Psychologin Caroline Fux: «Liebe und Sex sind oft Gegenspieler»

NACHGEFRAGT ⋅
27. August 2017, 04:38

Caroline Fux, die meisten finden es moralisch verwerflich, für Sex zu bezahlen. Warum eigentlich?

Weil wir romantische Vorstellungen von Sexualität und Liebe haben. Bezahlsex wird dagegen von vielen ausschliesslich mit Anrüchigem und Illegalem assoziiert. Das passt dann natürlich nicht zusammen. Kommt hinzu, dass viele ein ziemlich hässliches Bild vom typischen Freier haben: Man denkt an «grusige» Verlierertypen, die Sexworkerinnen an der Zürcher Langstrasse nachglüschteln.

Ist es denn nicht so?

Diese Gruppe mag es geben, aber sie ist definitiv nicht repräsentativ. Freier sind ganz normale Männer. Vielen ist es ein Anliegen, fair und respektvoll aufzutreten. Frauen sind meist masslos enttäuscht, wenn sie damit konfrontiert werden, dass es unsere Väter, Brüder, Cousins und Kollegen sind.

Reden wir über männliche Prostitution für Frauen. Ist sie ein Trend?

Das ist schwer zu sagen. Ich kenne keine Zahlen dazu. Grundsätzlich setzen sich immer mehr Frauen für ihre Sexualität ein. Möglich, dass das für eine wachsende Gruppe umfasst, einen Callboy zu engagieren. Männer, die für Sex bezahlen, dürften aber noch immer in der krassen Mehrheit sein.

Warum?

Auch das ist schwer zu beantworten. Irgendwie scheint für die Mehrheit der Frauen diese Option nicht zu stimmen. Vielleicht können viele nicht darüber hinwegsehen, dass sie eine sexuelle Geschäftsbeziehung eingehen.

Callboys sagen, Romantik sei ihren Kundinnen sehr wichtig. Was ist mit den Männern los, dass sie dies ihren Frauen nicht mehr geben?

Es liegt nicht nur an den Männern. Guter Paarsex ist auch eine Paarverantwortung. Es schreiben mir genau so viele Männer, die sich vernachlässigt fühlen, wie Frauen. Beide Geschlechter suchen Nähe, Erfüllung und durchaus auch Lust, sie haben aber andere Vorstellungen, was diese Bedürfnisse genau umfassen und wie man sie stillt. Da braucht es Übersetzungsarbeit zwischen den Geschlechtern.

Viele Menschen leben in sexlosen Beziehungen vor sich hin.

Das ist häufiger, als man denkt. Etliche Frauen in meiner Beratung sagen: Ich liebe meinen Partner. Unsere Beziehung ist erfüllt und liebevoll, aber ich habe einfach keine Lust auf ihn.

Woran liegt das?

Man muss jeden Fall einzeln betrachten. Alltagsstress ist ein Problem. Viele Menschen haben völlig überfrachtete Leben. Sie rennen zwischen Kindern, Arbeit und Haushalt hin und her, sind übermüdet und haben fast keine Zeit für sich selber. Sie meinen aber, nach «10 vor 10» müsse im Bett dann noch automatisch der Bär steppen. Sie warten, bis «es» passiert. Da fehlt sexuelle Kompetenz.

Was meinen Sie damit?

Dass man sein sexuelles Glück in die Hand nehmen kann. Guter Sex ist kein Selbstläufer. Jedenfalls nicht in Langzeitbeziehungen. Uns allen ins klar, dass ein toller Konzertbesuch nicht einfach «passiert». Wir müssen das Programm studieren, uns um Tickets kümmern, den Abend freinehmen. Wenn ich ein ähnlich bewusstes Vorgehen für die Sexualität vorschlage, sind viele Paare erst mal total betupft.

Dann braucht es Beziehungsarbeit?

Ja und nein. Die Partnerschaft sollte intakt und positiv sein. Aber an der Beziehung zu arbeiten beflügelt die Sexualität nur zu einem gewissen Grad. Nähe, Umsicht und Vertrautheit können Sex sogar erschweren. Sex lebt von Abenteuer, Abwechslung und Eroberung. Wer in einer harmonischen Beziehung keine Spannung schaffen kann, dümpelt sexuell vor sich hin. Es braucht also nicht nur Beziehungsarbeit, sondern auch Arbeit an der Sexualität.

Manche Frau verliebt sich angeblich in ihren Callboy ...

... auch der Anteil Freier, die sich in Prostituierte verlieben, ist hoch. Viele Männer gehen in den Puff, um zu reden. Wer wochen- oder monatelang mit einem Menschen ausgezeichneten Sex hat oder dort etwas findet, das man sonst nicht bekommt, wird eine Verbindung zu diesem Menschen aufbauen. Muss das die grosse Liebe oder blinde Abhängigkeit sein? Nein. Aber wir teilen beim Sex oft mehr, als uns bewusst ist.

Kann man Liebe und Sex trennen?

Aber ja. Das gilt für beide Geschlechter. Es hat auch mit sexueller Kompetenz zu tun, zu wissen, was man braucht, und sich das dann zu holen, ohne dass man sich verliert. Aber wir tun uns schwer, Lust und Liebe als Kompetenzfelder zu betrachten. Nur wenige verstehen es, offen, nüchtern und entspannt darüber zu reden. (mem)


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