«Hunde werden nie erwachsen»

TIERSCHUTZ ⋅ Susy Utzinger (48) ist weltweit für Tiere im Einsatz. Uns erzählt sie, warum Hunde so treu sind, was sie kürzlich im regnerischen Rumänien erlebt hat und was man tun muss, damit Menschen sich engagieren.
08. Oktober 2017, 09:12

Interview: Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Susy Utzinger, eine verspielte Frage vorneweg: Welches ist Ihr Lieblingstier?

Ich mag alle Hundearten sehr gerne: Hunde, Füchse, Wölfe.

Was ist das Schöne an Hunden?

Dass sie ein ähnliches Sozialverhalten wie wir Menschen haben. Beschäftigt man sich mit Hunden, gehen einem viele Lichter auf bezüglich des Menschen.

Zum Beispiel?

Auch wir Menschen haben ein Markierverhalten, ein Gruppenleben, und wir halten Rangordnungen ein.

Warum sind Hunde so treu?

Weil sie schlicht ihrer Gruppe beziehungsweise Familie treu sind und weil sie im Gegensatz zu Wölfen nie erwachsen werden.

Noch eine leichte Frage zum Einstieg: Ihr erstes Haustier war ...?

... ein Hamster namens Poldi, den ich mit drei Jahren bekam. Auf diesen folgte bald ein Hund, der auf den Namen ­Hasso hörte.

Das von der Journalistin Franziska K. Müller geschriebene Buch über Sie als tatsächlich grenzenlos engagierte Tierschützerin erschien pünktlich zum Welttiertag am 4. Oktober. Bringt dieser Tag etwas?

Er ist sicher gut, um das Bewusstsein für die Tierwelt zu schärfen. Etwa um mal wieder sein Konsumverhalten bezüglich tierischer Produkte zu hinterfragen.

Sind Sie Vegetarierin?

Ja, ich bin Vegetarierin und bemühe mich grundsätzlich, möglichst wenig tierische Produkte zu konsumieren. Ich bemühe mich laufend, mein Konsumverhalten zu optimieren.

Der Titel des Buchs lautet «Heimatlos. Aus dem Tagebuch einer Tierschützerin». Wobei sich das «heimatlos» nicht nur auf die Tiere, sondern auch auf Sie selbst bezieht.

Heimatlosigkeit ist ein Herzensthema von mir. Ich habe selbst eine schwierige Kindheit mit vielen Umzügen hinter mir und habe mein Leben den Heimatlosen gewidmet – niemand hat es verdient, heimatlos zu sein, weder Mensch noch Tier. Im Rahmen meiner Arbeit für Tiere und Tierheime sammle ich auch Kleider und Spielsachen für arme Menschen in Rumänien und Ägypten. Ich habe schon Schlafsäcke für Beduinen gesammelt, und diesen Juli stand ich in strömendem Regen in Rumänien, während sich viele Menschen, ein jeder einzeln, für mitgebrachte Kleider bei mir bedankten, so sehr haben sie sich gefreut. Übrigens: Ich selbst habe mein Leben noch nie so gut analysiert, wie die Autorin Franziska K. Müller das jetzt getan hat.

Fast genau 17 Jahre gibt es nun Ihre Stiftung für Tierschutz (Sust). Sie arbeiten inzwischen hauptberuflich dafür. Was machen Sie alles?

Schampar viel. Wir sind sechs Leute in Teilzeit, die pro Jahr 100 Tonnen an Tierutensilien sammeln, von der Leine bis zum Kratzbaum. Wir arbeiten mit anderen Stiftungen zusammen, und natürlich halte ich ständig Kontakt zu den fünf von uns gegründeten Tierhospitälern von Rumänien bis Peru. Und zu den 300 Tierheimen, die wir mit Material, Futter und Arbeit unterstützen – 150 davon in der Schweiz. Die Arbeit der Stiftung beruht auf vier Pfeilern: Tierheimunterstützung, Kastrationsaktionen, Aus- und Weiterbildung, Aufklärung.

