Pfarrer Andreas Haas über Handauflegen: «Man darf es auch ruhig Chabis finden»

KRAFT ⋅ Andreas Haas, reformierter Pfarrer in Zug, weiss um die heilende Kraft von Händen. Eine Kraft, der selbst die Wissenschaft nachspürt. Doch aufgepasst: Wie im Advent, so geht es auch bei dieser liebenden Handlung um ein Warten ohne Bedingungen.
03. Dezember 2017, 08:41

Interview: Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Andreas Haas, was bedeutet Ihnen als modernem und reformiertem Pfarrer die Adventszeit?

Persönlich finde ich den Advent eine sehr schöne Zeit. Ich habe auch die kitschig-kuschelige Seite dieser Zeit sehr gern. Schon in meiner Kindheit verliefen die Wochen vor Weihnachten stets sehr harmonisch – vermutlich ist mein Verhältnis zum Advent deshalb auch so unbeschwert.

Advent heisst Ankunft. Die Christen warten auf die Geburt Jesu, auf die Ankunft des Herrn.

Genau. Und dieses Warten tut uns gut, weil es entschleunigt. In unserem Alltag ist Warten heutzutage nicht mehr angesagt. Alles muss zack, zack gehen. Doch wer schon mal auf den Bus gewartet und dabei einfach das Leben um sich herum beobachtet hat, der weiss, wie wohl­tuend Warten sein kann. Übrigens: ­Früher war der Advent sogar mal eine Fastenzeit wie die Zeit vor Ostern.

Advent bedeutet für viele von uns vorab Weihnachtsmarkt, Glühwein, Konsum, Geschenke besorgen und Stress – bleibt da überhaupt Raum fürs Besinnliche?

Ich vermute, dass all die Lichter, die wir aufstellen, und all die Geschenke, die wir kaufen, letztlich auch nur ein Ausdruck unserer Suche nach einem sinnerfüllten Leben sind. Wir haben keine Worte mehr, um zu sagen, was uns Sinn und Halt gibt. Diese Sprache haben wir verlernt. Aber die vielen Lichter sind Zeichen einer inneren Sehnsucht nach Liebe, Wärme und Nahrung in einem umfassenden Sinn. Eine wichtige Aufgabe der Kirche sehe ich auch darin, diese Sprache, die den Sinn des Lebens beschreibt, wiederzufinden.

Die Sehnsucht nach Besinnlichem scheint wirklich riesig zu sein.

Ja, und das Thema Besinnlichkeit ist heute tabuisierter als das Thema Sexualität. Dabei beschäftigen die grossen Fragen nach Leben und Tod die Menschen gerade wieder enorm – und die fehlenden Antworten kompensieren wir mit Überkonsum.

Sie bieten in Ihrer Kirche in Zug seit vielen Jahren ein Handauflegen an. Wie viel Besinnlichkeit liegt darin, anderen Menschen seine Hände aufzulegen?

Ich würde sagen: Gerade was das Warten betrifft, verbindet die Adventszeit und das Handauflegen so einiges. Hier wie dort geht es darum, dass nicht alles sofort passieren muss. Es geht darum, zu warten – ohne Bedingungen zu stellen –, und darauf zu vertrauen, dass etwas passiert. Was passiert, das liegt nicht in unserem Ermessen.

Warum legen Sie als Pfarrer anderen Menschen Ihre Hände auf?

Handauflegen ist eine biblische Tradition. Es ist im Evangelium bezeugt als ein Akt der Fürsorge. Bei Lukas 10,8 f heisst es: «Kommt ihr in eine Stadt, wo man euch aufnimmt, so esst, was euch vorgesetzt wird, und heilt die Kranken, die dort sind.» In jeder Kirche ist ja von Vertrauen die Rede. Die Stille des Handauflegens soll Raum für Vertrauen schaffen. Es geht um die Erfahrung des Gehaltenseins, von Gott und vom Menschen.

Als ausgebildeter Handaufleger sind Sie derzeit an einer Studie der Universität Zürich beteiligt, die die Wirkung von therapeutischem Handauflegen bei chronischen Schmerzen untersucht. Was bewirkt Handauflegen auf der körperlichen Ebene?

