«Hund wählt den Besitzer aus»

AUSBILDUNG ⋅ Assistenzhunde durchlaufen eine umfassende Erziehung. Trainerin Stefanie Perren erklärt, was die Tiere alles lernen müssen und wofür sie zum Einsatz kommen.
18. Juni 2017, 09:02

Interview Pirmin Bossart

 

Stefanie Perren, Sie sind Trainerin für Assistenzhunde beim Verein Le Copain. Weshalb machen Sie das?

Ich hatte mir schon als Kind immer einen Hund gewünscht. Aber da geht man für 15 Jahre eine Verpflichtung ein. Deshalb haben sich meine Eltern beim Verein Le Copain als Gastfamilie gemeldet: So konnten wir temporär einen Hund halten und erst noch etwas Gutes tun. Unterdessen habe ich selber die Ausbildung als Trainerin gemacht und betreue nun mehrere Gastfamilien.

Hauptberuflich arbeiten Sie als Physiotherapeutin am SPZ in Nottwil. Das scheint kein Zufall zu sein.

Ich hatte als Mitglied einer Gastfamilie und später als Trainerin immer wieder mit Menschen im Rollstuhl zu tun. Ich lernte interessante Leute kennen, und mir gefiel das Umfeld. Nach der Ausbildung zur Physiotherapeutin dachte ich, dass das SPZ auch ein guter Arbeitsplatz sein könnte. Seitdem bin ich hier.

Was macht der junge Assistenzhund bei einer Gastfamilie?

Ein potenzieller Assistenzhund kommt im Alter von 10 bis 12 Wochen zu einer Gastfamilie. Dort erhält der Welpe während einem bis anderthalb Jahren die Grundausbildung. Er lernt, die wichtigsten Befehle zu befolgen, um sich in den verschiedensten Situationen, ob draussen oder drinnen, adäquat zu verhalten. Er darf sich nicht von den Einflüssen der nächsten Umgebung ablenken lassen, etwa von Joggern, spielenden Kindern oder andern Hunden, und er muss in allen Situationen ruhig an der Leine laufen, ohne zu ziehen. Bei einem Blindenhund ist das anders. Bei motorisch behinderten Menschen wäre dieses Verhalten gefährlich. Der Rollstuhl könnte kippen.

Die Erziehung in der Gastfamilie ist nur ein Teil. Wie geht es weiter?

Wenn der Hund 12 bis 16 Monate alt ist, verlässt er die Gastfamilie und kommt zur intensiven Schulung ins Schweizerische Zentrum für die Ausbildung von Hilfshunden in Grange VS. Dort wird er noch gezielter und präziser geschult und lernt weitere Befehle, die für seinen künftigen Begünstigten notwendig sind. Die ausgebildeten Hunde müssen über 50 Befehle befolgen können.

Was können die Hunde danach?

Sie heben heruntergefallene Gegenstände verschiedenster Materialien auf wie Feuerzeug, Brille, Schlüsselbund, Kugelschreiber usw. Sie bringen auch Gegenstände, etwa das Handy oder eine Tasche. Im Einkaufsladen oder an einem Schalter helfen sie bei den Transaktionen, überreichen das Portemonnaie oder einen Ausweis. Sie schalten das Licht ein und aus, öffnen und schliessen Türen oder bellen auf Kommando, wenn der Rollstuhlfahrer irgendwo eingeklemmt oder umgefallen ist. Die Tiere geben ­Sicherheit und erlauben den Rollstuhlfahrern, dass sie sich viel selbstständiger durchs Leben schlagen können. Äusserst wichtig ist der soziale Aspekt: Ein Hilfshund erleichtert Kontakte mit Leuten und schafft Verständnis für Behinderte.

Können die Begünstigten auch eigene Befehle kreieren?

Selbstverständlich. Ich kenne Leute, denen die Hunde die Schuhe ausziehen und denen sie die TV-Fernbedienung oder ein Cola aus der Küche bringen. Andere Hunde helfen den Betroffenen bei der Wäsche und ziehen die letzten Kleidungsstücke aus der Trommel, die sonst schwierig zu greifen sind.

Welche Hunde eignen sich speziell als Assistenzhunde?

Le Copain arbeitet mit den Rassen Labrador Retriever und Golden Retriever, die sich durch ihren Apportinstinkt, ihre Folgsamkeit und Anpassungsfähigkeit sehr gut eignen. Es kann sich während der Ausbildung zeigen, dass einzelne weniger geeignet sind als andere. Diese werden dann als Sozialhunde eingesetzt, etwa in Altersheimen.

Wie kommt ein Interessent zu einem Assistenzhund?

Er kann beim Verein Le Copain seinen Wunsch anmelden. Er muss motiviert und auch gewillt sein, die notwendige Verantwortung für den Hund zu übernehmen. Die Hunde werden den Begünstigten unentgeltlich abgegeben. Sie bleiben aber im Besitz von Le Copain, dessen Fachpersonen die Hunde auch regelmässig besuchen. Die Ausbildungskosten werden vom Verein übernommen. Dieser finanziert sich ausschliesslich über Spenden, unter anderem von der Schweizer Paraplegiker-Stiftung.

Mensch und Hund müssen ja ­möglichst zusammenpassen: Wie wird das gewährleistet?

Eigentlich wählt der Hund seinen zukünftigen Herrn aus: Während der Ausbildungszeit in Granges kommt der künftige Halter zu Besuch und sitzt in einem Raum, dann wird der Hund hereingelassen. Je nach dessen Reaktionen wird bald ersichtlich, ob es funktioniert oder nicht. Es kann sein, dass erst nach dem vierten Hund klar ist, dass Herr und Hund zusammenpassen. In den letzten zwei Wochen der Intensivschulung in Granges kommen die künftigen Hundehalter vorbei und machen ein Praktikum. Dann gibt es eine feierliche Übergabe der frisch ausgebildeten Assistenzhunde an die Begünstigten. Gestern Samstag fand die Übergabe von sechs Hunden statt, diesmal im SPZ Nottwil.

Wie viele Assistenzhunde sind in der Schweiz im Einsatz?

Seit der Gründung von Le Copain sind über 300 Assistenzhunde abgegeben worden. Sie begleiten vorab Menschen im Rollstuhl oder Menschen mit Epilepsie. Der Verein hat rund 40 Gastfamilien in der ganzen Schweiz, welche von Zeit zu Zeit einen jungen Hund für die Grundausbildung bei sich aufnehmen.

 

Hinweis

Weitere Infos: www.lecopain.ch/de


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