Mehr Geld für Opfer sexueller Übergriffe

SCHWEIZERISCHE BISCHOFSKONFERENZ ⋅ Der Fonds für die Opfer sexueller Übergriffe im kirchlichen Umfeld muss aufgestockt werden. Grund: mehr Beiträge an mehr Betroffene. Eine weitere halbe Million Franken ist unterwegs.
02. Dezember 2017, 05:00

Balz Bruder

Es war ein ebenso bewegender wie bedrückender Augenblick, als die Schweizer Bischöfe vor genau einem Jahr in Sitten eine Buss- und Gedenkfeier für die Opfer sexueller Übergriffe im kirchlichen Umfeld durchführten. Und ein Zeichen der Solidarität setzten.

Gleichzeitig teilte die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) nämlich mit, es werde ein mit 500'000 Franken dotierter Fonds geschaffen, aus dem Opfer eine Genugtuung für erlittenes Unrecht erhalten könnten. Allein bis Ende des vorletzten Jahres hatten sich 223 Opfer bei den ­Diözesen gemeldet.

Nun zeigt sich: Die halbe Million Franken wird nicht ausreichen, um den Opfern, die an die eigens eingesetzte Kommission für Genugtuung gelangt sind, zu den in Aussicht gestellten Beiträgen zu verhelfen. Präsidentin Liliane Gross bestätigt auf Anfrage, der Fonds werde bis Ende Jahr ausgeschöpft sein. Was nicht bedeute, dass Opfer leer ausgingen: «Es liegt ein Antrag auf eine erste zusätzliche Äufnung des Fonds mit weiteren 500'000 Franken vor», sagt Gross. Der Betrag werde vor­aussichtlich Anfang nächsten Jahres zur Verfügung stehen. Damit sei die Arbeit der Kommission ohne Unterbruch möglich.

Bisher wurden nach Aussage von Kommissionspräsidentin Gross Genugtuungszahlungen in der Höhe von 375'000 Franken zugesprochen. Diese gingen an 30 von insgesamt 42 Opfern, die bisher auf ihren Antrag hin einen Beitrag erhielten.

Höchstbeitrag wurde mehrfach zugesprochen

Zwölf Dossiers sind derzeit noch pendent – von weiteren Anträgen ist auszugehen. Gross rechnet in erster Näherung mit einem Auszahlungsvolumen von weiteren rund 175'000 Franken. Der höchste Beitrag, der gemäss den geltenden Richtlinien zugesprochen werden kann, beträgt 20'000 Franken. «Ein solcher wurde bereits in mehreren Fällen ausgerichtet», sagt Gross.

Auch wenn die Auseinandersetzung mit dem Thema sexuelle Übergriffe nicht einfach ist: Die Kommissionspräsidentin zieht ein positives Fazit über die bisherige Arbeit. «Ich habe den Eindruck, dass in der Kirche ebenso wie in der Gesellschaft heute ein offenerer Diskurs stattfindet als früher», hält Gross fest. Wobei möglicherweise auch die jüngsten Auseinandersetzungen um die sexuelle Integrität geholfen hätten. Zentral für die Arbeit der Genugtuungskommission ist dabei, dass die durch die Auszahlung von Genugtuungsbeiträgen zwar «eine späte Anerkennung als Opfer erfahren, die ihnen zuvor verwehrt war». Gleichzeitig sei aber auch klar, «dass das erlittene Unrecht mit einer Geldzahlung naturgemäss nicht gesühnt werden kann».

Zudem sagt Gross – ganz persönlich: «Anspruchsvoll ist für mich als Präsidentin immer wieder, die vielen tragischen Lebensgeschichten der Opfer zur Kenntnis nehmen zu müssen. Häufig waren die Opfer als Verding- oder Pflegekinder der Willkür zahlreicher Autoritäten ausgeliefert und wuchsen mit diesem Ohnmachtsgefühl auf.» Die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der jüngeren Vergangenheit ist denn auch nicht abgeschlossen: «So lange uns Fälle gemeldet werden, wird die Kommission Genugtuung ihre Arbeit weiterführen», verspricht Liliane Gross.

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