Mit Anic Lautenschlager geht’s jetzt Schlag auf Schlag

«READY, STEADY, GOLF» ⋅ Anic Lautenschlager (33), SRF 3-Moderatorin aus Luzern, spielt sich ab morgen mit dem Golfschläger quer durch die Schweiz. Dazu hat sie auch Golf gelernt und schon mal den inneren Schweinehund besiegt.
10. September 2017, 07:49

Interview: Hans Graber

Anic Lautenschlager, bei SRF 3 sagt man einander du. Hier auch?

Unbedingt, das wäre sonst ja komisch.

Du kommst soeben von einer Prüfung. Gut gegangen?

Erstaunlich gut. Ich habe die Platzreifeprüfung gehabt heute Morgen.

Was ist denn das ums Himmels willen?

Die muss man beim Golfen machen, damit man überhaupt auf einen Platz darf. Man muss seinem Trainer zeigen, dass man gewisse Schläge beherrscht, und dass man weiss, wie man sich auf dem Platz benimmt. Ein Beispiel: Wenn mein Ball in eine ganz andere Richtung fliegt als beabsichtigt, muss ich «Fore!» schreien, damit die anderen Leute den Kopf einziehen können. Oder: Wenn ein Golfball im Green auf dem Räseli einen Abdruck hinterlässt, darf man auf keinen Fall vergessen, den auszubessern.

Kann man bei der Platzreifeprüfung durchfallen?

Ja, das passiert nicht mal selten, aber man kann anscheinend relativ einfach die Teile, die man nicht bestanden hat, wiederholen. So oft man will. Man muss nicht zum Psychologen nach drei Mal.

Du bist zum Golfen gekommen, weil SRF 3 nächste Woche mit deiner Beteiligung das Special «Ready, Steady, Golf» macht. Ich habe eine Vorschau gelesen, komme aber ehrlich gesagt nicht draus.

Also, eigentlich ist es eine ganz simple Idee: Zwei Teams gehen eine Woche lang einmal quer durch die Schweiz, vom Genfer- bis an den Bodensee, Golf spielend. Wer zuerst den Ball in den Bodensee schiesst, hat gewonnen. Wir sind aber nie auf Golfplätzen, und wir müssen auch kein Loch treffen mit dem Ball, sondern es ist so eine Art Cross-Golf, querfeldein. Um vorwärtszukommen, sind auch Transportmittel erlaubt, es gibt Joker, Leute dürfen einen maximal 5 Minuten in ihrem Gefährt mitnehmen ...

... ich begreife immer weniger ...

... (lacht) am besten einfach zuhören ab morgen bis Freitag, tagsüber auf Radio SRF 3, zudem gibt es online auf srf3.ch einen Livestream mit Bildern und abends jeweils ab 19.00 Uhr eine Zusammenfassung im Fernsehen auf SRF zwei.

Soweit ich kapiert habe, wäre dazu die Platzreifeprüfung aber gar nicht nötig gewesen.

Das ist so. Die machte ich nur, um meinen inneren Schweinehund zu besiegen. Ich habe mir gedacht, wenn ich schon eine Ahnung vom Golfspiel haben muss, dann will ich das richtig machen. Ich habe seit März relativ intensiv gelernt und geübt, ein- bis dreimal pro Woche, teils unter Anleitung eines Lehrers, teils auf eigene Faust. Und ich hab’s gelernt!

War «Ready, Steady, Golf» deine Idee?

Nein, ursprünglich stammt sie von einer kleinen Produktionsfirma, vorgesehen war zunächst eine zweistündige Sendung. Das hat sich dann mehr und mehr ausgewachsen, und als mich mein Chef fragte, ob ich mitmachen möchte, habe ich sofort zugesagt. Ich habe gerne so Projekte und finde es gut, wenn man mal herausgerissen wird aus dem normalen Arbeitsalltag. Mir war aber bei der Zusage gar nicht bewusst, dass ich Golf lernen muss. Der Ehrgeiz hat mich erst später gepackt.

Wie war deine Meinung über Golf, bevor du dich damit befasst hast?

