Portugal hat einen neuen Helden

MUSIK ⋅ Der Sieger des Eurovision Song Contest wird von seiner Nation gefeiert. Dabei flüchtet der schüchtern wirkende Salvador Sobral vor jedem Rummel.
15. Mai 2017, 04:38

Ralph Schulze, Madrid

Er wurde über Nacht Portugals neuer Held. Schlicht, fast schüchtern hauchte Salvador Sobral seine melancholische Jazz-Ballade «Amar Pelos Dois» (Liebe für zwei) beim Eurovision-Finale in Kiew hin. Er liess damit alle anderen Teilnehmer des Eurovision Song Contest (ESC) weit hinter sich. Und er schrieb Geschichte: Portugal, das Euro-Krisenland und EU-Armenhaus, gewann zum ersten Mal den ESC.

«Musik ist kein Feuerwerk», sagte der 27-Jährige bei der Übergabe der Siegestrophäe, eines gläsernen Mikrofons. «Musik ist Gefühl.» In seinem langsamen, auf Portugiesisch und vor romantischer Waldkulisse gesungenen Lied steckte so viel Gefühl, dass er ganz Portugal zum Weinen brachte. Spätestens als er nach dem Triumph seine gesungene Liebeserklärung zusammen mit der Komponistin, seiner Schwester Luísa, erneut interpretierte, schluchzte die ganze internationale TV-Zuschauerwelt mit.

«Wenn jemand eines Tages nach mir fragt, sag, dass ich lebte, um dich zu lieben», heisst es wehmütig in dem Song. Ganz so, als ob sich Salvador Sobral schon wieder aus dieser Welt verabschieden wollte. Ein Anklang an seinen labilen Gesundheitszustand? Ernste gesundheitliche Probleme waren es offenbar, die Portugals zerbrechlich wirkenden Bühnenstar daran hinderten, an mehreren ESC-Proben in Kiew teilzunehmen. Seine zwei Jahre ältere Schwester musste ihn vertreten.

Es heisst, er leide an einer Herzschwäche

Portugiesische Medien berichten, dass Salvador Sobral an einer Herzschwäche leidet. Deswegen hätten ihm die Ärzte dazu geraten, sich zu schonen, Aufregung zu vermeiden und nur für den eigentlichen Auftritt nach Kiew zu reisen. Angeblich wartet Sobral auch auf eine Herztransplantation. Berichte, die von ihm nicht bestätigt, aber auch nicht dementiert wurden. Vielleicht erklärt die persönliche Grenzsituation, warum er vor jeglichem Rummel flüchtet. Fernsehauftritte seien ihm ein Graus, sagte er. Eine Talentshow in Portugal, zu der ihn im Jahr 2009 ungefragt eine Freundin anmeldete und in der er auf den siebten Platz kam, beschrieb er als Albtraum. Auch zum ESC kam er nur, weil ihn seine Schwester dazu überredete.

Die Geschwister kommen aus einer musikalischen Familie mit Adelswurzeln in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. «Immer wenn wir mit dem Auto in den Urlaub an die Algarve gefahren sind, haben wir gesungen», erinnert sich Salvador Sobral. Trotzdem startete er nach der Schule zunächst ein Psychologiestudium, das er aber bald hinschmiss. Stattdessen begann er eine musikalische Jazz-Ausbildung in Barcelona.

«Europa liegt Salvador zu Füssen», titelte Portugals grosse Tageszeitung «Público» nach dem Sieg. Ein Triumph für die ganze Nation, deren Selbstbewusstsein in der Vergangenheit gelitten hatte: 2011 musste das Land mit einer Milliardenspritze vor der Staatspleite gerettet werden. Das Land gilt zusammen mit Griechenland als das Armenhaus der alten EU. Im kommenden Jahr wird nun zum ersten Mal Portugal den grossen ESC-Gesangswettbewerb ausrichten. Das Land dürfte dann die Gelegenheit nutzen, seine berühmte und schwermütige Fado-Musik vorzustellen, die inzwischen zum Unesco-Weltkulturerbe gehört.

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