Krawattenträger bevorzugt

TIERE ⋅ Sie fressen Fledermaushirn, frönen sehr gerne der Vielweiberei und schleppen Tausende Raupen für ihre Brut herbei: Meisen sind ganz erstaunliche Vögel.
14. Januar 2018, 09:07

Valeria Heintges

In ganz Mitteleuropa sind Meisen heimisch. Sehr viele bewohnen ihr Brutgebiet ganzjährig und sind keine Zugvögel. Diese Tiere suchen höchstens nahe gelegene Winterquartiere auf. Amsel, Drossel, Fink und Star hingegen kommen erst im Frühling zurück.

So sind Meisen auch jetzt zu sehen, wenn sie in den Bäumen nach Samen oder gefrorenen Früchten oder nach den Futtervorräten suchen, die sie im Herbst in den Baumrinden an­gelegt haben. Zuweilen suchen Meisen ein wenig verzweifelt – etwa die Blaumeise, die dieser Tage gemeinsam mit zwei Artgenossen zwischen den Zürcher Stadthäusern umherfliegt und einen Aschenbecher plündert, nur um wenig später den Zigarettenstummel samt zerhacktem Filter frustriert fallen zu lassen und wegzufliegen.

Meisen, vor allem Kohl- und Blaumeise, gehören in unseren Breiten zu den bekanntesten Vögeln. Man könnte meinen, über die Tiere gäbe es nichts Neues zu erfahren. Aber sie gehören auch zu den besterforschten Tieren – und so gibt es vieles, das überrascht. Etwa die Tatsache, dass Kohlmeisen es auf Winterschlaf haltende Fledermäuse abgesehen haben, diese töten und ihnen gezielt das Hirn aussaugen.

Die Brut der Erstfrau wird bevorzugt

Oder dass manche Paare Jahr für Jahr zusammen nisten, es andererseits aber nicht wenige Männchen gibt, die im Frühling mehrere Weibchen begatten und ihre Brut versorgen, dabei aber die Brut der Erstfrau deutlich bevorzugen. Und stirbt ein Meisenmännchen, übernimmt manchmal der Nachbar die Brutpflege. Meist aber sieht sich das Männchen nach einer Zweitfrau um, wenn das erste Weibchen damit beschäftigt ist, die Höhle für die Eiablage vorzubereiten.

Überraschend auch, dass Meisen Werkzeuge wie Tannennadeln nutzen, um an Futter zu gelangen. Oder dass Vögel ihre Gesänge mit der Syrinx hervorbringen, einem Organ, das unabhängig vom Kehlkopf funktioniert. Sie müssen deshalb nicht Luft holen und können ihre gesamte Lunge als Schallraum nutzen. Hätte Pavarotti eine Syrinx besessen, wäre das Publikum ­reihenweise taub geworden, sagt der Ornithologe Colin Tudge.

Ihn zitiert auch der Norweger Andreas Tjernshaugen, der beschloss, ein Jahr lang die Meisen in seinem Garten zu beobachten, die einschlägige Literatur zu lesen und über diese Erlebnisse ein Buch zu schreiben. Das Ergebnis ist das schön gestaltete, mit Fotos und Zeichnungen versehene Buch «Das verborgene Leben der Meisen». Tjernshaugen begleitet Meisenfamilien durch das Jahr, eine kann er sehr genau überwachen, weil er sich eines dieser Vogelhäuschen mit Kamera gekauft hat, die das Familienleben der Meisen Big-Brother-mässig auf den Computer im Wohn- oder Arbeitszimmer übertragen.

Ursprünglich sind Meisen Höhlenbewohner

Dass Meisen Nistkästen in Gärten, auf Terrassen oder Balkonen so dankbar annehmen, ist der Hauptgrund für ihre Bekanntheit. Mit einem etwas kleineren Einschlupfloch kann man die grösseren Kohlmeisen ausschliessen und sich auf Blaumeisen spezialisieren. Ursprünglich sind Meisen Höhlenbewohner, suchen in Steinritzen, Bäumen, zwischen Wurzeln, in unbewohnten Ratten- oder Mäuselöchern oder in Hausspalten nach Unterkünften.

Weil Höhlen aber immer schwerer zu finden sind, haben sich die Tiere an das Leben in Stadtnähe gewöhnt und nisten jetzt sogar in Briefkästen, Rohröffnungen, Flaschen, Stiefeln oder Strassenlaternen. Auch Landwirte hängen Kästen auf, um die Tiere anzulocken: Als perfekte Schädlingsbekämpfer sorgen Meisen erwiesenermassen für eine weniger wurmstichige Ernte. Denn Samen und Nusskerne sind nur Winternahrung und helfen mit hohem Fettanteil den Meisen durch die Kälte. Im Frühling schalten die Vögel auf Insekten um – in drei Wochen Brutzeit müssen die Eltern auf ebenso ­vielen Flügen 10 000 Raupen herbeischleppen.

Das sind so viele, dass die Männchen ihre Brutgebiete wütend gegen Eindringlinge verteidigen, um nicht zu weit fliegen zu müssen, und die Weibchen den Zeitpunkt der Eiablage nach dem «Raupengipfel» richten, wie Tjernshaugens Übersetzer Paul Berf das nennt. Je nach Futterangebot und Wetter passt das Weibchen die Zahl der Eier an: Sechs bis zwölf sind normal, aber es können auch bis zu 17 Eier im Nest liegen.

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Das Überleben der Jungen hängt auch von der Mithilfe des Männchens ab. Weibchen bevorzugen daher ältere, erfahrenere Vögel, die sie auch am frühen Gesang ­erkennen – Frühaufsteher bevorzugt. Wie bei allen Vögeln, bei denen das Männchen viel zur Aufzucht der Jungen beiträgt, unterscheiden sich Männchen und Weibchen äusserlich nur wenig. Lediglich der schwarze Streifen ist auf dem Bauch der Kohlmeisen-Männchen ausgeprägter. Die Weibchen mögen Krawattenträger: Je breiter der Streifen, umso attraktiver das Männchen.

Wenn beide Eltern fit sind und der Raupengipfel zuverlässig kommt, steht einem grossen Gelege nichts mehr im Wege. Weil sich aber durch den Klimawandel der Zeitpunkt des Raupengipfels um bis zu zwei Wochen nach vorne verschoben hat, liegen die Vögel derzeit mit ihren Prognosen oft daneben. Die Weibchen, die sich an den neuen Zeitpunkt angepasst haben, legen aber mehr Eier: Langfristig wird sich die Art wohl der Veränderung anpassen.

Als Faustregel gilt, dass die Kohlmeisen Eier legen, wenn die Birken blühen, die Blaumeisen schon einige Tage früher. Was aber geschieht, wenn wie 2017 einem warmen März eiskalte Apriltage folgen, zeigt etwa die 3sat-Dokumentation «Meisen. Leben im Gegenwind» von Eberhard Meyer: Trotz aller Mühen der ­Eltern, Jungtiere zu füttern und warm zu halten, erfrieren dann ganze Gelege im Nest. Ohnehin haben Meisen so viele Feinde, dass man davon ausgeht, dass die Hälfte der Jungtiere das erste Jahr nicht übersteht. Die Jungtiere sind schwach, langsam und ungelenk und leichte Beute für ­Sperber, Spechte, Marder, Wiesel oder Katzen. Doch ist der Bestand derzeit nicht gefährdet. Im Gegenteil: In der Schweiz steigt der Bestand von Kohl- und Blaumeise aktuell an.

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