Golf ist kein richtiger Sport, etwas für Senioren, man schwitzt nicht, man hat keinen Muskelkater, recht simpel alles. Golf ist elitär, teuer und zeitaufwendig, und es gibt viele komische Regeln, auf und neben dem Platz.

Und jetzt sind all diese Vorstellungen revidiert?

Einige schon. Ich bekam Muskelkater und habe Blut und Wasser geschwitzt. Mental war ich weit mehr gefordert, als ich gedacht habe. Die Regeln finde ich nicht mehr so streng, jedenfalls nicht im Migros-Golfpark Holzhäusern, wo ich gelernt habe. Teuer ist es auch nicht unbedingt, wenn man sich nicht einem Superclub mit 20000 Franken oder mehr Eintrittsgebühr anschliessen möchte. Eine Anfängerausrüstung kann man sich für ganz wenig Geld zulegen. Ich war letzthin in einem Luzerner Brocki, da konnte man alle Schlägertypen für je etwa 5 Franken kaufen. Was sich bestätigt hat: Es spielen schon viele Senioren Golf. Aber die haben halt auch am meisten Zeit.

Könnte Golf dein neues Hobby werden?

Ich hoffe das schon ein wenig. Für diese eine Woche allein wäre das sonst zu viel Aufwand gewesen. So intensiv wie in den letzten Monaten wird es sicher nicht mehr sein, aber ein wenig dranbleiben möchte ich schon. Ich habe ja sonst keine Hobbys.

Vielleicht nimmt dich der Golfclub Luzern auf, der uns hier auf dem Dietschiberg für das Interview freundlicherweise Gastrecht ­gewährt hat.

Eine traumhafte Lage, man könnte fast neidisch werden. Aber da müsste ich erst um Lohnerhöhung bitten, zudem muss man zwei Götti haben, die einen empfehlen. Und wer will schon mein Götti sein (lacht).

Aufgewachsen bist du statt mit dem Golf- wohl eher mit dem Eis­hockeyschläger.

Mein Papi Beat zwar war Hockeyspieler, unter anderem bei Kloten und Biel, später an verschiedenen Orten Trainer, aber selber Hockey gespielt habe ich nie. Ich glaube, der Vater war eher dagegen. Er wollte aber, dass mein Bruder und ich Schlittschuh laufen können, und das habe ich auch gelernt. Ich ging als kleines Kind auch mal ins Eiskunstlauftraining, fand das aber ziemlich doof mit dieser Detailversessenheit und den ausgestreckten Armen und so. Mit 6 habe ich dann Curling gespielt und bin bis 19 dabei geblieben.

Von wem bist du Fan im Sport?

Ich kann seit jeher nicht richtig fanen, nur so temporär, kurz, aber immerhin dann heftig.

Du hast einen ausgeprägten ­«Züri-Dialekt», wohnst aber seit über 20 Jahren im Kanton Luzern. Wie kommt das?

Mein Mami kommt aus Kloten, mein Papi aus Winterthur, ich bin mit «Züri-Düütsch» aufgewachsen, kam dann zu Beginn der Teenie-Jahre nach Luzern und habe eine Zeit lang recht «glozärneret», finde ich. Erst als ich dann zu SRF kam und von vielen verschiedenen ­Dialekten umgeben war, gab es merkwürdigerweise einen Rückfall ins «Züri-­Düütsch». Aber es ist mehr so ein Bastard. Ich sage zum Beispiel nicht «nöd», sondern «ned».

Wie bist du seinerzeit nach Luzern gekommen?

Mein Papi wurde Trainer beim Schlittschuhclub Luzern. Wir haben recht häufig gezügelt damals, und irgendwann war genug für die Familie. Im Luzernischen hängen zu bleiben, war aber eine gute Wahl. Ich habe dann die Kanti in Hochdorf gemacht und bin von dort direkt zum Luzerner Jugendradio 3fach.

Ein Wunschtraum?

Nicht unbedingt. Ich habe zwar immer viel und gerne geredet, im Zeugnis stand auch ab und zu «schwatzhaft», und ein Lehrer hat mir tatsächlich mal gesagt, ich würde sicher beim Radio landen. Aber konkret vorgestellt habe ich mir das nie. Ich hasse es zwar, das zu sagen, aber ich war so ein klassisches «Ich mach dann mal irgendwas mit Medien»-Meitli.

