Junge Mädchen in Nepal: Ins Kloster statt ins Kinderzimmer

GLAUBE ⋅ Vorpubertäre Mädchen werden von Nepals Gläubigen als Wiedergeburt der Göttin Taleju angebetet. Doch zahlen die Kumaris für diese Ehre mit dem Verlust ihrer Kindheit.
09. Oktober 2017, 08:43

Ulrike Putz, Singapur

Für die kleine Trishna Shakya wird die vergangene Woche sehr schwer gewesen sein: Die Dreijährige wird kaum verstanden haben, warum sie nicht mehr mit ihrem Zwillingsbruder Krishna und ihren Eltern in deren Wohnung in einem Vorort Kathmandus leben darf.

Gewöhnt an ein mit Teddys und Spielzeugbaggern voll gestopftes Kinderzimmer, dürfte sie sich in ihren neuen Gemächern in dem denkmalgeschützten Kloster an Kathmandus berühmtem Durbar-Platz ziemlich verloren gefühlt haben. Auch die neue Routine dürfte ein Schock gewesen sein: Gebete lernen und meditieren wird fortan das Leben Trishnas bestimmen. Die Zeit der Kinderspiele ist vorbei.

Sie darf das Kloster nur an 13 Tagen pro Jahr verlassen

Was die Nepalesin von den abrupten Veränderungen ihrer Lebensumstände hält, lässt sich vorerst nicht ermitteln: Seit Trishna am letzten Donnerstag im September von ihrem Vater an Hunderten von Gläubigen vorbeigetragen und an der Klosterschwelle in die Arme eines Priesters gelegt wurde, ist ihr weltliches Leben erst einmal vorbei.

Etwa ein Jahrzehnt lang, bis zu ihrer ersten Menstruation, wird Trishna nur an 13 hohen Feiertagen im Jahr das Kloster verlassen. Dabei werden ihre Füsse nie den Boden berühren, sie wird mit keinem Aussenstehenden sprechen. In den kommenden Jahren wird Trishnas Kontakt mit Fremden allein darin bestehen, dass diese sie anbeten und sie ihnen dafür wortlos ein rotes Gebetsmahl auf die Stirn drückt und sie so segnet. Trishna ist jetzt eine Kumari, eine lebende Göttin.

Die Tradition, in einem jungfräulichen Mädchen die Wiedergeburt der Hindu-Göttin Taleju zu sehen, reicht in Zentralnepal bis ins 13. Jahrhundert zurück. Der Legende nach soll Taleju den in Kathmandu herrschenden König eines Nachts besucht und ihm Ratschläge zur Regierungsführung gegeben haben. Doch der Regent schaffte es, die Göttin zu verärgern. Wenn er weiter ihren Schutz und Rat wolle, müsse er sie unter den jungen Mädchen des Shakya-Clans suchen, befahl Taleju.

Trishna ist nicht die einzige Kumari, etwa ein Dutzend Verkörperungen Talejus leben in Nepals Klöstern. Kündigt sich das Ende der Amtszeit einer von ihnen an, beginnt die fieberhafte Suche nach einer Nachfolgerin. Die Kriterien sind dabei so streng wie fremdartig.

Gericht schützt religiöse Tradition

Genau 32 Merkmale muss die künftige Göttin aufweisen: So darf sie noch nie geblutet haben und muss «Schenkel wie ein Reh, Wimpern wie eine Kuh und eine Brust wie ein Löwe» haben. Stimmt auch das Horoskop, wird in einer Endrunde die Tapferkeit der Kandidatin getestet: Ein Stier wird vor ihren Augen geschlachtet. Nur ein Mädchen, das sich davon unbeeindruckt zeigt, eignet sich zur Göttin. Trishna wurde unter vier Mädchen als die Richtige ausgesucht. Für die Eltern bedeutet die Salbung der Tochter zur Kumari einen Statusgewinn, der sich auch finanziell niederschlägt: Ehemalige Kumaris erhalten für ihren Dienst eine lebenslängliche Rente. Für die Mädchen ist es ein schwerer Weg, der mit dem Ende ihrer Zeit als Göttin erst recht steinig wird. Denn auf das Leben als Normalsterbliche sind die jungen Frauen nur schlecht vorbereitet. Zwar entschied der Oberste Gerichtshof Nepals im Jahr 2008, dass die Kumaris eine Schulbildung erhalten müssen, dennoch ist die Rückkehr in den Alltag schwer.

Chanira Bhajracharya, die bis 2010 neun Jahre lang im Kloster lebte, berichtete, dass sie nach ihrer Heimkehr von ihren Eltern gestützt werden musste. So schlecht konnte sie, die überall hin getragen wurde, laufen. Es sei ihr sehr schwer gefallen, sich in der Schule einzugliedern und Freunde zu finden, sagte die inzwischen 23-jährige Studentin der Wirtschaftswissenschaft nepalesischen Medien. Kinderrechtsaktivisten kritisieren die Trennung der Mädchen von ihren Familien als grausam. Die Kumaris verrichteten Kinderarbeit. Doch eine Klage beim Obersten Gerichtshof scheiterte. Die Richter entschieden, die Tradition der Kumaris sei kulturell wertvoll und deshalb beizubehalten.

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