Wie wichtig ist die Ausbildung von Tierheimpersonal?

Sehr wichtig. Sobald Menschen merken, dass etwas gut funktioniert, engagieren sie sich auch. Aber man muss etwas tun, nichts passiert von selber. Wir haben Tierheime in Rumänien gebaut und dort gezeigt: In eine Box dürfen nicht zu viele Hunde. Aber sie sollen auch nicht frei rumrennen, sonst bekommen Besucher Angst und bleiben aus. Richtiges Futter ist ebenfalls wichtig, und: Wir bezahlen den Angestellten Löhne.

Das alles will finanziert sein. Wie schaffen Sie das?

Ein Grossteil meiner Arbeit besteht in der Akquirierung von Spenden. Und bei den Tierschutzeinsätzen helfen 150 Freiwillige. Ich selbst erledige vieles an Wochenenden und nachts. Auch mein Mann ist ein Tierfreund und hilft mit. Unsere Gönner erhalten viermal pro Jahr eine Zeitung. Ich gehe davon aus, dass das, was wir machen, die Leute überzeugt.

Und dann haben Sie ja auch noch eigene Tiere zu versorgen?

Diese zwei Hunde hier. (Beim Interview mit dabei sind die vierjährige Noroc, eine rumänische Strassenhündin, und die zwölfjährige Arab, eine Schäferhündin aus einem Schweizer Tierheim.) Mehr ist nicht drin, weil ich so viel auf Reisen bin für den Tierschutz.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit – falls Sie überhaupt eine haben?

Kaum, aber Arbeit und Privates gehen bei mir nahtlos ineinander über. Generell wandere ich gerne und beschäftige mich mit meinen Hunden.

Was war schwer an Ihrer Kindheit?

Ich war das klassische unerwünschte Kind und bekam das auch zu hören. Ich war nicht geplant. Und habe mich einsam gefühlt.

So wurden Sie früh erwachsen?

Ja, und ich nehme mich selber nicht so wichtig. Das ist im Tierschutz enorm von Vorteil. Meine Stiftung interessiert nicht, ob ich traurig bin. Auch bin ich nicht verwöhnt – ich kann auf dem Boden schlafen und ein Plumpsklo benützen. Aus jedem Auslandeinsatz komme ich reich zurück: Ich habe hier eine Heizung, ein Bad, Essen, ein Zuhause. Das ist für andere keine Selbstverständlichkeit.

In ihrem Buch sagen Sie: «Aufgeben ist in meiner Genetik nicht verankert.» Ein Lebensmotto?

Ja, ich will nie aufgeben, auch wenn etwas cheibe schwierig ist. Den Tierschutz möchte ich nie aufgeben – und unser Erfolg bestätigt uns.

Eine provokante Frage: Mögen Sie Tiere lieber als Menschen?

Nein, ich habe durch den Tierschutz sogar gelernt, die Menschen sehr zu lieben: Viele Menschen tun so viel Gutes und sind grossartig.

Was genau bedeuten Ihnen Tiere?

Tiere sind ein wichtiger Teil meines Lebens, sie sind mein Alltag. Tiere sind treue Freunde und verzeihen viel. Sie eröffneten mir als Kind den Zugang zu einer Welt mit gerechten Regeln. Ich bin verärgert, wenn die Bedürfnisse der Tiere nicht erkannt werden. Heimtiere kann ich inzwischen sehr schnell «lesen», ich kenne ihre Körpersprache. Sie haben die gleichen Grundbedürfnisse wie wir Menschen: Nahrung, Schlaf, Sicherheit, Sex und soziale Bedürfnisse.

Sie sagen auch: «Seriöser Tierschutz funktioniert anders, als es sich die meisten vorstellen.» Nämlich wie?

Häufig erhalte ich als Reaktion auf meine Arbeit ein «Jööh – du setzt dich für Tiere ein!». Doch ist meine Arbeit weniger schön als oftmals traurig, und schon gar nicht ist sie putzig. Ich streichle nicht den ganzen Tag Tiere (lacht). Wie schon erwähnt: Es geht um viel Einsatz in Tierheimen und um Aufklärung.

