Pekings Plage mit den Velos

TREND ⋅ In Chinas Hauptstadt boomt der Markt mit Leihvelos. Die Konkurrenz unter den Anbietern ist gewaltig. So manchem Stadtbewohner ist es nun aber des Guten zu viel.
20. Mai 2017, 10:09

Felix Lee, Peking

Wu Guan ist genervt. Natürlich würde er sich freuen, wenn in Peking wieder mehr Menschen aufs Velo stiegen, sagt der 37-Jährige, der in der chinesischen Hauptstadt ein Velogeschäft betreibt. Doch was sich derzeit vor allem auf den Trottoirs abspiele, das sei nicht mehr tragbar. Vor jeder ­U-Bahn-Station, vor fast allen Hauseingängen, vor Restaurants, Geschäften und Einkaufszentren – überall würden sich derzeit die Velos stapeln. «Sie versperren ­alles», schimpft Wu. «Die Leihräder sind zu einer regelrechten Plage geworden.»

In Peking hat sich in den zurückliegenden Wochen Erstaunliches zugetragen: Die chinesische Hauptstadt mit ihren mehr als 23 Millionen Einwohnern und mehr als 6 Millionen registrierten Autos, dieses Peking hat sich binnen kurzer Zeit wieder zu einer Velostadt entwickelt. Aber: So leicht lassen sich Autos nicht verdrängen. Deswegen sind es nicht die grossen Strassen, sondern die Fusswege und Seitenstrassen, die neuerdings voll sind mit Velos.

Diese Schwemme hat einen Grund: Junge Start-up-Unternehmer und ihre Investoren haben das Geschäft mit Leihvelos entdeckt. Sie heissen Ofo, Mobike oder Bluegogo – quietschgelbe, orange-graue oder hellblaue Velos mit trendigem und zugleich robustem Gestell. Sie tragen zu einer farbenfrohen Revolution des sonst recht betongrauen Pekinger Strassenbilds bei.

Mehr als ein Dutzend Anbieter

Mehr als eine Million Leihfahrräder soll es in Peking schon geben. Landesweit sollen es sogar mehr als 50 Millionen sein. Denn auch in Schanghai, Chengdu und Qingdao sind die Trottoirs verstopft mit bunten Leihrädern. Mehr als ein Dutzend Anbieter gibt es im ganzen Land.

Dieser Hype überrascht. Denn Autos sind in China angesagt. Für die noch recht junge aufstrebende Mittelschicht stehen sie für Wohlstand, Freiheit und Mobilität – auch wenn die meisten Autofahrer in Peking die meiste Zeit im Stau stehen oder warten müssen, weil sie keinen Parkplatz finden. Vor allem junge Pekinger meinten noch vor kurzem, sie könnten gar nicht Velo fahren. Das scheint sich nun blitzartig geändert zu haben. «Die Velos sind ein Segen», schwärmt Liu Feng, eine 22 Jahre alte Studentin. Auf kurzen Strecken würde sie kaum noch Bus oder Taxi fahren.

Per App können die Zweiräder über GPS gefunden und entsperrt werden. Abgerechnet wird ebenfalls über die App. Anmieten und Abstellen kann man die Räder überall. Zumindest in der Theorie klingt das Geschäftsmodell vielversprechend. Dennoch hat bislang keiner der Anbieter Gewinn gemacht.

Die Leihvelos sind quasi gratis

Denn angesichts der grossen Konkurrenz sind die Leihvelos quasi gratis. Bei Ofo müssen die mehr als 20 Millionen registrierten Kunden derzeit überhaupt nichts zahlen, wenn sie die Velos nutzen. Mobike geht seit April noch einen Schritt weiter und zahlt seinen Kunden für die Nutzung seiner Räder sogar einen kleinen Betrag. «Die Konkurrenz sorgt dafür, dass die Firmen mit hohen Rabatten um neue Nutzer buhlen müssen», berichtet der Pekinger Wirtschaftsprofessor Hu Xingdou. Dennoch gibt es reichlich Interessenten, die bereit sind, kräftig in die jungen Unternehmen zu investieren. Ofo etwa wird derzeit mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet. Mobike ebenso.

Um das Leihvelogeschäft an sich geht es den Investoren und Betreibern gar nicht so sehr. Ihnen geht es um Big Data. Auch in China sieht man im Sammeln persönlicher Daten ein Milliardengeschäft. Schon jetzt sendet Ofo Werbemeldungen aufs Smartphone – je nachdem, wo sich der Nutzer gerade aufhält.

So sehr die Leihvelos zu einer Entspannung des dichten Autoverkehrs in den Grossstädten beitragen – inzwischen gibt es von den Behörden Gegenwind. Denn auch sie stossen sich daran, dass die Velos überall hingestellt werden. Experten rechnen damit, dass die vielen Leihvelos schon bald wieder aus dem Stadtbild verschwinden werden. Und selbst die Sammelwut der Daten würde nicht für alle das grosse Geschäft versprechen, wie es derzeit noch erscheint. Bis Ende des Jahres werde es eine «scharfe Konsolidierung» geben, sagt der Pekinger Analyst Zhang Xu. Auch der Velohändler Wu ist überzeugt: «Peking bleibt eine Autostadt.»


Leserkommentare

Anzeige: