Schlaumeier mit Federschmuck

TIERE ⋅ Nicht nur Menschen und Menschenaffen planen vorausschauend und verstehen sich auf Tauschhandel. Auch die grössten Singvögel – Kolkraben – haben offenbar eine erstaunliche Intelligenz entwickelt.
16. Juli 2017, 08:51

Roland Knauer

Der Kolkrabe scheint nicht lange zu überlegen. Der Vogel im schwarzen Gefieder holt sich den billigen Schraubverschluss einer Pfandflasche. Er ignoriert das Holzstäbchen, den Strohhalm und das Stück Baumrinde, die ihm Can Kabadayi und Mathias Osvath von der Universität Lund im Süden Schwedens gleichzeitig anbieten. Am kommenden Tag tauscht der Kolkrabe die Plastikkappe dann gegen ein leckeres Stück Hundefutter ein, berichten die Forscher in der Zeitschrift «Science» (Band 357, Seite 202).

Zuvor hatte das Tier in ei­nigen Experimenten nämlich ­gelernt, dass ihm für den Schraubverschluss eine leckere Belohnung winkt. Der Vogel war daher planvoll vorgegangen, um das Guetzli auch wirklich zu erhalten.

Dieses Verhalten klingt für uns Menschen zwar völlig folgerichtig. Für Tiere aber waren solche geplanten Tauschgeschäfte bisher nur bei unserer nächsten Verwandtschaft, den Menschenaffen, bekannt. «Dieses Experiment ist daher ein wichtiger Schritt, die Evolution der Intelligenz zu verstehen», erklärt der Verhaltensforscher Markus Böckle von der Universität im englischen Cambridge.

Für viele Menschen gehört eine solche vorausschauende Planung zum Alltag. Sie ist beim Einkauf für das Wochenende genauso wichtig wie beim Packen für die Ferien. Auch unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen, können sich bei Experimenten mit Verhaltensforschern offensichtlich vorstellen, dass sie ein heute eigentlich wertloses Ding wie den Schraubverschluss einer Flasche morgen gegen einen Leckerbissen eintauschen können.

Nur gehen Schimpansen und Menschen erst seit einigen Millionen Jahren eigene Wege, Vögel dagegen bereits seit 300 Millionen Jahren. Sollten Raben ebenfalls für die Zukunft planen können, liegt die Vermutung nahe, dass sich intelligentes Verhalten in beiden Gruppen unabhängig voneinander entwickelt hat. Daher schauen sich Markus Böckle in Cambridge und Mathias Osvath in Lund das Verhalten von Rabenvögeln genauer an, die schon lange den Ruf haben, besonders clever zu sein.

Autos werden als Nussknacker genutzt

So werfen Nebelkrähen in Mitteleuropa gern Nüsse auf Strassen. Rollt ein Auto darüber, übersteht die Schale das kaum, die Krähe kann sich hinter dem Auto eine fette Nuss auflesen.

Noch weiter gehen die Krähen auf der grossen Insel Neu­kaledonien, die nördlich von Neuseeland und östlich von Australien in der Südsee liegt. «Die Neukaledonien-Krähen stochern mit kleinen Ästchen nach Larven, die im Holz leben, und stellen sich solche Werkzeuge sogar gezielt her», erklärt Markus Böckle. Bis September 2017 untersucht der Forscher von der Universität in Cambridge dieses intelligente Verhalten der Südsee-Krähen.

In Europa ähneln die Kolkraben – die grössten Singvögel – mit ihrem metallic-schwarzen Gefieder der entfernten Verwandtschaft auf Neukaledonien zwar verblüffend, beim Benutzen von Werkzeugen konnten die Forscher sie in der Natur bisher ­jedoch nicht beobachten.

Ganz anders sieht die Situation aus, wenn Can Kabadayi und Mathias Osvath diese Vögel an der Universität Lund vor eine knifflige Aufgabe stellen: Ein kleiner Apparat gibt einen Leckerbissen in Form von Hundefutter nur dann heraus, wenn ein Stein von oben in eine Öffnung geworfen wird. Die Kolkraben meistern diese Aufgabe mit Bravour. Danach dürfen die Tiere beobachten, dass der Apparat sich mit verschiedenen anderen Gegenständen nicht öffnen lässt.

Eine «Steinmünze» für einen Leckerbissen

Am nächsten Tag sitzen die Kolkraben ohne Stein vor dem Apparat und kommen an ihren Leckerbissen nicht heran. Anschliessend entfernen die Forscher das Gerät, lassen die Vögel eine Stunde warten und bieten den frustriert wirkenden Tieren an einem anderen Ort vier verschiedene Gegenstände an. Auch wenn der Apparat mit dem Leckerbissen gar nicht da ist, nehmen die Kolkraben zielstrebig den Stein, der genau in die Öffnung passt. Eine Viertelstunde später kommt dann das Gerät, und die Vögel können mit Hilfe des Steins endlich ihre ersehnte Beute fressen.

Im nächsten Teil des Experiments lernen die Kolkraben, dass sie für einen Flaschenverschluss ein Stück Hundefutter eintauschen können, welches sie als ganz besondere Delikatesse schätzen.

In der Abschlussprüfung müssen sich die Tiere dann zwischen einem eigentlich begehrten Futter, das sie sofort schlucken können, und einem Stein oder einem Flaschendeckel entscheiden, mit dem sie sich später das noch begehrtere Hundefutter selbst aus dem Apparat holen oder es eintauschen können.

Die meisten Tiere lassen das direkt verfügbare Futter ­liegen und schnappen sich den nicht fressbaren Gegenstand, der ihnen später einen noch besseren Leckerbissen beschert. Einen überzeugenderen Beweis für ihre vorausplanende Intelligenz hätten die Kolkraben kaum liefern können.


Leserkommentare

Anzeige: