Nikolaus ist wieder unterwegs

RELIGION ⋅ Nikolaus von Myra wird sowohl in den West- wie in den Ostkirchen tief verehrt. Das machte und macht auch seine Gebeine begehrt. 2017 gingen sie erstmals nach 930 Jahren auf Reisen.
03. Dezember 2017, 04:38

Martin Leutenegger

Von Nikolaus von Myra, auf den unter anderem unser Samichlaus zurückgeht, sind fast keine Daten bekannt. Er soll zwischen 270 und 286 geboren worden sein und starb irgendeinmal zwischen 326 und 365. Fest steht nur, dass er nach dem heute gültigen gregorianischem Kalender an einem 6. Dezember gestorben ist.

Myra (heute Demre) lag in der kleinasiatischen Region Lykien. Diese war damals Teil des Römischen Reiches und gehört heute zur Türkei. Laut der Überlieferung wurde Nikolaus mit 19 Jahren zum Priester geweiht und später Abt des Klosters, bevor er zum Bischof geweiht wurde.

Nach dem Tod seiner Eltern soll er sein ganzes Erbe unter den Armen verteilt haben. Dies dürfte auch der Grund sein, dass sich im Lauf der Zeit die verschiedensten Bräuche und Legenden entwickelten, die fast alle einen Bezug zum Schenken haben. Nikolaus soll überdies mehrfach Tote auferweckt und andere Wunder bewirkt haben.

Das Christentum bildete bis ins 11. Jahrhundert eine Einheit, wenn auch geprägt durch unterschiedliche Riten und Traditionen. Als Datum für die Aufteilung in eine (orthodoxe) Ostkirche mit Sitz in Byzanz (Konstantinopel) und eine (lateinische) Westkirche mit Zentrum in Rom wird häufig das Jahr 1054 angegeben.

Bari wollte Venedig Konkurrenz machen

St. Nikolaus spielte in allen Teilen der Christenheit schon sehr früh eine grosse Rolle. Als einer von wenigen Heiligen wird er – vor allem in seiner Funktion als Schutzpatron der Seefahrer, Kaufleute und Kinder – auch in vielen evangelisch-reformierten Regionen geschätzt. In Norddeutschland steht in fast jeder Stadt eine Sankt-Nikolai-Kirche.

Die Reliquien des Nikolaus befinden sich in der süditalienischen Stadt Bari an der Adria. Allerdings erst seit 1087. Zuvor ruhten die Gebeine in Myra in Kleinasien. Das aber passte den Barensern nicht.

Aus zwei Gründen: Zum einen standen die Hafenstädte Venedig und Bari in ständiger Konkurrenz zueinander, und weil die Venezianer überall in der Welt mit «ihrem» heiligen Markus auftrumpften, hätten sie in Bari gern auch einen solchen Heiligen von überregionaler Bedeutung gehabt. Dessen Reliquien zu besitzen, bedeutete, Tausende von Pilgern anzuziehen und den Handel mit dem Osten zu beleben.

Der zweite Grund lag darin, dass muslimische Heerscharen immer näher an Myra heranrückten, und es war zu befürchten, dass diese das Nikolaus-Heiligtum zerstören würden.

Also zogen im Frühling 1087 62 Seefahrer los und boten den Mönchen des Klosters in Myra eine grössere Geldsumme für die Übergabe der Reliquien an. Weil sich die Gottesmänner nicht auf den Handel einlassen wollten, machten die Seefahrer kurzen Prozess und raubten die Gebeine.

Am 9. Mai kamen sie zurück nach Bari, und seither findet jedes Jahr vom 7. bis 9. Mai zu ­Eh­- ren des Heiligen eine grosse ­Nikolaus-Prozession statt – umrahmt von festlichen Ver­an- ­staltungen, Umzügen und Feuerwerk. Am 6. Dezember finden in der Basilika jeweils besinnlichere Feiern statt, verbunden mit dem Brauch, eine undefinierbare Flüssigkeit («Manna») im Grab des Heiligen aufzufangen, die anschliessend – stark verdünnt und in verzierte Fläschchen abgefüllt – an Gläubige verkauft wird.

Für Römisch-Katholische und Russisch-Orthodoxe

Noch im Jahr der Ankunft der Nikolaus-Reliquien in Bari wurde mit dem Bau der imposanten Basilika San Nicola begonnen. Im Beisein Papst Urbans II. wurde 1089 die Krypta geweiht, in der noch heute Gottesdienste im römischen und im byzantinischen Ritus stattfinden. Obwohl inzwischen fast 1000 Jahre vergangen sind, ist die Nikolaus-Basilika ein bedeutendes Pilgerziel vor allem für römisch-katholische und russisch-orthodoxe Christen geblieben. Russisch ist heute in Bari genauso wichtig und verbreitet wie Englisch. Das zeigt sich auch daran, dass praktisch alle Anschriften – von Sehenswürdigkeiten bis hin zur Speisekarte – auch auf Russisch verfasst sind.

Dieses Jahr jedoch mussten Russen nicht unbedingt nach Bari pilgern. Erstmals seit dem Raub der Gebeine vor 930 Jahren haben nämlich dessen Reliquien die Basilika San Nicola in Bari verlassen. Grund: Bei ihrem Treffen in Kuba 2016 hatten Papst Franziskus und der Moskauer Patriarch Kyrill I. vereinbart, dass die Reliquien an Russland ausgeliehen würden.

Im Sommer suchten in Moskau und St. Petersburg über 2,5 Millionen Menschen – darunter Wladimir Putin – die Nähe zu diesen Reliquien. Zurückgeholt nach Bari wurde die Leihgabe vom Schweizer Kardinal Kurt Koch. Doch womöglich werden die Gebeine nicht zum letzten Mal auf Reisen gewesen sein: Die türkische Nikolaus-Stiftung möchte die gestohlenen Überreste gerne zurückhaben.

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