Erwiesen ist, dass es den Blutdruck senkt und den Hormonspiegel verändert. Handauflegen kann geistig, seelisch, körperlich wirken. In der Kirche verbinden wir es aber bewusst nicht mit irgendwelchen Heilungsversprechen. Die Menschen, denen ich diesen Herbst im ­Rahmen der Studie wiederholt Hände aufgelegt habe, meinten alle, dass sie das Handauflegen jedes Mal wieder anders erleben. Zentral ist wohl die Erfahrung der Geborgenheit und des Loslassen­könnens.

Noch bevor die Ergebnisse der Studie da sind – würden Sie persönlich Handauflegen Schmerzpatienten empfehlen?

Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Aber wir sprechen nicht alle auf das Gleiche an. Ein Proband hat mir im Rahmen der Studie gesagt: «Der Schmerz ist noch da, aber ich spüre ihn nicht mehr.» Er hat eine andere Beziehung zum Schmerz bekommen.

Muss man eine bestimmte Gabe besitzen, um Hand auflegen zu können?

Im Prinzip ist Handauflegen etwas Natürliches. Jede Mutter und hoffentlich auch jeder Vater legt dem Kind immer mal wieder die Hand auf – dort, wo es weh tut, oder dort, wo man dem Kind gerade besonders gut seine Liebe zeigen kann, sei es der Kopf, die Schulter, die Hand. Möchte man professionell seine Hände auflegen, sind eine gute Ausbildung und eine stabile Persönlichkeit wichtig. Auch Erfahrung im Umgang mit Menschen ist eine Voraussetzung. Ar­beitet man in einem Team, sollte man zudem in dieses passen – es dürfen keine Spannungen in der Luft liegen.

Und Einfühlungsvermögen und Empathie – wie sieht es damit aus?

Die sind natürlich auch sehr wichtig. Genauso wie eine Einstellung der Absichtslosigkeit. Man macht nichts, man lässt geschehen.

Wer kommt zu Ihnen in die Kirche, um sich Hände auflegen zu lassen?

Sehr unterschiedliche Menschen. Sowohl was das Alter, das Geschlecht, den Beruf betrifft. Da besteht eine grosse Bandbreite. Es kommen Gläubige, und es kommen Ungläubige. Menschen mit Krise und Menschen ohne Krise. Menschen mit psychischen oder körperlichen Problemen, aber auch solche, denen es rundum gut geht. Manche suchen schlicht nach einem Lebenssinn.

Kommen auch einsame Menschen?

Ja, einsame Menschen finden ebenfalls immer wieder zu uns. Scheue Menschen auch. Deshalb ist es wichtig, zu fragen, ob eine Berührung erwünscht ist oder nicht. Seine Hände auflegen kann man nämlich auch mit Abstand.

Wie läuft das Handauflegen ab?

Zunächst redet man miteinander, fragt, wie es geht. Ob die Person lieber sitzen oder liegen möchte. Dann spricht man ein kurzes Gebet mit der Bitte um ­göttliche heilende Kraft. Wichtig beim Handauflegen ist diese Haltung: Respekt vor der Person zu haben, Dankbarkeit ihr gegenüber und dem Göttlichen, das wirkt. Es soll keine Hierarchie geben, es soll ein Geschehen auf Augenhöhe sein. Nicht der Heiler auf der einen und der Patient auf der anderen Seite, sondern zwei Menschen in einem Miteinander.

Und die Berührung selbst, wie geht die vonstatten?

Die erfolgt intuitiv. Man entscheidet aus einer meditativen Haltung heraus, wo man die Hand auflegt. Jede Erotik ist natürlich tabu. Zuletzt segnet man die Person mit einer Schutzgebärde um den ganzen Körper. Was der Handauflegende auf jeden Fall beachten muss: Es darf keine Einmischung in ärztliche oder psychotherapeutische Massnahmen geben – Ärzte und Therapeuten heilen auf einer anderen Ebene.

Kann Handauflegen einen Arzt­besuch ersetzen?

Ganz klar nein. Es kann ihn unterstützen, aber nicht ersetzen. Manche Ärzte setzen Handauflegen aber sogar bewusst zur Unterstützung einer Therapie ein.

Kann denn das Handauflegen nicht auch als recht unangenehm empfunden werden, vor allem dann, wenn die Chemie zwischen den Handelnden nicht stimmt?

