Im Wald steckt viel Heilkraft

NATUR ⋅ Im Herbst, der am Dienstag beginnt, zeigt sich der Wald von seiner schönsten Seite. Auch Wissenschafter empfehlen Spaziergänge, denn dieses «Baden im Wald» hält offenbar gesund.
17. September 2017, 10:05

Christian Satorius

Kann allein der Anblick von Bäumen die Genesung nach einer Operation beschleunigen? Roger S. Ulrich, klinischer Psychologe an der Universität von Uppsala in Schweden, wollte das genauer wissen und führte in den 1980er-Jahren eine interessante Studie durch.

Patienten, die gerade frisch an der Gallenblase operiert waren, verlegte er sofort nach der OP in ein Spitalzimmer, das nur ein einziges Fenster aufwies. Mit einem Blick durch dieses Fenster konnte die eine Hälfte der Patienten auf eine Reihe von Bäumen sehen, die andere Hälfte der Patienten schaute durch ihr Fenster lediglich auf eine Ziegelsteinmauer. Schon nach wenigen Tagen lagen die Ergebnisse der Studie vor: Die Patienten, die auf die Bäume blicken konnten, benötigten deutlich weniger Schmerzmittel und konnten einen Tag früher das Spital verlassen.

«Den Wald in sich aufnehmen»

Solche Untersuchungsergebnisse stiessen damals vor allem in Japan auf offene Ohren. Zu dieser Zeit nahmen dort die Fälle von «Karoshi» immer mehr zu, dem «Tod durch Überarbeitung». Die Behörden gerieten damals zunehmend unter Druck und mussten sich etwas einfallen lassen, was sie den Herzinfarkten, Hirnschlägen und Suiziden entgegensetzen konnten, die durch ein zu hohes Arbeitspensum und den damit einhergehenden Stress verursacht wurden.

Eine der Lösungen hiess «Shinrin-Yoku», was übersetzt in etwa so viel bedeutet wie «den Wald in sich aufnehmen», bei uns sagt man heute auch Waldbaden. Dieses ist nichts anderes als ein gemütlicher Waldspaziergang, bei dem man den Wald aber ganz bewusst geniesst, die frische Waldluft einatmet, dem Blatt­rauschen lauscht, die Schönheit der Bäume in aller Ruhe betrachtet, den Vogelgesang verfolgt, und auch ruhig ausgedehnte Pausen macht, wenn einem danach ist.

Joggen und andere Aktivitäten, wie etwa Fitnesstraining oder Musikhören, sind beim Shinrin-Yoku ausdrücklich tabu. Und es wirkt. So gut sogar, dass Shinrin-Yoku in Japan und Korea inzwischen von Medizinern zur Vorbeugung gegen Stress und verschiedene Zivilisationskrankheiten empfohlen wird und von Krankenversicherungen bezahlt.

Positive Auswirkungen sind messbar

Inzwischen gibt es in ganz Japan über 60 spezielle «Waldheilpfade». Allein in den Jahren 2004 bis 2012 investierten japanischen Behörden umgerechnet knapp ­ 4 Millionen Franken in die wissenschaftliche Erforschung der psychologischen und physio­logischen Wirkungsweisen des ­Shinrin-Yoku. «Waldbaden gibt wieder neue Kraft», sagt Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio, «und kann dabei helfen, nicht durch zu viel Stress krank zu werden.»

Als einer der ersten Mediziner, die sich wissenschaftlich ausführlich mit dem Waldbaden ­befasst haben, weiss Qing Li: «Waldbaden kann den Blutzuckerspiegel sowie den Blutdruck senken, die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel reduzieren und gegen Nervosität helfen.»

Interessanterweise fanden die Tokioer Forscher diese positiven Einflüsse auf die Gesundheit nur bei Waldspaziergängen bestätigt, nicht aber bei Spaziergängen durch eine baumlose Stadt. Qing Li hat dazu zusammen mit Tomoyuki Kawada gleich eine ganze Reihe von interessanten Studien durchgeführt, bei denen die Wissenschafter ihre Versuchsteilnehmer auf Herbstspaziergänge in den Wald und in die Stadt schickten.

Am ersten Tag sollten die Probanden lediglich einen einzigen Spaziergang von gerade mal 2,5 Kilometern Länge in zwei Stunden absolvieren und am zweiten Tag ganze zwei derartiger Spaziergänge – jeweils in der ihnen zugewiesenen Umgebung, entweder im Wald oder in der baumlosen Stadt.

Effekt ist nachhaltig

Forschungsleiter Qing Li resümiert der Ergebnisse: «Wir haben festgestellt, dass das Waldbaden den Spiegel der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin signifikant gesenkt hat, während die Stadtspaziergänge keinen derartigen Effekt hatten. Das Waldbaden hat zudem die Anzahl der natürlichen Killerzellen (NK-Zellen) des Immunsystems deutlich erhöht, deren Aktivität gesteigert und auch die Bildung von Anti-Krebs-Proteinen angeregt – ebenfalls wieder im Gegensatz zum Stadtspaziergang.» Das Erstaunliche daran: Auch sieben Tage nach dem Waldbaden liessen sich diese Effekte noch nachweisen, in einigen Fällen gar 30 Tage lang.

Aber woher kommt diese Heilwirkung des Waldes, wer oder was ist dafür verantwortlich? «Bei unseren Untersuchungen konnten wir verschiedene Phytonzide in der Waldluft nachweisen, wie etwa Isoprene, Alpha-Pinene, Beta-Pinene und Limonene, von denen wir denken, dass sie eine wichtige Rolle spielen», sagt Li. Phytonzide sind Abwehrstoffe, die Pflanzen bilden, wenn sie von Insekten angefressen oder von schädigenden Pilzen, Bakterien oder Viren befallen werden. Die Bäume geben diese chemischen Verbindungen auch in die Waldluft ab, die wir beim Spaziergang einatmen.

Es liegt etwas Gutes in der Luft

Es ist also keinesfalls nur die reine, saubere Luft im Wald oder ihr hoher Sauerstoffgehalt, der für die positiven gesundheitlichen Effekte verantwortlich ist. Es liegt im wahrsten Sinne des Wortes viel mehr in der Luft.

Bei der Frage aber, wie diese und andere Stoffe im Detail auf den menschlichen Organismus einwirken, steht die Forschung erst noch am Anfang. Aber auch die Geräusche des Waldes machen das Waldbaden zu einem ganzheitlichen Erlebnis. Die absolute Stille, das leise Blattrauschen, aber auch der Gesang der Vögel sorgen dafür, dass der ­Organismus zur Ruhe kommt und sich vom allgegenwärtigen Grossstadtlärm erholen kann.

Dennoch will Qing Li die positiven Effekte des Waldbadens auch nicht überbewerten: «Wenn Sie wirklich krank sind, brauchen Sie keinen Wald, sondern einen Arzt.»


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