Nachtschwärmer wider Willen

GESUNDHEIT ⋅ Schlafwandeln ist weit verbreitet und auch etwas unheimlich. Das wird es wohl noch ein Weilchen bleiben, denn die Wissenschaft weiss noch längst nicht alles über dieses Phänomen.
18. Juni 2017, 04:38

Christian Satorius/Hans Graber

Ist das wirklich möglich? Der kanadische Student Kenneth Parks soll im Mai des Jahres 1987 mitten in der Nacht ganze 23 Kilometer weit mit dem Auto durch Toronto von Pickering nach Scarborough gefahren sein und dort seine Schwiegermutter umgebracht haben – während er schlief.

Das Gericht wollte das nicht glauben und holte ein schlafmedizinisches Gutachten ein. Verschiedene Experten wurden befragt. Ergebnis: Parks wurde am 27. August 1992 für unschuldig erklärt, obwohl feststand, dass er die Tat begangen hatte.

Die Fachleute streiten bis heute darüber, ob Parks wirklich als Schlafwandler gehandelt hat oder nicht. Einfach zu sagen ist das nicht, denn das Phänomen ist bis heute nicht vollends erklärbar und gibt den Wissenschaftern immer noch Rätsel auf.

Echtes Schlafwandeln ist kein «gelebter Traum»

«Das eigentliche Schlafwandeln gehört wie auch das Sprechen im Schlaf zu den sogenannten NREM-Parasomnien, welche nicht aus dem Traumschlaf, sondern häufig sozusagen aus dem Gegenteil davon, nämlich aus dem Tiefschlaf heraus auftreten, erklärt Arto Nirkko, Chefarzt der zur Hirslanden-Gruppe gehörenden Klinik für Schlafmedizin in Luzern. Dabei befindet sich die Person mehr oder weniger immer noch im traumlosen Tiefschlaf, sie ist deshalb verlangsamt und kann nicht rasch und richtig reagieren. Dies führt zu einer erhöhten Unfallgefahr, zum Beispiel durch Sturz aus dem Fenster oder die Treppe hinunter. Es handelt sich beim normalen Schlafwandeln also keinesfalls um einen «gelebten Traum».

«Als Gegensatz dazu treten die sogenannten REM-Parasomnien im Traumschlaf auf», so Nirkko weiter. «Diese können im Zusammenhang mit dem Inhalt eines Traums auch ohne Herumwandern, aber durch wildes Umsichschlagen oder einen Sturz aus dem Bett zu Verletzungen von sich selbst oder des Bettpartners führen.» Die Muskeln seien also nicht mehr so ruhiggestellt, wie es in einer normalen Traumschlafphase üblich ist, damit ein Umsetzen der Traumbewegungen in die Wirklichkeit verhindert wird.

Früher dachte man an «Mondsüchtigkeit»

Menschen, die vom eigentlichen Schlafwandeln betroffen sind, machen während des Schlafwandelns vor allem das, was sie im wahrsten Sinne des Wortes im Schlaf beherrschen. Einige setzen sich plötzlich im Bett auf und zupfen das Bettlaken zurecht oder sie schütteln ihr Kopfkissen auf, ordnen Kleider und verrücken Möbel.

Andere verlassen das Bett mit offenen Augen und starrem Gesichtsausdruck, um scheinbar unsinnige Dinge zu tun – was durchaus gefährlich werden kann. Sie steuern dabei gerne helle Lichtquellen an, was zu der früheren Annahme führte, Schlafwandler könnten «mondsüchtig» sein. Das brachte dem Schlafwandeln die alte Bezeichnung «Lunatismus» (von lat. «luna» für Mond) ein.

Manche plündern den Kühlschrank und stopfen alles Greifbare in sich hinein. Das können durchaus auch ungekochte Kartoffeln oder Pralinen mitsamt Verpackung sein. Andere wieder­um stolpern durch die Wohnung, stossen sich an Möbelstücken oder fallen sogar der Länge nach hin. Noch gefährlicher wird es für die Betroffenen, wenn sie den Herd zum Kochen anschalten, das Haus verlassen, vielleicht aus dem Fenster klettern oder sogar mit dem Auto fahren.

Im Jahr 2006 sorgte der kanadische Tennisspieler Peter Polansky für Schlagzeilen, als er schlafend aus seinem Hotelzimmerfenster in Mexiko City stieg und dabei über drei Stockwerke in die Tiefe stürzte. Aber er kam mit dem Leben davon.

Schlafwandlerische Sicherheit gibt es nicht

Experten sind sich einig: Die sprichwörtliche «schlafwandlerische Sicherheit» gibt es nicht. Somit ist auch klar, dass der Schlafende, der mit ausgestreckten ­Armen und vor allem mit ge­schlossenen Augen über den Dachfirst balanciert, ins Reich der Märchen und Mythen gehört und in der Realität nicht besonders weit kommen würde.

Wenn man schlafwandelt oder schlafwandelnde Angehörige hat, sollten Türen und Fenster möglichst verschlossen bleiben und störende Möbelstücke aus dem Weg geräumt werden. Ein Nachtlicht kann die Orientierung erleichtern (siehe auch Kasten).

Besorgte Zurufe können gefährliche Folgen haben

«Besorgte Zurufe sollten unterbleiben», empfiehlt der Ravensburger Psychiater und Neurologe Volker Faust, «denn sie könnten den Schlafwandler abrupt aufwecken. Der Betroffene wird dann plötzlich wach, sieht sich in ungewohnter Umgebung und reagiert erschreckt und meist falsch.»

Wichtig sei es vielmehr, «den Schlafwandler während des Wandelns in gefährlicher Umgebung so behutsam zu steuern, dass er wieder alleine ins Bett findet, auch wenn er sein Bewusstsein und die völlige Orientierung noch nicht erlangt hat.»

Wem das Ganze ein bisschen unheimlich vorkommt, der sollte vor allem als Erwachsener eine Fachperson aufsuchen. Spätestens der Gang ins Schlaflabor bringt Sicherheit.

Kinder sind sehr häufig betroffen

Alleine mit seinem Problem ist man sicher nicht. Studien haben gezeigt, dass immerhin 10 bis 30 Prozent aller Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren Episoden des Schlafwandelns durchmachen, vor allem ältere Kinder.

Viele Mediziner sind davon überzeugt, dass gerade bei dieser Gruppe das noch nicht ausgereifte Gehirn dafür verantwortlich zu machen ist. Abschliessend geklärt ist das allerdings noch nicht.

Während der Somnambulismus, wie das Schlafwandeln auch genannt wird, bei den jungen Menschen in der Regel spätestens mit der Pubertät wieder verschwindet, sind immerhin noch 1 bis 3 Prozent aller Erwachsenen davon betroffen. Ja, manchmal setzt der Somnambulismus sogar erst im fortgeschrittenen Alter erstmals ein.

Doch was dieses Schlafwandeln im konkreten Fall auslöst, konnten die Wissenschafter bisher noch nicht herausfinden. Vererbung scheint eine Rolle zu spielen. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen hat nämlich in der Verwandtschaft wenigstens einen weiteren Schlafwandler. Welchen Einfluss Schlafmangel, Stress, Medikamente und Alkohol haben, wird kontrovers diskutiert. Das Schlafwandeln dürfte die Wissenschafter also noch eine ganze Zeit lang nicht zur Ruhe kommen lassen.

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