Mehr als 60 Menschen sterben in Flammeninferno

PORTUGAL ⋅ Einer der schlimmsten Waldbrände aller Zeiten sorgt für massive Zerstörung. Flüchtende Menschen wurden regelrecht von Flammenwalzen überrollt.
Aktualisiert: 
18.06.2017, 21:00
18. Juni 2017, 04:55

Ralph Schulze, Madrid

Erst langsam wird das ganze Ausmass der Katastrophe klar. Die Feuerwehrmänner, die sich gestern durch das Flammenmeer bis zur portugiesischen Nationalstrasse 236 zwischen den Dörfern Castanheira de Pera und Figueiró dos Vinhos kämpften, stiessen auf ein Bild des Grauens: Sie fanden zahlreiche ausgebrannte Autowracks mit verkohlten Körpern. Ganze Familien starben in diesem Inferno.

Offenbar versuchten viele Menschen, dem heranrückenden Waldbrand, der ihre Häuser in der Nacht auf gestern zu verschlingen drohte, zu entkommen. Aber die Flammenwalzen waren schneller. Portugals Behörden sprechen von einem «Feuersturm», der über die Landschaft, die Häuser und ihre Bewohner hinwegfegte.

Videobilder zeigen weinende und verletzte Menschen, die sich den Helfern entgegenschleppen. Eine Frau mittleren Alters sitzt auf der in Rauch gehüllten Landstrasse, den Kopf in die Hände gestützt, ruft nach ihrer Familie, die im hinter ihr liegenden Dorf zurückgeblieben ist. Sie weiss nicht, was aus ihrem Hab und Gut und ihren Angehörigen geworden ist.

Nicht genügend Feuerwehrmänner

«Die Gewalt des Feuers war sehr gross», berichtet Valdemar Alves, Bürgermeister des 2000-Seelen-Ortes Pedrógão Grande. Heftiger Wind trieb die haushohen Flammenwände in mehrere Richtungen. «Viele Menschen schafften es nicht zu entkommen.» Einige Siedlungen seien «von den Flammen völlig eingekesselt» und verwüstet worden, sagt Alves. Er beklagt, dass es nicht genügend Feuerwehrmänner gab. Mancherorts gab es offenbar überhaupt keine Brandbekämpfer. «Die Flammen kamen immer näher, aber ich habe stundenlang keinen einzigen Feuerwehrmann gesehen», empörte sich eine Bewohnerin im TV-Sender RTP.

Bis gestern Abend fanden die Helfer insgesamt 62 Tote, darunter mehrere Kinder. Mindestens 30 Menschen starben auf der Flucht in ihren Fahrzeugen auf der Nationalstrasse 236. Die sterblichen Überreste von weiteren 17 Menschen, die versucht hatten, sich zu Fuss in Sicherheit zu bringen, wurden in der Nähe der Strasse gefunden. Etliche Personen werden noch vermisst. Etwa 60 Personen wurden verletzt, mehrere befinden sich mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus. Viele Bewohner erlitten Rauchvergiftungen. Hunderte wurden evakuiert. Am schlimmsten wütete das Feuer zwischen den vier Dörfern Castanheira de Pêra, Vila Facaia, Figueiró dos Vinhos und Pedrógão Grande, rund 200 Kilometer nördlich von Lissabon.

Blitzeinschlag verursachte Brand

Nach ersten Ermittlungen entstand das Feuer am Samstagmittag durch einen Blitzeinschlag in einen Baum. Dadurch sei vermutlich der umgebende Wald in Brand gesetzt worden, erklärte Portugals Polizeichef, Almeida Rodrigues. Es ist die schlimmste Waldbrand-Katastrophe, an die sich die Portugiesen erinnern können. Der sozialistische Regierungschef António Costa ordnete eine dreitägige Staatstrauer an.

Mehr als 1000 Löschhelfer und Soldaten aus dem ganzen Land kämpfen gegen das Flammeninferno, das gestern Abend noch immer nicht unter Kontrolle war. Portugal bat die Europäische Union um Hilfe. «Wir tun alles, um Portugal in dieser Zeit der Not zu helfen», sagte ein EU-Sprecher. Spanien und Frankreich schickten bereits gestern Morgen Löschflugzeuge.

Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa versicherte, die Feuerwehr unternehme alles Menschenmögliche. Die ungewöhnliche Hitzewelle in diesen Tagen mit Schattentemperaturen bis 40 Grad und Windböen habe die Ausbreitung des Feuers begünstigt. Er nahm die Behörden gegen die Kritik in Schutz, dass Einsparungen, Personalmangel und fehlende Brandvorsorge zur Katastrophe beitrugen.


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