31-Jährige stirbt wegen Überarbeitung

JAPAN ⋅ In der fernöstlichen Arbeitswelt überarbeiten sich Angestellte zuweilen bis zum Tod. Trotzdem sind Überstunden noch immer die Norm, wie ein aktueller Fall zeigt.
07. Oktober 2017, 09:50

Angela Köhler, Tokio

 

Ausgerechnet die Moralapostel stehen nun am Pranger. Japans öffentlich-rechtlicher Rundfunk NHK gab gestern zu, dass sich eine seiner politischen Reporterinnen während der Wahlkampagne 2013 zu Tode gearbeitet hat. Die 31-Jährige musste auf Anweisung ihrer Chefs in einem einzigen Monat 131 Überstunden machen, hatte in dieser Zeit nur zwei Tage frei. Im Juli 2013 war sie tot im Bett aufgefunden worden.

Vier Jahre lang hat NHK den Zusammenhang verschwiegen, später geleugnet. Ein Tokioter Gericht stellte nun fest, die junge Frau ist an Überarbeitung ge­storben. «Karoshi» – Tod durch Überarbeitung ist in der Landessprache das Angstwort, das dieses soziale Problem umschreibt. NHK muss jetzt seine Arbeitskultur ändern. Dabei hatte der Radio- und TV-Sender immer wieder mit Empörung und Abscheu «Karoshi» angeprangert – aber stets bei anderen japanischen Unternehmen.

Beispielsweise bei der weltgrössten Werbefirma Dentsu. Deren Chef Toshihiro Yamamot steht derzeit in Tokio unter grosser Anteilnahme der Öffentlichkeit vor Gericht. Er bekannte sich schuldig, «illegale Arbeitspraktiken» angewendet zu haben, die zum Selbstmord seiner Angestellten Matsuri Takahashi geführt haben. Die junge Frau muss in der Tat schrecklich gelitten haben, fühlte Stress und Erschöpfung total. «Mein Herz und mein Körper sind völlig ausgeblutet», flehte Matsuri Takahashi in sozialen Netzwerken. Im Monat vor ihrem Tod waren es 105 Überstunden, die der 24-jährigen Frau abverlangt wurden, davor auch schon 70 im Schnitt.

Sie sprang vom Firmendach in den Tod

Im April 2015 erst war die Absolventin der renommierten Tokio-Universität bei Dentsu probeweise angestellt worden. Im Oktober bekam sie eine feste Stelle in der Abteilung Internetwerbung. Die Freude über den Aufstieg in der ebenso berühmten wie berüchtigten Dentsu-«Mühle» währte jedoch nur kurz. In ihrem Twitter-Tagebuch ist der Frust nachzulesen, der schnell in schwere Depressionen umschlug. Immer stärker artikulierte die junge Frau Selbstmordabsichten. Die physische Belastung und den Druck der Vorgesetzten hielt die junge Frau nicht mehr aus. Am 25. Dezember sprang sie vom Dach des Firmenwohnheims. Nach dem Freitod klagten die Eltern auf arbeitsbedingten Suizid.

Frau Takahashi wurde inzwischen von der staatlichen Aufsichtsbehörde für die Einhaltung des Arbeitsrechts als «Karoshi»-Opfer «anerkannt». Damit haben die Hinterbliebenen prinzipiell das Recht auf eine Entschädigung. Viel mehr als eine gesellschaftliche Verurteilung hat der Werbe-Boss aber nicht zu befürchten. Die Staatsanwaltschaft forderte von Dentsu ein Strafgeld von rund 3800 Euro. Bedeutender ist, dass dieser Musterprozess der empörten Öffentlichkeit noch einmal vor Augen führt, wie aktuell das Thema im Land der «Arbeitsbienen» ist .

Das japanische Arbeitsministerium befragte mehr als 1700 Firmen, und das Ergebnis schockierte selbst Insider. Fast jede vierte Firma fordert von Mitarbeitern mehr als 80 Überstunden im Monat, bei 12 Prozent der Unternehmen sind sogar über 100 die Norm. Nach dem Arbeitsrecht aber dürften bei der geltenden 5-Tage-Woche nicht mehr als 45 zusätzliche Stunden im Monat verlangt werden. Ohnehin arbeitete ein Durchschnittsjapaner 2014 1729 Stunden im Jahr, das sind 300 mehr als in Deutschland oder Frankreich.

Schlaganfall, Herzinfarkt und Depressionen

In vielen Betrieben, Büros und auf Baustellen wird wie selbstverständlich auch an Wochenenden und Feiertagen gearbeitet. Es zeigt aber auch, wie schwierig der Umgang mit Fällen der mentalen und körperlichen Überarbeitung in der Praxis ist. Das amtliche Kriterium für anerkannte Überarbeitung liegt bei über 100 Überstunden im Monat unmittelbar vor dem Tod oder durchschnittlich 80 in den sechs Monaten vor dem Ableben. In der Regel sterben die Opfer an Schlaganfall, Herzinfarkt oder erleiden Depressionen, die zum Selbstmord führen.

Das Phänomen «Karsohi» gibt es schon sehr lange. Es kam in den 1980er-Jahren auf, als Japans Wirtschaft zu einem spektakulären Wirtschaftsboom ansetzte und sich die Menschen wie verrückt dafür schindeten.


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