Intime Gespräche im kalten Rauch

TELEFONKABINEN ⋅ Öffentliche Telefonkabinen gehören ab nächstem Jahr nicht mehr zum Service public. Die stickigen Kabäuschen mit Verbindung in die Welt werden bald Geschichte sein. Zeit für ein paar Erinnerungen.
10. November 2017, 07:56

Es ist erst gut 20 Jahre her, da musste man eine Telefonkabine aufsuchen, wenn man von unterwegs telefonieren wollte. 60 Rappen genügten für einen Anruf. Die wichtigsten Telefonnummern kannte man auswendig oder fand sie in einem der aufklappbaren Telefonbücher. Was für ein gewaltiger metallener Buchordner das war. Und dieser Klang, wenn das Münz durch den Schlitz fiel. Weniger schön der Ton, der ankündigte, dass das Guthaben in Kürze aufgebraucht sein wird. Alles bald Tempi passati. Die Swisscom ist ab 2018 von ihrer Pflicht entbunden, mindestens 4100 Publifone zu betreiben. Telefonieren in der Öffentlichkeit ist ab dann privat zu organisieren.

Früher war die Swisscom mit den Telefonkabinen gut im Geschäft. Die Blütezeit war Mitte der Neunzigerjahre. Damals gab es fast 60000 sogenannte Publifone im Land; also öffentliche Telefonzellen, oder auch Münztelefone bei privaten Unternehmen, etwa in Restaurants. Unverbunden ging der Mensch damals durch die Welt und hatte doch stets das nächste Telefon in Reichweite. Zahlreich sind denn auch die Anekdoten und Geschichten rund um die Telefonkabinen. Manche Liebschaft nahm darin ihren Anfang, andere wurden per Münztelefon kurz entschlossen beendet. Ganz Nostalgische können für 1600 Franken eines der ausgemusterten Häuschen kaufen, plus 1600 Franken für die Montage. (kaf)

Eine willkommene Behausung

Was ist das, was ist geschehen? Der Schlafsack liegt schwer auf einem, durchnässt vom aufgekommenen, dicken Nebel. Feucht auch die Haare. Es ist frühe Morgendämmerung an einem Baggersee irgendwo in der nordfranzösischen Provinz bei Metz.

Die Erinnerung geht zurück in die Zeit, als man in den Ferien noch mit Autostopp unterwegs war und bedenkenlos im Freien übernachtete. Trampen wurde diese Form des Reisens genannt. Das Geld war knapp.

Von der belgischen Küste kommend, hatte es uns – mich und einen Reisekollegen – in dieses nordfranzösische Nest verschlagen, wo wir uns einen Schlafplatz suchten. Nach und nach waren die letzten Badegäste verschwunden und wir krochen hinter Büschen in die Schlafsäcke. Und dann kam eben der Nebel und damit die Nässe.

Frierend krieche ich aus dem Schlafsack, schleiche um die bescheidene Badehütte – und entdecke eine Telefonkabine. Die Rettung. Der Rucksack in Form eines alten Armeetornisters wird in eine Ecke gestellt; er dient als Sitz, auf dem ich allmählich wieder eindöse. Das Aufwachen wird jedoch erneut zur Qual. Beide Beine sind eingeschlafen. So stolpere, torkle ich in den neuen Tag.

Urs Bader

Klebrig, stinkig, gruselig

Die Telefonkabine ist kein Ort der Hygiene. Wo man hingreift, klebt es. Es stinkt, als hätten Passanten das Glashaus seit Jahren als Fumoir und Pissoir zweckentfremdet. Man bildet sich ein, am Hörer Ohrenschmalz zu entdecken. Und die klimatischen Bedingungen: Entweder ist es zu kalt. Oder, kaum lugt die Sonne hervor, zu warm. Als das Handy noch nicht existierte, gab es gute Gründe, um dieses Gruselkabinett dennoch zu betreten. Schliesslich mussten die Daheimgebliebenen erfahren, dass der Skiort wegen einer Lawine von der Aussenwelt abgeschnitten, man selber aber wohlauf ist. Dass die Westschweiz die Praktikantin auch nach Wochen noch begeistert. Dass man trotz der Reisehochgefühle einiges von zu Hause vermisst.

Um unterwegs näher bei den Liebsten zu sein, deswegen tippte man auf schmuddeligen Tasten herum, schnaufte oberflächlich, um möglichst wenig Mief ein- zuatmen. Meldete sich am anderen Ende der Leitung jemand, war der Ekel meist vergessen. Bis im Biologie-Praktikum diese Übung anstand: Eine Probe vom Telefonkabinenhörer nehmen und warten, was in der Petrischale passiert. Nein, Sie wollen es nicht wissen! Natürlich ist auch das Handy nicht klinisch rein. Immerhin ist man dort für den Bakterienmix aber selber verantwortlich.

Diana Hagmann-Bula

Intime Gespräche im kalten Rauch

Da steht sie plötzlich. Gerade als ich aufgeben, umdrehen und irgendwie nach Hause fahren will, sehe ich die Telefonkabine. Wie eine Erscheinung steht sie hell erleuchtet auf diesem Platz, der keiner ist, in diesem Thurgauer Dorf, das diese Bezeichnung kaum verdient. Als ich die Türe aufstosse, rechne ich fest damit, dass der Apparat kaputt ist – keine Verbindung von diesem verlassenen Ort. Als ich das Freizeichen höre, gehe ich vor Dankbarkeit fast auf die Knie.

Eine Stunde zuvor bin ich losgefahren. Das uralte Navi meines Autos hat da schon den Geist aufgegeben. Der Akku meines Handys tut es dem Navi wenig später gleich. Was mir bleibt, ist ein lausiger Ausdruck eines Kartenstücks sowie die Adresse, die ich mir aufgeschrieben habe. Ich muss dort dringend etwas abholen. Es hat längst eingedunkelt. Strassennamen scheint es hier gar nicht zu geben. Niemand auf der Strasse, den ich fragen könnte. Ich fahre im Kreis. Bis ich sie sehe, besagte Telefonkabine, am gefühlten Ende der Welt. Telefonbuch raus, Einfränkler rein. Eine Minute später klingle ich an der richtigen Türe. Ich hatte wenige Meter davon entfernt parkiert.

Katja Fischer De Santi

Rettungsinsel für pubertäre Geheimnistuerei

Mich packt jeweils der Neid, wenn meine fast erwachsene Tochter ins Handy säuselt «Hey, salut! Wie geht’s?», vom Tisch aufsteht, mit ihrem Handy und ihrem Schatz im Ohr in ihrem Zimmer verschwindet. Wie war das noch, damals vor dreissig Jahren? Wollte man mal ungestört mit dem Schulschatz telefonieren, musste man zur nächsten Poststelle – damals gab es noch bei jeder eine Telefonzelle. Weil zu Hause, da hing das Wandtelefon im Wohnzimmer, kabellos war erst später, und Handys waren noch gar nicht vorstellbar. Rief die Jugendliebe an, spitzten Eltern und Geschwister kichernd die Ohren. Geheimsprache half da begrenzt: «Gehen wir Pingpong spielen?» war der Code für Knutschen, «Ich muss noch Hausaufgaben erledigen» der Code für «Hab heute keine Lust für ein Treffen». Was mussten wir doch als Jugendliche für Aus­reden erfinden, um mal schnell ungestört telefonieren zu können, in der Telefonzelle! Und dies auch im Winter. Die Zeiten ändern sich ausnahmsweise mal zum Guten: Die Telefonzelle braucht es heute nicht mal mehr als Rettungsinsel für pubertäre Geheimnistuerei.

Hansruedi Kugler


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