«Für die Schüsse gibt es keine Rechtfertigung»

USA ⋅ Ein neuer Fall von tödlicher Polizeigewalt gegen Schwarze hat in den USA Empörung ausgelöst. In einem Handyvideo ist zu sehen, wie ein weisser Polizist in North Charleston in South Carolina einen flüchtenden Mann von hinten erschiesst.

Neuer Fall von Polizeigewalt in den USA: Nach tödlichen Schüssen auf einen 50-jährigen Schwarzen ist ein weisser Polizist im US-Staat South Carolina am Dienstag wegen Mordes angeklagt worden. Das Video zeigt den tödlichen Rückenschuss. (youtube.com, 8. April 2015)

Nach den Todesschüssen auf den anscheinend unbewaffneten vierfachen Familienvater am Samstag hatte sich der 33-jährige Polizist auf Notwehr berufen. Er habe um sein Leben gefürchtet, weil der Mann ihm nach einer Verkehrskontrolle seine Elektroschock-Waffe entrissen habe.

Laut «New York Times» schoss der Polizist achtmal. Der Flüchtende wurde fünfmal getroffen, davon viermal im Rücken, wie die Lokalzeitung «Post and Courier» unter Berufung auf den Anwalt der Familie berichtete. In dem Video scheint es, als habe er seinen Elektroschocker erst nach den Schüssen neben den 50-Jährigen gelegt.

Bürger der rund 100'000 Einwohner zählenden Stadt riefen für Mittwoch zu einem Protestmarsch vor dem Rathaus auf. Die Hälfte der Bevölkerung ist laut «New York Times» schwarz.

Ohne Video keine Wahrheit

Die Familie des Opfers äusserte sich nach der Festnahme des Polizisten an einer Medienkonferenz und lobte den «Helden», der das Video angefertigt hatte. «Wenn es kein Video gäbe, würden wir dann je die Wahrheit erfahren? Aber nun kennen wir die Wahrheit», sagte der Bruder des Toten, Anthony, wie der TV-Sender MSNBC berichtete.

Bürgerrechtler riefen die Bevölkerung zur Ruhe auf. In sozialen Netzwerken wurde der Mut des Zeugen, der die Szene filmte, gelobt.

Laut dem Bürgermeister von Nord Charleston, Keith Summey, gab das Video den Ausschlag, den Polizisten wegen Mordes anzuklagen. Der Polizist habe eine falsche Entscheidung getroffen. «Wenn man falsch liegt, liegt man falsch», sagte er vor den Medien. Die Gouverneurin des Bundesstaats, Nikki Haley, erklärte, die Schüsse seien nicht hinnehmbar.

Die Polizei von South Carolina wollte sich offiziell nicht zum Vorfall äussern und verwies auf die laufenden Ermittlungen, in die sich auch die US-Bundespolizei FBI und das US-Justizministerium einschalteten.

Ungeheuerliche Szene

Ein Experte in Sachen Polizeigewalt nannte die Szene auf dem Video ungeheuerlich. «Der Mensch flüchtet. Er hat keine Waffe. Und er hat sich nicht umgedreht», sagte Samuel Walker, emeritierter Professor der Universität Nebraska der Zeitung «Post and Courier». Für die Schüsse des Polizisten auf den Flüchtenden gebe es keine Rechtfertigung.

Laut «Post and Courier» war der 50-jährige Schwarze rund zehnmal inhaftiert, zumeist wegen nicht geleisteter Unterhaltszahlungen für seine Kinder. Sein Bruder sagte dem Blatt, er sei vermutlich geflüchtet, weil er nicht wieder wegen versäumter Zahlungen festgenommen werden wollte.

Zuletzt hatten in den USA mehrere Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze Entsetzen und Proteste ausgelöst. In Ferguson (Missouri) war es zu tagelangen Unruhen gekommen, nachdem im vergangenen August ein Beamter den unbewaffneten schwarzen Teenager Michael Brown erschossen hatte.

Eine sogenannte Grand Jury aus überwiegend weissen Laienrichtern kam im November zum Schluss, dass sich der Polizist nichts zuschulden kommen liess.Nach ähnlichen Vorfällen in New York kam es auch dort zu Protesten gegen Polizeigewalt.

Tödliche Polizeischüsse auf Schwarze in den USA

Übergriffe und Todesschüsse von weissen Polizisten auf unbewaffnete Schwarze haben in den USA mehrmals Empörung und auch heftige Proteste ausgelöst. Beispiele:

März 2015: Ein weisser Polizist erschiesst bei Atlanta (Georgia) einen möglicherweise geistig verwirrten nackten Schwarzen, der an Haustüren geklopft haben soll. Laut Polizei lief er auf einen Beamten zu, der zwei Schüsse abfeuerte. Der genaue Hergang wird ermittelt.

Dezember 2014: Ein vierfacher schwarzer Familienvater wird in Phoenix (Arizona) nach einer Polizeikontrolle erschossen, weil er seine Hand nicht aus der Hosentasche nehmen wollte. Darin waren Tabletten und keine Waffe. Es kommt zu einer landesweiten Protestwelle.

November 2014: Ein weisser Polizist muss wegen tödlicher Schüsse auf einen unbewaffneten schwarzen Jugendlichen im August in Ferguson (Missouri) nicht vor Gericht. Eine Geschworenenjury sieht keine Beweise für eine Straftat, auch Bundesbehörden klagen den Polizisten nicht an. Der Vorfall löste schwere Unruhen aus. Später tritt der Polizeichef von Ferguson zurück - nach einem Bericht des Justizministeriums über weit verbreiteten Rassismus bei der Polizei.

Juli 2010: Nach einem milden Urteil gegen einen weissen Ex-Polizisten kommt es in Oakland (Kalifornien) zu Ausschreitungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

November 2006: Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt bei Schüssen der New Yorker Polizei. Er hatte nach dem Verlassen einer Bar im Auto mit Freunden einen Polizeiwagen gerammt. Drei Polizisten werden angeklagt und freigesprochen. Die Polizei zahlt eine Millionen-Entschädigung.

Februar 2000: Vier Polizisten, die einen afrikanischen Einwanderer erschossen hatten, werden freigesprochen. Das Urteil der Jury aus schwarzen und weissen Schöffen ist heftig umstritten, in New York kommt es zu Ausschreitungen.

(sda/dpa/afp)


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