Perfekter Böögg-Auftritt

ZÜRICH ⋅ Auf den Böögg sind am Zürcher Sechseläuten alle Augen gerichtet. Er kündet an, wie der Sommer wird. Lukas Meier baut den lieblichen Schneemann nach alter Tradition.
14. April 2018, 07:36

Eveline Rutz

Lukas Meier klebt Kartonelemen­te zusammen. Er befestigt auf einem Kreis zwei Stützen, spannt rote Stoffbänder dazwischen und bildet so das Gerüst des Kopfes. «Der Böögg soll immer gleich aussehen», sagt der 46-Jährige. Damit die Proportionen stimmen, muss er äusserst präzise arbeiten. Mit dem Kopf ist er ­einen Tag lang beschäftigt.

Aus Jute und Holzwolle formt er um den Kern herum eine ­Kugel. Er bekleistert diese mit weissen Papierbahnen und umzieht sie mit einem Wattevlies. Zuletzt platziert er Augen, Nase und Mund, setzt den Hut auf und montiert die Pfeife.

Wenig Freiheiten

Die Tradition macht dem Böög­genbauer dabei klare Vor­gaben. Würde er davon abweichen, wäre ihm der Protest vieler Zünfter und Zuschauer gewiss. Einzig beim Accessoire, welches der weisse Schneemann jeweils zu Ehren des Gastkantons trägt, hat er einen gewissen Spielraum.

2016, als die Luzerner Zunft zu Safran eingeladen war, gab er dem Böögg eine Orange in die Hand. Damit nahm er auf das Orangenauswerfen an der Luzerner Fasnacht Bezug. Letztes Jahr band er ihm statt der Fliege ein rot-weisses Glarner Tüechli um. Was er nun für diesen Montag, 16. April, anlässlich der Besucher aus Basel-Stadt plant, lässt er sich nicht entlocken.

Lukas Meier ist gelernter Dekorationsgestalter, inzwischen hat er eine Agentur für drei­dimensionale Kommunikation und arbeitet überwiegend am Schreibtisch. Seit er für das Aushängeschild des Sechseläutens verantwortlich ist, steht er wieder häufiger an der Werkbank. Er schätzt es, vermehrt mit den Händen tätig zu sein. Für das prestigeträchtige Amt ist er vor elf Jahren vom Zentralkomitee der Zünfte Zürich (ZZZ) angefragt worden. Mit wie viel Aufmerksamkeit dieses verbunden ist, war ihm erst gar nicht bewusst. Nicht nur Medienvertreter, sondern auch Kindergärtler, Schüler und Zünfter schauen ihm gerne über die Schulter. ­Besonders interessiert und stolz sind seine drei Töchter; sie würden am liebsten von Anfang bis Ende anpacken.

2016 hat Meier seinen ersten ­Böögg gebaut. Davor war er sieben Jahre lang bei seinem Vorgänger in der «Lehre». Von Heinz Wahrenberger, der die 3,4 Meter hohe und 100 Kilogramm schwere Figur 50 Mal anfertigte, lernte er manchen Kniff. Nun empfängt er seinen Lehrmeister hin und wieder in seiner Werkstatt in Zürich-Oerlikon.

Die Figur ist bei allen beliebt

Lukas Meier ist dem Sechseläuten seit Kindertagen verbunden. Mit vier Jahren lief er das erste Mal am Kinderumzug mit. Wie schon sein Vater ist er Mitglied der Zunft Schwamendingen, der zweitjüngsten Vereinigung. «Das Sechseläuten ist das Schönste am Frühling», sagt er. Es biete Gelegenheit, die Tradition hochzu­halten und Freundschaften zu pflegen. Es sei kein Volksfest für jedermann, räumt Meier ein. Wer sich in einer Zunft engagiere, habe eine bürgerliche Gesinnung. Der Zugang sei nicht bei ­allen Vereinigungen einfach. ­Daher komme wohl das Image einer elitären Veranstaltung. Der Böögg schaffe da eine Verbindung zu den Nicht-Zünftern. Er sei bei ­allen gleichermassen beliebt.

Meier beginnt jeweils Ende Februar mit dem Bau des Bööggs, etwa sieben Tage setzt er dafür ein. Die Arbeit verlangt ihm viel Geduld ab: Damit Leim und Kleister trocknen können, muss er immer wieder Pausen einlegen. Erst ganz am Schluss setzt er die Böller ein. Mit Bändern versenkt er sie im mächtigen Körper, befestigt sie an Hals und Füssen. 140 Stück sind es insgesamt.

Er erlebe das Sechseläuten anders als früher, sagt Lukas Meier. «Nicht mehr so entspannt.» Bei seiner Premiere vor zwei Jahren war ihm das Glück nicht hold. Weil es wie aus ­Kübeln regnete, dauerte es 43 Minuten und 34 Sekunden, bis der Kopf des Bööggs explodierte. Der «Blick» lastete den negativen ­Rekord prompt dem Novizen an und ­titelte: «Er hat’s verbööggt.»

Meier nimmt dies gelassen. Das Holz sei so durchnässt gewesen, dass es kaum gebrannt habe, sagt er. Die düstere Prognose habe sich jedenfalls bewahrheitet. Am Böögg habe er nichts ­geändert: «Ich baue ihn immer noch genau gleich.» Dies hat sich letztes Jahr ausgezahlt: Der Frühling zeigte sich von seiner besten Seite, der Holzstoss entzündete sich rasch, nach 9 Minuten und 56 Sekunden verlor der Böögg seinen Kopf – und versprach ­einen prächtigen Sommer.


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