330 Tote bei Flüchtlingsdrama befürchtet

FLÜCHTLINGE ⋅ Bei dem jüngsten Flüchtlingsdrama vor Lampedusa kamen möglicherweise über 330 Menschen ums Leben gekommen. Dies erklärte eine Sprecherin des UNO-Flüchtlingswerks (UNHCR) am Mittwoch. Sie bezog sich auf Angaben von Überlebenden.

Bei schlechtem Wetter seien drei Schlauchboote mit jeweils rund 100 Flüchtlingen unterwegs von Libyen nach Sizilien gewesen. Auf einem waren zu Beginn der Woche 29 erfroren. Auf zwei weiteren Booten seien insgesamt mehr als 210 Menschen gewesen.

"Von diesen überlebten nur neun", erklärte UNHCR-Sprecherin Carlotta Sami. Sie seien nach vier Tagen auf dem Meer gerettet worden. Die anderen 203 habe das Meer verschluckt. Überlebende berichteten von einem vierten vermissten Boot mit möglicherweise mehr als 100 Menschen an Bord. Deren Schicksal ist ungewiss.

Auch der Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf, Joel Millman, sagte, es träfen Informationen über weitere gekenterte Boote ein.

Suchaktion ausgeweitet

Italienische Rettungskräfte suchten am Mittwoch nach den vermissten Flüchtlingen. Helikopter, Flugzeuge und Schiffe der Marine patrouillieren den Seeraum 100 Meilen südlich von Lampedusa. Die Suchaktion gab bisher keine Ergebnisse, teilte die Küstenwache gemäss italienischen Medien mit.

Die Leichen der 29 Toten wurden am Mittwoch mit einer Fähre von Lampedusa nach Agrigent auf Sizilien überführt. Hier sollen sie beerdigt werden.

Mehrere Überlebende befinden sich noch im Auffanglager der Insel; sechs Personen liegen wegen Unterkühlung im Spital Lampedusas. Sie sprechen Französisch und stammen vermutlich aus Westafrika. Nach IOM-Angaben starteten sie am Samstag nahe der libyschen Hauptstadt Tripolis und kenterten am Montag im Mittelmeer.

Angesichts der neuen Tragödie vor Lampedusa mahnte Papst Franziskus bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz mehr Solidarität und mehr Rettungseinsatz für die Flüchtlinge an, die in Booten über das Mittelmeer nach Europa kommen. Seine erste Reise als Papst hatte Franziskus im Juli 2013 nach Lampedusa geführt.

Kritik an "Triton"

Die süditalienische Insel Lampedusa ist nach zwei Schiffsunglücken mit mehr als 350 Toten im Oktober 2013 zum Sinnbild für Flüchtlingskatastrophen auf dem Mittelmeer geworden. Danach hatte Italien die Rettungsmission "Mare Nostrum" ins Leben gerufen, die in den folgenden Monaten Tausende Flüchtlinge auf dem Mittelmeer in Sicherheit brachte.

Diese wurde vergangenes Jahr von der EU-Grenzschutzmission "Triton" abgelöst, der jedoch deutlich kleiner ist und dessen Fokus mehr auf der Sicherung der EU-Grenzen als auf der Rettung der Flüchtlinge liegt. Menschenrechtsorganisationen und Politiker in Italien kritisierten das Programm erneut als unzureichend.

Italiens Aussenminister Paolo Gentiloni forderte erneut eine Ausdehnung der EU-Grenzschutzmission. "Der Triton-Einsatz genügt nicht, das ist nur der Anfang", sagte er am Mittwoch. Es müssten mehr Kräfte und Ressourcen zur Rettung der Flüchtlinge im Mittelmeer eingesetzt werden, forderte Gentiloni. Er rief die EU auf, Italien aktiver im Umgang mit der Flüchtlingsproblematik zu unterstützen.

Nach Angaben des italienischen Innenministeriums kamen allein im Januar mehr als 3500 Flüchtlinge nach Italien. Selbst Winterstürme halten die verzweifelten Menschen nicht von den gefährlichen Überfahrten meist von Libyen aus ab. Im vergangenen Jahr trafen 170'000 Flüchtlinge in Italien ein. (sda/dpa/afp)


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