Das ging dann ja relativ rassig, zum Luzerner Jugendradio 3fach.

Zum 3fach bin ich eher zufällig gekommen, ich war im letzten Kantijahr an einem Workshop, den das 3fach mit dem Büro für Gleichstellung organisiert hat, weil so wenig Frauen beim Radio 3fach mitmachten. Und schon bald sass ich vor dem Mik. Eigentlich wollte ich aber zunächst studieren. Ich habe an der Uni Zürich mit Publizistik begonnen, bin aber durch alle Prüfungen gerasselt. Dann begann ich in Luzern mit Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften und wollte den Bachelor machen. Aber dann kam die Anfrage von SRF Virus, und jetzt bin ich schon über 10 Jahre bei SRF.

Mit Leib und Seele?

Ich mache schon schampar gerne Radio, auch wenn ich mir ganz am Anfang die Frage gestellt habe, ob ich das wirklich will oder ob ich mich einfach geehrt fühle, weil mich SRF angefragt hat.

Du bist doch bei Radio SRF 3 am richtigen Ort. Hörbar eine Froh­natur, und ich gehe davon aus, dass du dazu nicht schauspielern musst.

Ich glaube auch nicht, dass es zwei verschiedene Anic gibt. Die am Radio ist vielleicht etwas bewusster gewählt, ich überlege mir eher, welche Facetten von mir ich zeigen will und welche nicht. Privat überlege ich mir das weniger.

Und das mit der Frohnatur?

Es ist schon so, dass ich sehr, sehr selten schlecht gelaunt. Und selbst wenn, versuche ich – nicht nur am Radio – das andere nicht spüren zu lassen. Ich glaube aber, dass Leute, die mich gut kennen, gewisse Finessen in der Stimme raus­hören und merken, wenn ich mal eine etwas «bitchige» Phase habe.

Ich sage es offen: Diese betonte Daueraufgestelltheit von Radio­moderatoren – nicht nur auf SRF 3 – geht mir manchmal schwer auf die Nerven. Es ist mir schon klar, dass man da nicht Trübsal verbreiten kann, aber manchmal muss ich um- oder abschalten, weil ich dieses zuweilen ins Infantile driftende Gehabe nicht ertrage.

Das kann ich gut verstehen, und ich glaube, dass es vielen so geht. Jeder hat doch Stimmen, die er mehr mag als andere, ich inklusive, und dann kommt es als Hörer immer auch auf die eigene Gemütslage an. Als Moderatorin ist man extrem nahe dran bei den Leuten, auch in Situationen, in denen sie sonst keine anderen Leute an sich heranlassen. Ich stelle es bei mir selber fest: Wenn ich nicht so gut drauf bin, nervt mit am Radio weit mehr als sonst.

Ich zitiere aus einem Facebook-Eintrag. Da schreibt einer über dich: «Sit i die am Morgä muess losä, isch jeda Start i Tag absolut verschissä.» Wie geht man mit so was um?

Das ist sehr unterschiedlich. Zunächst: Es gibt zum Glück auch ganz andere, ­po­sitive Reaktionen. Wenn ich meine Facebook-Fans anschaue, finden mich offenbar Lastwagen- und Töfffahrer überdurchschnittlich gut. Die harten Män­ner ... (lacht)

Und die negativen Reaktionen?

Man muss lernen, mit ihnen umzugehen und das auszuhalten. Über jenen, den du aus Facebook zitiert hast, kann ich lachen. Der mag mich einfach nicht, egal, ob ich an mir oder meiner Arbeit was ändere, der wird mich nie mögen. Mit Mails, die direkt ins Studio kommen, wenn man auf Sendung ist, ist es unterschiedlich. Manchmal trifft es einen schon, wenn einer schreibt «Hey, du hast das falsch ausgesprochen, wie dumm bist du eigentlich? Geh doch aufs RAV und such einen neuen Job.» Andere machen einen auch auf eine falsche Aussprache aufmerksam, schreiben das aber nett, und ich schreibe nett zurück. Ich schreibe überhaupt meistens nett zurück, auch bei den Aggressiven. Nicht selten wird der Ton dann schnell versöhnlicher.

