Kehrseite einer medizinischen Sensation

MEDIZIN ⋅ Vor zwölf Jahren transplantierten Chirurgen zum ersten Mal ein Gesicht – eine medizinische Pionierleistung. Erst jetzt ist bekannt geworden, wie tragisch der Fall endete. Die anfängliche Euphorie vieler Ärzte ist verflogen.
19. Mai 2017, 07:58

Susanne Donner

wissen@luzernerzeitung.ch

Die Französin Isabelle Dinoire verlor ihr Gesicht, als ihre Hündin sie angriff, das Tier verbiss sich in Nase, Mund und Teile des Kinns, zwölf Jahre ist das her. Ärzte hatten ihr nach der Attacke das Gesicht einer hirntoten Frau transplantiert, zum ersten Mal war ein solcher Eingriff überhaupt gelungen, eine Sensation, über die weltweit berichtet wurde. Doch auch das zweite Gesicht verlor Isabelle Dinoire wieder, im Januar vergangenen Jahres. Ärzte mussten es ihr wieder abnehmen, aber davon erfuhr die Welt zunächst nichts.

Die erste Operation gab Isabelle Dinoire die Möglichkeit zurück, «ein weitgehend normales Leben zu führen», sagt der belgische Arzt Benoit Lengele, der ­Dinoire 2005 mit operiert hat. Sie konnte wieder lächeln lernen, essen und sprechen. Aber sie musste starke Medikamente nehmen, die verhindern sollten, dass ihr Körper das fremde Gewebe abstösst. Die zweite Operation war ein letzter Versuch, ihr Leben zu retten. Dinoire war an Lungenkrebs erkrankt, möglicherweise eine Folge der Medikamente, die ihr Immunsystem unterdrückten. Sicher ist: Die Mittel behinderten die Therapie – das Gesicht musste wieder weg. Drei Monate nach dem neuen, schweren Eingriff starb Isabelle Dinoire an Krebs.

Viele Fälle nicht dokumentiert

Gesichtstransplantationen sind Medizin an der Grenze des Machbaren. Expertenschätzungen zufolge haben Ärzte weltweit mehr als 37 Menschen das Gesicht eines Verstorbenen transplantiert. Doch ob die Empfänger dank des Spendergesichts an Lebensqualität gewonnen haben, ist in den meisten Fällen wissenschaftlich nicht sauber dokumentiert. Der plastische Chirurg Bohdan Pomahac vom Brigham and Women’s Hospital in Boston schreibt, die positiven Berichte dazu stammten aus den Medien oder es seien gar nur Anekdoten. Nur in acht Fällen lägen standardisierte Erhebungen zur Lebensqualität zu Grunde.

Es wirft kein gutes Licht auf die Szene der Gesichtstransplantationen, dass viele Fälle nie in einem Fachjournal veröffentlicht wurden, sondern über die Medien oder gar nur gerüchteweise. Im Register für Gesichtsverpflanzungen in Lyon sind immerhin 29 der 37 Operationen erfasst. Es fehlen jedoch Eingriffe aus den USA, aus China, aus Russland, aus der Türkei und aus Belgien. In der Schweiz wurde noch nie ein Gesicht transplantiert.

Krank durch das fremde Gesicht?

Das Register beginnt mit dem Fall von Isabelle Dinoire. Nun sind auch Details ihres Lebens und Leidens mit dem Transplantat bekannt: Trotz der Medikamente, die sie nach der Operation bekam, griff das Immunsystem von Dinoire etwa einmal im Jahr das neue Gesicht in akuten Abstossungsattacken an. Diese konnten Ärzte behandeln. Aber gut sieben Jahre nach der Transplantation beobachteten die Ärzte in Dinoires Blut zusätzlich neuartige Antikörper, die sich gegen das Spendergewebe richteten. Eine schleichende Abstossung setzte ein.

«Gegen diese haben wir bis heute keine wirksamen Medi­kamente», bedauert Isabelle ­Di­noires Chirurg Benoit Lengele. Die Abstossung führt dazu, dass das verpflanzte Gewebe sich immer weiter zersetzt. Nekrose nennen das die Ärzte in der Fachsprache. Bereits 2015 mussten die Chirurgen deshalb die Unterlippe und Teile des rechten Kinns von Isabelle Dinoire wieder entfernen. Sie überlegten, die Fehlstellen mit einem zweiten Transplantat zu schliessen. Doch bei den Voruntersuchungen fanden sie einen Lungentumor.

«Wir wissen, dass bei einer Immunsuppression Tumore gehäuft auftreten. Natürlich ist der Verdacht da, dass bei Isabelle ­Dinoire der Tumor dadurch entstanden ist, dass sie ein verpflanztes Gesicht trug und immunschwächende Medikamente brauchte», sagt Marcus Lehnhardt, Direktor der Klinik für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Bergmannsheil in Bochum. Krebs-Epidemiologen beobachten bei Menschen, die ein Transplantat erhalten haben, insgesamt «viel mehr Krebserkrankungen als erwartet», berichtet die schwedische Spezialistin Vivan Hellström, die das Phänomen am Universitätskrankenhaus in Uppsala erforscht. «Die Tumoren wachsen ausserdem bei ihnen schneller, streuen häufiger und sind aggressiver. Die Patienten überleben seltener.»

Laut International Society for Heart and Lung Transplantation entwickeln 15 Prozent aller Menschen mit Spenderorgan innerhalb von fünf Jahren eine Krebserkrankung. Nach zehn Jahren sind es sogar 32 Prozent, also beinahe jeder Dritte.

Ärzte nicht mehr ganz so optimistisch

Der Tod der Patientin lehrt die Mediziner zweierlei. Erstens: «Mit einem transplantierten Gesicht kann man vielleicht zehn, fünfzehn Jahre leben», sagt Lengele. Also ähnlich lange wie mit einer neuen Niere. Danach müsse das Gesicht aber abgenommen und ein neues transplantiert werden. Er hofft, dass die Fachleute auf dem kleinen Gebiet gemeinsam vorankommen. «Wir müssen alle voneinander lernen. Deshalb wäre es so wichtig, dass alle Fälle seriös publiziert werden», sagt er.

Und, die zweite Lektion, das neue Antlitz gibt es nicht ohne gesundheitlichen Preis. «All das hat den Optimismus in dem Feld etwas gedämpft», sagt Marcus Lehnhardt, der Chirurg aus Bochum. In Deutschland bereiteten er und seine Kollegen sich vor vier Jahren noch zuversichtlich darauf vor, einem Unfallopfer ein neues Gesicht zu transplantieren. Das sagte der plastische Chirurg damals in Interviews. Inzwischen klingt Lehnhardt weitaus verhaltener. «Müssen wir auch wirklich alles tun, was machbar ist?»

Anzeige: