Kopf des Tages

Karriere auf der Kippe

TARIQ RAMADAN ⋅ Der Islamwissenschafter sieht sich mit Vergewaltigungsvorwürfen konfrontiert. Er wehrt sich mit allen Mitteln. Doch der Ausgang ist ungewiss.
10. November 2017, 07:17

Manchmal geht es schnell, sehr schnell. Noch vor wenigen Wochen war der 55-jährige Tariq Ramadan ein Schweizer Islamwissenschafter, der rund um den Globus von Lehrstuhl zu Lehrstuhl, von Konferenz zu Konferenz eilte. Er gilt als einer der einflussreichsten islamischen Denker und hat sich in dieser unter dem Eindruck des islamistischen Terrors aus den Fugen geratenen Welt als intellektuelle Stimme gleichsam unentbehrlich gemacht.

Doch das spielt im Moment eine untergeordnete Rolle. Der in Genf aufgewachsene Ramadan sieht sich mit Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfen konfrontiert. Die Universität Oxford hat mit dem Angeschuldigten vor diesem Hintergrund vereinbart, dass er seine Lehrtätigkeit einstweilen einstellt. Eine Vorverurteilung sei dies nicht und ein Schuldeingeständnis ebenso wenig, beeilten sich die Verantwortlichen der Spitzen-Uni zu betonen. Doch es ist klar: Ramadan, der auch in Indiana und Doha lehrt, ist unter diesen Umständen derzeit in Oxford nicht tragbar. Offizielle Diktion aus der Stadt nordwestlich der britischen Hauptstadt London: Der Gelehrte soll sich in der Zeit, die ihm zur Verfügung steht, mit den schweren Vorwürfen auseinandersetzen.

Und das tut Ramadan. Er streitet die Vorwürfe, die von der französischen Justiz im Zuge der Weinstein-Untersuchungen ans Tageslicht kamen, erstens kategorisch ab. Zweitens ist er in die Gegenoffensive gegangen. Wie «Le Temps» gestern berichtete, will Ramadans Anwalt jene Personen ins Recht fassen, die seinen Klienten anonym beschuldigen, vor Jahren auch vier seiner Gymi-Schülerinnen zu nahe gekommen zu sein. Die von der ­«Tribune de Genève» ausgebreiteten Vorwürfe dementiert Ramadan wie alle anderen auch aufs Heftigste. Er hat umgehend Anzeige wegen falscher Anschuldigung er­stattet und sieht sich als Opfer einer «Verleumdungskampagne». Tatsächlich ist in Genf eine wahre «bataille médiatique» um den ebenso charismatischen wie umstrittenen Professor ausgebrochen.

Die Vorwürfe an die Adresse von Ramadan sind das eine. Das geistige Umfeld, in dem sie erhoben werden, ist das andere. Der Mann, der häufig als Exponent eines «europäischen Islam» bezeichnet wird, müsse sich in Frankreich als «Tar­tuffe», als Heuchler bezeichnen lassen, schrieb die «NZZ am Sonntag», weil er einer sei, der die «Frauen ermahne, ein züchtiges Leben zu führen, aber sich selber alles erlaube». Doch das ist nicht alles. Auch die Islamwissenschaft ist in Bezug auf Ramadans Wirken gespalten. Sehen ihn die einen als konservativen Reformer, steht er für die anderen in der Tradition der ägyp­tischen Muslimbruderschaft.

Der Hinweis hat auch einen biografischen Hintergrund. Ramadan ist ein Enkel von Bruderschafts-Gründer Hassan al-Banna. Und Vater Said stand in den 1950er-Jahren an der Wiege des ersten muslimischen Zentrums der Schweiz. Aus dieser kleinen Welt ist Tariq Ramadan aufgebrochen und hat eine bemerkenswerte, wenn auch kurvenreiche Laufbahn hingelegt, die ihn an die besten Universitäten und in die wichtigsten Expertenrunden brachte. Sein Charisma, seine Rhetorik, sein Ehrgeiz auch flankierten eine Karriere, die auf seinen intellektuellen Fähigkeiten ebenso gründet, wie sie mit dem Aufstieg der Auseinander­setzung mit dem Islam verbunden ist. Niemand mag derzeit voraussagen, was aus Tariq Ramadan wird – und aus dem, was er bisher als streitbarer Intellektueller repräsentiert hat.

Balz Bruder


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