Roboter lädt zur Bewerbung

DIGITALISIERUNG ⋅ Künstliche Intelligenz wird in der Personalauswahl immer wichtiger. Bewerbungsgespräche mit Chatbots sind Realität. Entscheiden Algorithmen, wer eine Stelle erhält und wer nicht?
04. Dezember 2017, 04:38

Adrian Lemmenmeier

«Es zählt zu den modernen Fimmeln, Computer töricht anzuhimmeln», schrieb der deutsche Dichter Karl-Heinz Söhler 1993. Als Kritik an naivem Technikglauben formuliert, könnte das Anhimmeln des Rechners bald Realität werden. Denn Computer werden immer mehr in Entscheidungen einbezogen, die wichtige Auswirkungen auf unser Leben haben. Zum Beispiel, ob wir eine Arbeitsstelle erhalten oder nicht.

Bislang funktionierte das so: Gehen auf eine Stelle viele Bewerbungen ein, werden diese von einem Computerprogramm nach bestimmten Kriterien untersucht. Etwa, ob gewisse Stichworte, die in der Ausschreibung vorhanden sind, auch in der Bewerbung oder im Lebenslauf auftauchen. Verschiedene Medien veröffentlichten deshalb Tipps, wie man den «Bewerbungsroboter» am besten umgehe: Kreative Spielereien vermeiden, auf Abkürzungen verzichten.

Doch die Technik ist längst ­einen Schritt weiter. Immer mehr wird bei der Personalsuche künstliche Intelligenz eingesetzt, sprich selbstlernende Algorithmen, die Texte und Gespräche als Ganzes analysieren. «Unser Programm kann Rückschlüsse auf die Stimmung und Haltung des Schreibenden ziehen», sagt Andreas Ponte. Er ist Berater bei der Belsoft Collaboration AG, die in Zürich, Pfäffikon und in Widnau tätig ist. «Wenn eine Firma etwa einen Verkäufer sucht, kann die Software aufgrund der Textanalyse erkennen, ob die Person, die sich bewirbt, wie ein Verkäufer argumentiert», sagt Ponte. Die Belsoft hat «Watson», den Supercomputer der Firma IBM, auf die Analyse von Bewerbungsschreiben abgerichtet. Das Programm «Watson» hat 2011 in der US-Quizshow «Jeopardy» zwei vorherige Gewinner besiegt. Die Firma Belsoft hat für ihren «HR Assistant» bereits Kunden in den USA. «Wir sind zuversichtlich, dass unsere Software auch für Firmen in der Schweiz interessant ist.»

«Chatbots ersetzen und beschleunigen Teile des Rekrutierungsprozesses», sagt Ursula Knorr, Forscherin an der Universität St. Gallen. «Der sprachbasierte Rekrutierungsroboter Mya etwa kann bereits 75 Prozent des Bewerbungsprozesses automatisieren», sagt Knorr. Mya, «My Assistant», stellt Bewerbern Standardfragen über das Smartphone: Wie viele Jahre Erfahrung haben Sie? Passen die Bewerber, sendet Mya gleich eine Einladung für ein Bewerbungsgespräch - mit einer Person aus Fleisch und Blut. Zur Einladung schickt der Bot einen Google-Maps-Standort und Tipps, was man zum Gespräch anziehen soll.

Computer haben keine Vorurteile

Führt die Automatisierung des Bewerbungsprozesses dazu, dass Maschinen über unser Schicksal entscheiden? «Das trifft nicht zu», sagt Ursula Knorr. Sämtliche Literatur, die sie zu diesem Thema kenne, weise darauf hin, dass letztlich immer Menschen entschieden. Nichtsdestotrotz spielen Computer in der Vorselektion eine immer wichtigere Rolle. So durchforstet zum Beispiel das Programm Vcv in zwei Minuten bis zu 250 Lebensläufe – eine Arbeit, für die ein Mensch gut acht Stunden benötigt.

Andreas Ponte sieht darin Vorteile. «Mit einer intelligenten Software kann sichergestellt werden, dass alle Bewerbungen berücksichtigt werden.» Und zwar nach objektiven Kriterien: «Ein Computerprogramm hat im Gegensatz zum Menschen keine Vorurteile.» Bewerbungsroboter würden auch nicht Stellen im Personalmanagement gefährden, sondern den Leuten dort die Arbeit erleichtern. In dieselbe Kerbe schlägt Ursula Knorr: «Chatbots sind nicht dafür designt, Menschen zu ersetzen.» Ausserdem könnten die Roboter auch für die Kandidaten von Vorteil sein. «Bei der Frage nach Englischkenntnissen kann der Bot die Konversation gleich auf Englisch weiterführen. So muss der Kandidat nicht zuerst mühsam einen Fragebogen ausfüllen.» Auch Lina Bitzer, Geschäftsführerin des Kompetenzzentrums für Bewerbungsprozesse New Placement Academy, sieht Vorteile in der computergestützten Beurteilung von Bewerbungen. «Allerdings besteht immer auch die Gefahr, dass Qualitäten, für die keine Diplome existieren, von Maschinen nicht erkannt werden.» Für Bewerber sei es deshalb wichtig, dass sie ihre Kompetenzen gut ausdeutschten.

Computerprogramme verändern nicht nur den Umgang mit Bewerbungen und Kandidaten, sondern die Personalsuche an sich. Es gibt Algorithmen, die über 50 soziale Netzwerke nach Talenten absuchen. So finden Personalvermittler mögliche Angestellte, ohne dass diese aktiv nach einer neuen Stelle suchen. Insofern könnte ein fein geschliffenes Facebook-Profil bald hilfreicher sein als ein wohl formuliertes Motivationsschreiben –wenn man von einem Roboter zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden will.

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