und eine Fülle von Rezeptideen auf 300 Seiten.

Die grosse Herausforderung ist der Einkauf: Was essen wir in den kommenden Tagen? Wie viele ­essen mit? Was hat es noch im Vorrat? Eine entsprechend angepasste Einkaufsliste hilft, nur das zu kaufen, was auch wirklich gegessen wird.

Packungen zu gross für Ein-Personen-Haushalte

Bei Aktionen kann man nur dann Geld sparen, wenn die eingekaufte Menge auch wirklich gegessen wird. Bei abgepackten Lebensmitteln hilft der Blick auf das Datum. «Mindestens haltbar» steht auf Nahrungsmitteln, die bei richtiger Aufbewahrung und ungeöffnet ein paar Tage über das Datum hinaus ohne Probleme gegessen werden können. Bei leicht verderblichen Lebensmitteln, wie Fleisch oder Fisch, muss ­ der aufgedruckte Zeitpunkt «Zu verbrauchen bis» eingehalten werden. Ausser man kocht das Fleisch vor Ablauf und stellt es maximal zwei Tage in den Kühlschrank oder gefriert es ein. So können gesundheitliche Risiken umgangen werden.

Ein- bis Zwei-Personen-Haushalte sind besonders gefordert, da die abgepackten Mengen meist zu gross sind. Damit man nicht mehrere Male hintereinander das Gleiche essen muss, hilft das Kochen von mehreren Portionen und das Eingefrieren. Einen Blätterteig kann man in vier bis sechs Portionen teilen und darin je ein halbes Pouletbrüstchen, mit Käsestengel und Schinkentranche umwickelt, einpacken. Oder mit Gemüse füllen. Auch Wähen lassen sich fixfertig vorbereiten und in kleinen Blechen einfrieren, mit Alufolie oder Tiefgefriersäcken luftdicht eingepackt. So ist dann ein anderes Mal schnell gekocht.

Mehrere Tage haltbar sind Rüebli und Randen, gekocht oder roh, die als Salate die frische Note geben. Ideal sind auch gemischtes Gemüse aus dem Tiefgefrierer, dem man die jeweilige Menge entnehmen kann. Damit man nicht immer den gleichen Salat essen muss, kann man in einem Kleinhaushalt auch zu einer Salatmischung greifen. Das ist zwar im Moment teurer als das Selberrüsten. Wenn man dadurch aber keine Resten hat, gleicht es sich wohl wieder aus.

Richtig gelagert, verlängert die Haltbarkeit

Für jedes Nahrungsmittel gibt es eine Umgebung, in der es am besten frisch bleibt. Deshalb ist es wichtig, den Einkauf fachgerecht im Haushalt zu versorgen. Bei abgepackten Lebensmitteln steht meist ein Hinweis auf der Verpackung. Wenn es zu viel oder zu wenig Luft, Feuchtigkeit oder Wärme abbekommt, ist die Gefahr gross, dass das Nahrungsmittel schnell fault, schimmelt und verdirbt. So werden Bananen neben Äpfeln in der Fruchtscha-le rasch braun und Brot im Plastiksack oder im Kühlschrank gummig.

Das neue Betty-Bossi-Buch «Restenlos geniessen» kann hier ein guter Helfer sein. In Randspalten wird beschrieben, wie Nahrungsmittel für kurze Zeit richtig aufbewahrt oder tiefgekühlt werden. Dazu gibt es Hinweise, wann etwas noch essbar ist. So mögen beispielsweis Tomaten und Auberginen keine Kälte, im Kühlschrank verlieren sie an Frische. Pragmatismus ist manchmal die bessere Wahl: Lieber verliert die Tomate im Kühlschrank etwas an Aroma, als dass sie bei Zimmertemperatur verfault. Was immer gilt: Neues hinter den bisherigen Vorrat stellen, gekochte Resten auskühlen lassen und zugedeckt gut sichtbar in den Kühlschrank stellen.

Das Radieschen vom Blatt bis zur Wurzel verwerten

Auch beim Zubereiten der Mahlzeiten können Abfälle vermieden werden. Das Prinzip «Leaf to Root», das Esther Kern in ihrem gleichnamigen Buch aus dem AT-Verlag propagiert, hat «Restenlos geniessen» aufgenommen. Statt runzlige Apfelschalen wegzuwerfen, kann man sie in einer Pfanne mit Wasser aufkochen, nach zehn Minuten absieben und nach Belieben mit Zitrone, Zimtstange und Honig als Tee servieren. Auch feine Radiesliblätter können als Salat roh gegessen, grobe wie Spinat gekocht werden. Eine Haltung, die dazu anregt, das Rüsten neu zu bedenken. Warum schneide ich das überhaupt weg?


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