Lese-Rechtschreib-Schwäche: Kein Hindernis für die Karriere

LEGASTHENIE ⋅ Nobelpreisträger Jacques Dubochet hatte immer Mühe mit der Sprache. Logopädin Bérénice Wisard ist dennoch nicht überrascht, dass er höchste akademische Ehren erhielt.
07. Oktober 2017, 09:47

Sabine Kuster

Bérénice Wisard, hat Legasthenie mit Intelligenz zu tun?

Bérénice Wisard: Nein, auch sehr intelligente und hochbegabte Leute können eine Lese-Rechtschreib-Schwäche haben. Sie ist kein Hindernis für eine naturwissenschaftliche Karriere und auch grundsätzlich für keine andere Karriere.

Ein Handicap ist sie aber schon?

Das kann sein. Aber wenn man Kompensationsstrategien lernt, kann es sein, dass die Schwäche im Alltag von anderen gar nicht bemerkt wird.

Das haben uns auch zwei Forscherkollegen gesagt: Sie wussten nicht, dass Dubochet Legastheniker ist. Welche Strategien haben die Betroffenen denn?

Sie können sich beispielsweise einen Text in kleine Päckchen einteilen und nicht alles aufs Mal lesen. Beim Schreiben helfen natürliche Rechtschreibprogramme und beim Vorlesen ist es wichtig, dass sich Legastheniker Zeit nehmen.

Was aber, wenn das nicht reicht, gerade in der Grundschule? Dubochets Karriere hätte gar nicht erst begonnen, wenn er die Matur nicht geschafft hätte.

Lese-Rechtschreib-Schwächen sind heute anerkannte Störungen, für die ein Schüler Anrecht auf einen Nachteilsausgleich in der Schule hat. Das kann bedeuten, dass ein solcher Schüler mehr Zeit für eine Aufgabe erhält oder den Computer benützen darf. Und dann können solche Schüler, die in Mathematik, Biologie oder eben Chemie gut sind, ohne weiteres eine Kantonsschule besuchen. Sie müssen ihr Handicap einfach ein Stück weit kompensieren können.

Zur Schulzeit von Jacques Dubochet gab es für Legastheniker noch keinen Nachteilsausgleich. Da halfen nur hartnäckige Eltern, nicht wahr?

Oder engagierte Lehrpersonen.

Machen Legastheniker öfter einen Umweg und kommen später zum Erfolg?

Ich kann nicht sagen, ob Schüler mit einer Lese-Rechtschreib-Störung öfter die Berufsmatur machen, statt direkt ans Gymnasium zu gehen. Es gibt den Nachteilsausgleich in einigen Kantonen auch an Berufsschulen und Kantonsschulen.

Die Schwäche begleitet einen aber auch nach der Schulzeit. Ist es nicht doch erstaunlich, dass Dubochet es danach geschafft hat, inklusive Doktorarbeit?

Das ist individuell verschieden und es hängt auch von der Persönlichkeit ab, wie man damit umgeht. Ausserdem von Faktoren wie Aufmerksamkeit, Verhalten, Unterstützung vom Umfeld, Lernstrategien, kognitive Fähigkeiten, Wahrnehmung. Da spielt viel mit.

Kann sich eine Legasthenie auswachsen und einen später weniger behindern?

Sie ist keine Krankheit, die man heilen muss, drum reden wir nicht von auswachsen. Aber wenn man eine Legasthenie-Therapie hatte, kommt es oft zu einem guten Lesefluss. Dann ist meist nur noch das Lesetempo ein Problem.

Ist es für einen Legastheniker auch ein Problem, verständlich zu schreiben – abgesehen von der Orthografie?

Ja, das hängt zusammen. Auch dafür brauchen die Betroffenen meist mehr Zeit und Unterstützung. Aber es ist unterschiedlich, nicht allen, die Mühe im Schreiben haben, fällt auch das Lesen schwer oder umgekehrt. Und nicht alle haben beim Textverständnis Mühe. Nicht betroffen ist auf jeden Fall der mündliche Ausdruck.

Sie können also gute Referenten sein? Dubochet jedenfalls hatte an der Medienkonferenz einen sehr gewinnenden Auftritt.

Ja genau, das ist kein Problem.

Haben Legastheniker besondere Stärken?

Die angebliche starke Kreativität, von der man früher ausging, hat sich nicht bestätigt.

Aber die Strategien, die sich Legastheniker aneignen, können auch sonst im Leben hilfreich sein?

Ja sicher. Wenn man die Hilfe erhalten hat und sie sinnvoll fand.


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