Zunächst einmal: Diese Möglichkeit besteht, weshalb der Handauflegende immer zuerst fragt, ob eine Berührung erwünscht ist. Dann: Die Frage der passenden Chemie stellt sich bei jedem Begleitprozess, so beispielsweise auch bei Gesprächstherapien. Stimmt die Chemie nicht, dann ist es nicht gut. Aus der Psychotherapie weiss man: Der Wirkfaktor Nummer eins bei jeder Methode ist die therapeutische Beziehung.

Haben Sie schon öfter erlebt, dass jemand nur einmal zum Handauf­­legen kommt?

Natürlich kommt das immer wieder vor. Ich sage auch nie: «Sie müssen wieder kommen.» Oder: «Es würde Ihnen guttun, wenn Sie wieder kommen.» Da das Handauflegen kostenlos ist und im Rahmen meiner Seelsorge stattfindet, steht auch kein Verdienenmüssen meinerseits dahinter.

Können Sie verstehen, dass nicht alle mit diesem «Gschpürschmi»-Zeug etwas anfangen können?

(Lacht.) Dass manche das komisch finden und da skeptisch sind, das kann ich sehr gut verstehen. Man darf das Handauflegen auch ruhig Chabis finden. Aber es wird ja keiner dazu gezwungen. Und wer die Hände auflegt, sollte schon innerlich überzeugt sein davon. Für diejenigen, die sich die Hände auflegen lassen, gibt es keinerlei Vorbedingungen. Das Handauflegen findet man in allen religiösen Traditionen dieser Welt. In Afrika ist es ein fester Teil des christlichen Glaubens, dass Gott heilt. Offenbar gehört Handauflegen zum Wesen jeder Religion. Generell finde ich Vielfalt sehr wichtig, was das Seelsorge-Angebot betrifft, bei uns und anderswo.

Wie lauten denn die positiven Rückmeldungen der Menschen, die sich in Ihrer Kirche die Hand auflegen lassen?

Das jeweilige Erleben hängt stark vom persönlichen Glaubenssystem ab. Manche Katholiken sagen: «Jetzt habe ich Maria gesehen.» Manche Menschen fragen zuletzt: «Wie lange war ich jetzt hier?» Weil jedes Zeitgefühl und jede Anspannung verschwunden sind. Und immer wieder kommt folgende Rückmeldung: «Nun habe ich wieder Boden unter den Füssen.» Weil Handauflegen eben nicht in abgehobene Sphären, sondern vielmehr zum Boden, zur Erde, führt.

Noch eine abschliessende Frage an Sie als Pfarrer im Hinblick auf Weihnachten: Weshalb soll ich mich darauf freuen?

(Lacht.) Das kommt sehr drauf an. Da gibt es keine fixfertigen Antworten. Ich kann Ihnen aber sagen, warum ich mich darauf freue: Ich persönlich mag Weihnachten. Ich verbinde auch sehr schöne Kindheitserinnerungen mit diesem Fest. Als Familie zündeten wir früher an ­Heiligabend immer zuerst im Wald ein Kerzli an. Für mich ist die Botschaft von Weihnachten: dass die bedingungslose Liebe in der Welt angekommen ist. Ich werde geliebt, so wie ich bin, mit all meinen Stärken und Schwächen. Diese Botschaft ist eine allgemein menschliche. Sie gilt für alle.

Womit man auch wieder beim Thema Handauflegen wäre: Jeder ist dazu willkommen, aber keiner sollte besondere Ansprüche an den anderen stellen.

Ja. Und es geht ums Gefühl – sowohl an Weihnachten als auch beim Handauflegen. Der Vorwurf an die Kirche ist ja oft folgender: «Ihr redet doch nur und macht nichts.» Kommen aber Menschen in eine Kirche, und jemand ist da und legt ihnen seine Hände auf, dann fühlen sie sich gehalten. Und nicht nur mit Worten.

Video: Handauflegen als kirchliche Praxis

Einblick ins Handauflegen als kirchliche Praxis from Andreas Haas on Vimeo.

Ein Film über das Handauflegen des Zuger Filmemachers Remo Hegglin. (Vimeo / Remo Hegglin, 30.11.2017)



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