Kommen manchmal Selbstzweifel?

Vor allem in den Anfängen bei SRF 3 hatte ich die schon. Ich war die Jüngste im Morgenteam, bin ins kalte Wasser geworfen worden und kam dabei schon mal an den Anschlag, etwa wenn an turbulenten Tagen mit Korrespondenten Interviews geführt werden mussten. Ich hatte das ja nicht gelernt. Aber mit guter interner Unterstützung kam die Sicherheit. Selbstverständlich hinterfragt man sich und seine Arbeit und seine Wirkung immer wieder aufs Neue, das soll und muss so sein, aber es geschieht jetzt, ohne sich immer gleich grundsätzlich in Frage zu stellen.

Ich bin klar Ü60 – zu alt für SRF 3?

Nein, nein, auch wenn du aus Sicht meiner Chefs wohl nicht zu jener Zielgruppe gehörst, die man mit SRF 3 am ehesten abholen möchte. Ich kenne viele über 50-, 60-Jährige, die SRF 3 hören, ich kenne aber auch weit Jüngere, die SRF 1 vorziehen. Die Vorlieben hängen von vielen Faktoren ab, nicht nur vom Alter. Bei SRF 3 hat man sich mal dafür entschieden, dass man nicht mit seinen Hörern alt werden will. Es war und ist nicht das Bestreben, dass man jene, die in den 1980er-Jahren den «Störsender» DRS gehört haben, ein Leben lang bei der Stange halten will. Es gibt immer wieder nach­rückende Generationen, auch bei den Moderatoren. Ich werde sicher nicht bis zur Pensionierung bei SRF 3 bleiben können.

Was gäbe es denn für Alternativen?

Gute Frage. Ich habe kein abgeschlossenes Studium, und selbst wenn ich Soziologie abgeschlossen hätte, weiss ich nicht, ob das auf dem Markt gefragt wäre. Manchmal kriege ich es fast ein wenig mit der Angst zu tun, wenn ich an die fernere Zukunft denke. Andererseits habe ich auch ein Urvertrauen. Ich denke, etwas wird sich dann schon ergeben. Vielleicht Schuhverkäuferin.

Oder Fernsehen?

Ganz ausschliessen kann ich das nicht, aber ich mache sicher nicht Radio, damit ich mal zum Fernsehen komme. Ein bisschen TV-Erfahrung habe ich aus Virus-Zeiten ja bereits, und das sind zwei ganz verschiedene Dinge, die man auch nicht gegeneinander aufwiegen kann.

Was machst du in deiner Freizeit?

Das frage ich mich selber auch oft ... Ich schaue extrem viele Serien auf Netflix, querbeet, manchmal schäme ich mich fast ob meines Fernsehkonsums. Ich kann auch sehr gut rumfaulen und tatenlos ­daran denken, dass ich noch Wäsche machen sollte. Ich wäre gerne eine sehr gute Köchin, meine Lasagne ist zwar nicht schlecht, aber ich bin am Herd einfach zu wenig mutig. Ich bin aber dran, meine Freizeit besser zu planen und zu organisieren. Letztes Jahr war ich allein fünf Tage in Berlin und fünf Tage in Wien. Drei Stunden in einem Kaffeehaus sitzen und Bücher lesen, das hat schon was für sich.

Bücher lesen könntest du doch auch zu Hause.

Ja, aber das ist ganz was anderes als in einem Wiener Kaffeehaus.

Denkst du mit 33 Jahren an eigene Kinder?

Ich habe zwei Gottenkinder, die Frieda und die Lea, die mich ein wenig auf Trab halten. An eigene Kinder denke ich schon, und ich kann mir das vorstellen, aber es ist nicht in Planung. Aktuell verspüre ich auch keinen biologischen Drang wie viele meiner Alterskolleginnen. Aber megaschön wären eigene Kinder schon.

Was wünscht man sich unter Golfern?

Uff, ich glaube «gute Runde!».

Also dann: schönes Spiel!


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