Mit Ihren Tierhospitälern sind Sie speziell in Osteuropa sehr präsent. Wieso gerade dort?

Wir unterstützen auch Tierheime in Spanien, Portugal, Italien – sogar welche in Georgien und Thailand. Aber das ist schon wieder Osten.

Ist der Osten schlicht ärmer?

Sagen wir so: Im Osten ist es für uns leichter zu arbeiten, die Menschen sind dort empfänglicher für den Tierschutz, als sie es im Süden sind. Dort sind Tierquälereien einfach noch mehr verankert, man denke an den Stierkampf. Während im Osten oft einfach nur das Geld fehlt, um gut zu Tieren sein zu können.

Sehen Sie Ihre Arbeit im In- und Ausland als Pionierarbeit?

Ich weiss nicht recht, ob ich das selber von mir behaupten darf. Das fände ich etwas überheblich.

Ihre Kritik am heutigen Tierschutz?

Sehr viele sind immer noch im Tierschutz engagiert, ohne das nötige Fachwissen zu haben. Daraus entsteht auch viel Leid für die Tiere. Ich behaupte, die Hälfte aller Tierschutzprobleme ergeben sich aus mangelndem Fachwissen. Wenn mehr Herz als Verstand regiert. Man muss im Tierschutz auch Leid aushalten können – Tierheime dürfen beispielsweise nicht zu viele Tiere aufnehmen.

Was hat sich bereits zum Positiven gewandelt?

Die Arbeit ist im Vergleich zu früher schon professioneller geworden, das Fachwissen hat zugenommen. Man ist etwas weggekommen vom «Jööh-Tierschutz». Und es gibt eine Offenheit zur Zusammenarbeit.

Was benötigt nachhaltiger Tierschutz?

Fachwissen und Weitsicht. Es ist wichtig, die Probleme bei den Wurzeln zu packen. Beispiel Strassenhunde in Rumänien: Wir können sie nicht alle in die Schweiz holen, das geht rechnerisch nicht. Man muss vor Ort kastrieren und Tierheime bauen. Die Bevölkerung aufklären. Hilfe zur Selbsthilfe leisten, ähnlich der Hilfe im humanitären Bereich.

Weshalb Sie mit Ihrer Stiftung die Leute vor Ort ausbilden?

Ja, dabei helfen uns Fachkräfte und Tierärzte – manche unentgeltlich, manche für ein reduziertes Honorar. Dies alles ist nur durch Spenden möglich – zum Glück gibt es in der Schweiz viele tierliebende Menschen. Und natürlich führen wir unsere Geschäfte kostengünstig.

Es heisst, Sie hätten schon Zehntausenden Tieren ein artgerechtes Leben ermöglicht. Das sind viele.

Ich habe vor rund 25 Jahren mit Gleichgesinnten den «Tierrettungsdienst» gegründet und aufgebaut, dann das Tierheim Pfötli gekauft, aus- und aufgebaut – aber das artgerechte Leben, das Sie ansprechen, bezieht sich vermutlich auf all die Tierheime, die wir (mit der Sust) optimieren, und auf die Aufklärung, die wir leisten. Wir verzeichnen über 4000 Rettungseinsätze pro Jahr. Das Tierheim Pfötli in Winkel bei Bülach ZH hat 2016 über 2200 Tieren eine Zuflucht geboten.

Thema Strassenhunde. Macht es Sinn, einen zu «adoptieren»?

Man muss sich das Wissen zum Tier aneignen. Man kann einen Hund nicht bestellen wie eine Unterhose. Das wäre Tierquälerei. So ein Hund hat eine harte Reise hinter sich, und oft ist es leider so, dass er, kann er das Erwartete nicht bieten, zum Wanderpokal wird. Es braucht Wissen, Herz und Zeit, will man sich eines Strassenhundes annehmen. Es ist wie bei einer Beziehung zwischen Menschen: Es muss was da sein. Wenn man das hat, dann hat man es, und dann muss man auch mal ein Problem lösen können miteinander, ohne gleich wegzurennen.

