150 Absturzopfer: So gehen die Rechtsmediziner vor

HAMBURG ⋅ 150 Menschen sind beim Flugzeugabsturz in Frankreich ums Leben gekommen. Angehörige wollen möglichst schnell Gewissheit über die Identität der Absturzopfer haben. Wie die Identifizierung der Toten nach einer solchen Katastrophe generell vonstattengeht, erläutert Rechtsmediziner Klaus Püschel.

Wann wird mit der Identifizierung der Leichen begonnen?

Rechtsmediziner sind von Anfang an bei der Bergung beteiligt. Normalerweise werden gemeinsame Teams mit der Polizei gebildet. Die Teams ordnen bereits an der Absturzstelle Leichenteile zu, registrieren sie mit der Fundstelle im jeweiligen Planquadrat und schicken sie in nummerierten Beuteln an eine zentrale Untersuchungsstelle. Diese kann sich in einem rechtsmedizinischen Institut, einem grösseren Spital oder auch in einer Turnhalle befinden. Püschel schätzt, dass bei einem Unglück von diesem Ausmass fünf bis zehn kleine Teams gebildet werden, an denen sich neben Kriminalbeamten und Rechtsmedizinern auch Zahnärzte und Röntgenexperten aus den Heimatländern der Opfer beteiligen.

Wie gehen die Rechtsmediziner vor?

Eine Identifizierungs-Kommission vergleicht die Untersuchungsergebnisse der Rechtsmediziner mit der Passagierliste und bekannten körpereigenen Merkmalen wie Grösse, Gewicht, Augen-, Haarfarbe und eventuellen Narben. Helfen können auch Röntgenbilder und vor allem ein Gebissbefund des Zahnarztes. Für einen DNA-Abgleich kann eine Zahn- oder Haarbürste des mutmasslichen Opfers wichtig sein. Bei Kindern, deren Zahnstand noch nicht dokumentiert ist, wird mitunter eine Speichelprobe der Eltern genommen. Püschel geht davon aus, dass jedes Leichenteil identifiziert werden wird.

Ist ein Toter, bei dem ein Ausweis gefunden wird, identifiziert?

Sogenannte Effekten wie Ausweise, eine Armbanduhr oder ein Ehering am Körper sind sehr starke Hinweise auf die Identität. «Das ist aber kein Beweis, weil es rein theoretisch auch so sein könnte, dass jemand im Flugzeug mit der Nachbarin gerade noch mal einen Ring ausgetauscht hat», erläutert Püschel. Letztlich können nur Gewebebefunde, Zahnstatus und das Ergebnis der DNA-Untersuchung Sicherheit geben.

Wann können die Hinterbliebenen die Toten bestatten?

Die Behörden werden die Leichenteile nach Einschätzung von Püschel in spätestens zwei Wochen zur Bestattung freigeben. Bei den Körpern von Besatzungsmitgliedern könnten nach der Identifizierung noch spezielle Untersuchungen anstehen, etwa zu einer denkbaren Beeinflussung durch Alkohol, Drogen oder giftige Dämpfe im Cockpit. Doch dazu könnten auch zurückbehaltene Blut- oder Gewebeproben genügen.

Klaus Püschel ist Direktor des Hamburger Instituts für Rechtsmedizin im Universitätsklinikum Eppendorf.

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