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Neue Zürcher Zeitung, 22. Dezember 2010, 08:49

Der höchste Christbaum der Schweiz

Die 47 Meter hohe «grüne Dame» in der Bündner Gemeinde Luven

Das Alter der riesigen Fichte in Luven wird auf über 250 Jahre geschätzt. Zoom

Das Alter der riesigen Fichte in Luven wird auf über 250 Jahre geschätzt. (PD )

Was der Volksmund Tannen- oder Christbaum nennt, ist wissenschaftlich betrachtet eine Fichte. Das höchste Exemplar dieser Baumart in der Schweiz steht in der Gemeinde Luven im Kanton Graubünden.

Katja Baigger

Jene Christbäume, die nun wieder die Wohnzimmer weihnächtlich schmücken, sind - auch wenn es der Volksmund so will - nicht Tannen, sondern wissenschaftlich betrachtet Fichten. Eine Ausnahme bildet die aus dem Kaukasus stammende Nordmanntanne, die insbesondere in Dänemark für das Weihnachtsgeschäft angepflanzt werden. Im Volksmund wird die Fichte, lateinisch Picea abies, wegen der rötlichen Rinde auch Rottanne genannt, die Tanne wegen ihrer weissen Nadelunterseite auch Weisstanne. Urkundlich belegt ist der Brauch mit dem immergrünen Weihnachtsbaum erstmals 1539 im Strassburger Münster, erst nach dem deutsch-französischen Krieg (1870/71) verbreitete er sich in Europa.

Die höchste Fichte der Schweiz wird wegen ihrer majestätischen Grösse nie in einem Wohnzimmer Platz finden. Sie steht in der Gemeinde Luven in der Surselva im Kanton Graubünden, unterhalb der Kirche auf der Wiese Bual, die heute als Fussballplatz dient. Jugendliche kletterten früher bis an die Spitze des Baumes und hangelten sich daraufhin von Ast zu Ast hinunter - eine gefährliche Mutprobe, denn die Fichte hat eine Kronenhöhe von 47 Metern. Einzig eine 53 Meter hohe Fichte in Südtirol und eine 60 Meter hohe in Hinterhermsdorf in der Sächsischen Schweiz übertreffen den «Tannenbaum» in Graubünden, wie der Baumexperte Michel Brunner erklärt. Der 32-jährige Grafiker und Buchautor reist seit über zehn Jahren zu bedeutenden, riesigen Bäumen in Europa und hält diese fotografisch fest.

Für Brunner gehört das Luvener Exemplar wegen seiner perfekten konischen Form mit den bis zum Boden reichenden Ästen zu den schönsten Fichten Europas. Brunner muss es wissen, hat er doch mittlerweile über 2000 Altbäume aufgenommen in sein Inventar, die Hälfte davon in der Schweiz. Im Jahr 2007 hat er mit «Bedeutende Linden - 400 Baumriesen in Deutschland» sein erstes Baumbuch herausgegeben. Mit Gewinn dürften nun Interessierte den Anfang 2010 erschienenen Bildband «Baumriesen der Schweiz» lesen, findet man dort doch nicht nur wissenschaftliche Daten zu den Bäumen, sondern auch allerlei Anekdoten, die sich um sie ranken. So erfahren wir etwa, dass die Einheimischen den Baum rätoromanisch «la panera» nennen, was so viel heisst wie Brotgestell. Das kommt daher, dass die verhältnismässig dünnen Äste in der Baumkrone kranzförmig angeordnet sind wie eben jene des Holzgestells für Brot. Seit Jahrzehnten erfreut die Fichte Generationen von Dorfbewohnern und Besuchern, gerade im Winter ist die «grüne Dame im weissen Kleid» ein schöner Anblick, denn ihre Äste beugen sich nicht unter der Last des Schnees. «Grüne Dame» wird die Fichte in Sagen genannt, sie beschützt dort Kinder und alte Menschen, weiht Mädchen in Liebesgeheimnisse ein und verführt Männer, um sie auf ihre Treue hin zu testen.

Brunner schätzt ihr Alter auf über 250 Jahre. Bereits 1915 war der mächtige Baum dem Disentiser Pater Hager aufgefallen. Damals war die Fichte schon 33 Meter hoch. Der Stamminhalt beträgt heute 40 Kubikmeter, der Stammumfang 5,85 Meter. Somit ist die Luvener Fichte - laut Brunner ein Baum von nationaler Bedeutung mit hohem Schutzstatus - auch eine der dicksten ihrer Art in der Schweiz. Zur Entfaltung seiner Äste steht dem Baum nichts im Wege, einzig ein Blitzschlag könnte sein Wachstum stoppen, so Brunner. Daher werden hierzulande alle bedeutenden, schützenswerten Bäume ab einer bestimmten Grösse mit einem Blitzableiter ausgestattet.

Michel Brunner: Baumriesen der Schweiz. Werd-Verlag, 2010. 240 S., Fr. 59.-. Erhältlich im Buchhandel oder unter www.proarbore.com .

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