Wie verhalten sich Strassenhunde?

Es gibt nicht den Strassenhund. Manche halten sich nachts bei Besitzern auf, manche leben scheu am Stadtrand und haben panische Angst vor Menschen.

Wie finden verwilderte Tiere eigentlich immer wieder von allein den Weg zum Tierheim?

Das habe ich mich auch schon gefragt. Vermutlich durchs Gebell der Hunde dort. Frisch ausgesetzte Hunde sind herzzerbrechend: Sie sind verwirrt, hungrig, haben von anderen Hunden aufs Dach bekommen, wollen wieder zum Menschen. Das ist Alltag in Rumänien. Dort sind alle Tierheime überfüllt.

Im Buch ist auch die Rede davon, dass Sie sich in armen Ländern um Arbeitspferde und Esel kümmern und so auch den Menschen helfen.

Absolut. Das ist zugleich eine humanitäre Hilfe, weil sie das Einkommen ganzer Familien sichert.

Waren Sie eigentlich schon überall auf der Welt?

Ich bin definitiv ein Weltenbürger. Aber ich war beispielsweise noch nie in Aus­tralien (lacht).

Wie verarbeiten Sie und Ihre Helfer traumatische Erlebnisse?

Wir bereiten die Helfer auf ihren Einsatz vor. Sie wissen, das wird kein Plausch. Wichtig ist, sie gut zu leiten. Im Ausland hat jeder ein Einzelzimmer, der Schlaf ist wichtig und kommt eh zu kurz. Wir machen auch Debriefings wie alte Militärkumpels. Zusammenhalt tut gut.

Was entgegnen Sie, wenn jemand sagt, man müsse Tieren nicht die gleiche Empathie entgegenbringen wie Menschen?

Ich sage: Man muss Tiere gar nicht wie Menschen behandeln, aber so, dass es ihnen gut geht.

Wie gut sind die Tierrechte in der Schweiz?

Wir haben ein gutes Tierschutzgesetz, aber man muss es auch anwenden. Kein Polizist oder Richter sieht, wenn irgendwo ein Tier gequält wird. Dafür braucht es die Zivilcourage jedes einzelnen Tierfreundes, der Anzeige erstattet und Missstände aufdeckt. Doch sind die Leute sensibel gegenüber Unrecht an Tieren – Schweizer sind sehr tierlieb.

Hinweis

www.susyutzinger.ch

Zur Person

Susy Utzinger wird 1969 in Uster ZH geboren. Kindheit und Jugend sind geprägt von Umzügen. Stabilität vermitteln die Haustiere der Familie. Mit 17 zieht Susy von zu Hause aus. Nach dem Gymnasium absolviert sie eher widerwillig eine KV-Lehre, um die sie heute froh ist: «Das KV-Wissen dient mir beim Führen meiner Stiftung.» Nach der Lehre steigt sie zunächst bei der Tierambulanz ihres Vaters ein, auch arbeitet sie journalistisch im Bereich Tiere und Tierschutz für Radio, Fernsehen, Printmedien. 1994 absolviert Utzinger ein Ethologie-Praktikum (vergleichende Verhaltensforschung von Mensch und Tier) im Wolf Park in Indiana, wo das Verhalten von mit Menschen sozialisierten Wolfsrudeln beobachtet wird. 1993 gründet sie den Verein «Tierrettungsdienst», 1998 kauft sie das Tierheim Pfötli, 2006 wandelt sie diesen Verein in eine Stiftung um und ist seither SR-Präsidentin. 2000 gründet Utzinger ihre Stiftung für Tierschutz (Sust), die dem Eidgenössischen Departement des Inneren untersteht. Für ihre Stiftung, mit der sie fünf Tierhospitäler gegründet hat (in Ägypten, Rumänien, Ungarn und Peru) sowie 150 Tierheime in der Schweiz und 150 im Ausland unterstützt (mit Material, Futter, Arbeit), ist Utzinger hauptberuflich da. Susy Utzinger ist verheiratet. (sh)

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