Einblicke

Loblied auf das Latein

KOLUMNE ⋅ Fabian Fellmann über seine Erfahrungen mit dem Schulfach Latein.
19. November 2017, 09:12

Nein, dieser Text beginnt nicht mit einem der obligaten antiken Sprichworte, obwohl ich hier gerade zu einem Loblied auf das Latein ansetze. Sollten Sie die Sprache (noch) nicht gelernt haben: Bitte lesen Sie trotzdem weiter. Ich verspreche hoch und heilig, nicht mit Zitaten in einer toten Sprache um mich zu werfen. Ich wüsste auch kaum eines auswendig.

Latein hat immer noch den Ruch des Herrschaftswissens, weil früher einige es missbrauchten, um sich abzugrenzen. Wer antike Autoren wiedergab, konnte damit auch zu verstehen geben, dass er gebildeter, gescheiter, besser war. Dazu taugen lateinische Sprüche heute nicht mehr. Jeder kann sie im Internet nachschauen, selbst an der Universität ist Latein nicht mehr nötig.

Veraltet ist der Erwerb der Römersprache jedoch keineswegs, auch wenn ihn der Kanton Luzern soeben aus dem Untergymnasium verbannt hat. Um das Auswendiglernen von Wörtern und Sätzen geht es darin ohnehin nur ganz am Rande. Vielmehr zwingt die Entschlüsselung der verschachtelten Sätze zu analytischem Denken. Latein-Unterricht vermittelt, wie ein Problem mit Logik zu lösen ist – ganz ähnlich, wie das die Mathematikstunde tut. Es ist kein Gerücht, dass diese Kenntnis auch in einigen Lebensbereichen ausserhalb der Schulstube Vorteile bringt.

Ganz nebenbei kriegte ich im Latein-Unterricht zum ersten Mal das Gefühl, meine eigene Muttersprache richtig zu verstehen. Nicht umsonst war und ist mein Lateinlehrer am Kollegi in Stans ein Fachmann für gutes Deutsch. Zudem lernte ich Grundlegendes über alle indogermanischen Sprachen, unsere Kultur, das Christentum, das Staatswesen, die Philosophie, Geschichte – die Liste lässt sich fast beliebig verlängern.

Kurzum: Latein-Unterricht vermittelt Allgemeinbildung, die für ein erfülltes Leben von Vorteil ist, auch in der digitalen Welt. Latein ist sicher nicht der einzige Weg, ein denkender Mensch zu werden. Aber es ist ein fordernder und schöner, den ich nur empfehlen kann.

Fabian Fellmann

fabian.fellmann@luzernerzeitung.ch

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