Pranken, gross wie Pizzateller

EISBÄREN ⋅ Wir frieren nicht gern im Winter. Die Riesen des Polarmeers dagegen brauchen einen eiskalten Lebensraum. Dass es dort immer wärmer wird, merkt jetzt auch Hans de Beers «Kleiner Eisbär».
03. Dezember 2017, 04:38

Bettina Kugler

Versuch mal, die Kerzen auf der Geburtstagstorte zu zählen. Genau, es sind dreissig. Gratulation, kleiner Eisbär! Die wenigsten von uns sehen in diesem Alter ebenso knuffig aus, mit Stupsnase und Babyspeck. Und kaum einer bekommt von Papi persönlich noch eine Torte, mit so vielen Kerzen drauf zum Auspusten. Bei Lars ist das anders. Seit dreissig Jahren ist er der «Kleine Eisbär». Neugierig, ein bisschen ängstlich – das schon. Aber abenteuerlustig genug, um immer wieder einmal der heimischen Eisscholle abhanden zu kommen, auf Reisen zu gehen und irgendwann glücklich zurückzukehren. Mit neuen Freunden, selbstverständlich.

Eisbärs Leibspeise: Nicht Torte, sondern Ringelrobben

Daraus lassen sich jahrzehntelang schöne Bilderbuchgeschichten machen, wie die des Holländers Hans de Beer. Aber wie leben richtige Eisbären? Was fressen sie (ausser Geburtstagstorte ...), wie jagen sie ihre Beute? Wie schützen sie sich vor der Kälte, die sie zum Überleben dringend brauchen? Die Antworten darauf haben wir in einem anderen gerade erschienenen Bilderbuch gefunden: Jenni Desmonds «Der Eisbär» (ab 6, Aladin, Fr. 26.–). Die Eisbären darin sind ebenfalls gezeichnet – aber mehr naturgetreu, denn es geht um die Wirklichkeit einer vom Aussterben bedrohten Tierart.

Der Klimawandel macht Eisbären zu schaffen. Bei der Suche nach Nahrung sind sie auf Packeis angewiesen. Wo es Kanäle, Risse und Eisschollen gibt, sind Ringelrobben, Bartrobben und Sattelrobben leichter zu erbeuten. Und Robben sind Eisbärs Leibspeise! Im Sommer ziehen sie ins offene Meer. Dann müssen Eisbären bis zu drei Monate lang fasten. Bis sich wieder Packeis bildet. Wenn es weltweit von Jahr zu Jahr wärmer wird, beginnt das Eis im Sommer eher zu schmelzen und gefriert im Herbst später. Es gibt also weniger zu fressen, die Fettreserven der Eisbären schrumpfen. Da nützen ihnen auch ihre multifunktionalen riesigen Pranken nichts. Gross wie Pizzateller können sie ­werden, schreibt Jenni Desmonds, bis zu 33 Zentimeter lang. Sie eignen sich zum Graben und Schwimmen und sind wie Schneeschuhe auf Eis und in Tiefschnee. Praktisch!

Überhaupt sind Eisbären perfekt für die Lebensbedingungen in der Arktis ausgerüstet. Mit ihrer guten Spürnase können sie Robben über mehrere Kilometer hinweg wittern. Gegen Kälte schützt sie das dicke Fell mit Haaren, die innen hohl sind. So können sie Wärme speichern. Die Haut darunter ist schwarz und heizt sich im Sonnenlicht auf. Darunter ist eine dicke Fettschicht. Und weil das arktische Licht gleissend hell ist, haben Eisbärenaugen eine zusätzliche Membran. Sie wirkt wie eine eingebaute Sonnenbrille (die nicht verloren geht ...). So können Eisbären auch unter Wasser die Augen offen halten. Vielleicht entdecken sie dabei ja mal den kleinen Lars mit seiner Torte.

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