Neues Kulturzentrum: «Hallo Welt, Kosmos speaking»

ZÜRICH ⋅ In Zürich öffnet am 1. September das Kulturzentrum «Kosmos» seine Türen, mit sechs Kinos, Veranstaltungsforum, Restaurant und Buchladen. Ein Besuch auf der Baustelle.
09. August 2017, 04:39

Valeria Heintges

Die Gegend ist hip und modern, keine Frage. An der Ecke Langstrasse und Lagerstrasse steht das neu erbaute, schwarz schillernde 25-hours-Designhotel. Es wirbt an der Fassade mit «welcome», «hug» und «surprise» und individuell eingerichteten Zimmern um Gäste. Das Hotel beherbergt auch das Restaurant Neni mit «eklektischer, ostmediterraner Küche» und Mittagsmenus zwischen 19 und 28 Franken. Gleich daneben residiert Google, oben und unten ab dem 1. September das neue Kulturzentrum «Kosmos». «Hallo Welt, Kosmos speaking!» verkündet ein Plakat im Fenster und verspricht einen «Brennpunkt für Kontemplation, Diskurs, Unterhaltung und Genuss» an «Triple-A-Lage», also an bestem Standort. Der «Kosmos» besteht in diesem Fall aus sechs Kinos, einem Veranstaltungsforum, einem «grossen Restaurant im Stil eines Pariser Bistrots oder eines zeitgenössischen Kaffeehauses», einer Loungebar und einem Buchladen.

SBB helfen mit Langzeitmietvertrag und Darlehen

Jeden Mittwoch empfängt Geschäftsführer Martin Roth Neugierige, um sie durch sein 550 Quadratmeter grosses Reich zu führen. «Wir haben die perfekte Abendsonne für die Aussengas­tronomie», sagt er. Und: «Wir sind das Bindeglied zwischen Europaallee und Langstrasse.» Das heisst: Modern wie die Europaallee, aber nicht gesichtslos. Und hip wie die Langstrasse, aber nicht schmuddelig. Die SBB als Vermieterin greifen dem Unterfangen mit einem 20-Jahres-Mietvertrag unter die Arme und vergeben die Hälfte der Investition von 16 Millionen Franken als verzinsliches Darlehen. In die Kasse kommen andere Darlehen und Bankkredite, aber keine Subventionen, darauf legt Roth wert.

Wer steckt hinter der Idee? Die Frage ist schnell beantwortet: Es sind der Filmer Samir, auf dessen Idee die sechs Kinos zurückgehen, und Bruno Deckert, der «Sphères – bar, buch & bühne» mitgründete, den Laden aber unlängst an Mitarbeiter verkaufte. Die Architektur spiegelt die Idee, dass die Genres nicht getrennt werden, sondern ineinanderfliessen sollen: So geht das Veranstaltungsforum nach vorne ins Restaurant und nach oben in den Buchladen über. Bis zu 300 Zuschauer können auf einer steilen Tribüne neben der Treppe sitzen; eine Bestuhlung mit 100 Plätzen ist ebenfalls möglich. Kleinere Veranstaltungen finden im Buchsalon statt, der mit Sperrholzplatten ausgestattet ist und über eine Bar verfügt, die ein Bücherwurm auf Plättli ziert. Das Konzept nennt Roth «Sphères 2.0», also die gut kuratierte Buchhandlung mit Veranstaltungen in einer grösseren, moderneren und zentraleren Variante. Nicht nur Lesungen wird es geben, sondern auch Diskussionen, Vorträge und Gespräche, beispielsweise unter dem Titel «Kosmopolitics» zusammen mit dem benachbarten Medienprojekt «Republik». 90 Anlässe seien schon geplant. Roth gibt sich jedoch bescheiden punkto Akustik: «Wir sind kein Tonstudio, man hört wohl Geräusche aus dem Restaurant, grössere Konzerte haben wir deshalb noch nicht gebucht.» Das Restaurant muss als Herz des Gebäudes die Kultur nämlich mitfinanzieren: 100 Sitzplätze sind geplant, draussen noch einige mehr.

Ähnliches Kinoprogramm, aber keine Konkurrenz

Im Keller liegen die Kinosäle, fast unter den Gleisen der SBB. Sechs Säle, von 80 bis 218 Plätzen, goldien-curryfarbene Sessel, schwarze Räume, zum Teil mit Bühne und Veranstaltungstechnik ausgerüstet, einer wird als «Premierensaal» deklariert. Zu sehen gibt es ein Programm, das Roth «greater Arthouse» nennt und das deutlich dem der Neugass Kino AG ähnelt, die das Riff-Raff gleich auf der anderen Seite der Gleise betreiben, ebenso das «Houdini» nur wenig weiter und das «Bourbaki» in Luzern. «Unser Unternehmen ist ein Risiko, aber es muss wirtschaftlich funktionieren», sagt Martin Roth deutlich. Er weiss, dass die Kinobetreiber Ängste hegen, aber er hofft weniger auf Konkurrenz als vielmehr auf eine «gegenseitige Befruchtung». Die wäre auch auf der Literaturseite wünschenswert, wenn etwa Arundhati Roy am 11. September im «Kosmos» ihren neuen Roman «Das Ministerium des äussersten Glücks» vorstellt; eine Veranstaltung, die man bisher eher im «Kaufleuten» vermutet hätte. Pikantes Detail: Reto Bühler verantwortet das Literaturprogramm in beiden Häusern. Ab dem 1. September wird sich also weisen müssen, ob Zürichs Kulturaquarium bunter wird oder endgültig zum Haifischbecken mutiert.


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