«Sie hatten keine Chance»

GESCHICHTE ⋅ Der an der Uni Luzern tätige Geschichtsprofessor Aram Mattioli hat ein packendes Buch über die Indianer Nordamerikas geschrieben. Er erzählt, weshalb sie gegen die weissen Einwanderer auf verlorenem Posten standen.
16. Juli 2017, 08:39

Pirmin Bossart

Donald Trump hat in seinem Oval Office im Weissen Haus ein Porträt des amerikanischen Präsidenten Andrew Jackson (1767–1865) aufgehängt. Jackson, Gründer der Demokratischen Partei und ein Populist, war auch ein Rassist und damit eine prägende Figur in der Entwicklung, die zur sukzessiven Dezimierung der «First Peoples» in Amerika führen sollte. «Dabei schreckte er nicht vor falschen Versprechungen, Bestechung, erschlichenen Vertragsabschlüssen und Machtmissbrauch zurück», schreibt der Historiker Aram Mattioli in seinem Buch «Verlorene Welten».

Wie viele damalige Amerikaner betrachtete Jackson die Indianer als minderwertig und «als von Natur aus unfähig, sich auf die Stufe der Zivilisation zu erheben». Mit dem Versprechen, für eine endgültige Enteignung der Indianer zu sorgen, machte er Wahlkampf. 1830 ini­tiierte er mit dem «Indian Removal Act» eine Landabtretungs- und Umsiedlungspolitik, die laut Mattioli eine Politik der Separation und Konzentration einleitete, «die in den USA für Jahrzehnte bestimmend blieb». Jackson foutierte sich auch um das Urteil des Obersten Gerichtshofes, wonach die Cherokee ihr Territorium gemäss den Verträgen selbst verwalten könnten. Stattdessen wurden die Cherokee umgesiedelt und auf ihrem «Pfad der Tränen» brutal dezimiert.

Es ist nicht so, dass man nicht gewusst hätte, wie unbarmherzig und oft auch perfide die indianischen Nationen Nordamerikas im Zuge der Eroberung und Kolonialisierung des Kontinents unter die Räder kamen. Aber so klar und differenziert wie in Aram Mattiolis Buch sind einem die Sachverhalte noch nie vor Augen geführt worden.

In Amerika wird die Geschichte verdrängt

Bei allen Verdiensten, die sich die stolze Weltmacht seit Jahrzehnten auf die Brust geschrieben hat: Die ganzen «zivilisatorischen» Vorgänge hatten eine brutale Kehrseite, die von der amerikanischen Geschichtsschreibung bis in die jüngste Zeit extrem verdrängt wurde. Westernheld John Wayne liess sich noch 1971 ­zitieren, dass der «sogenannte Landdiebstahl» an den Indianern nur eine Form des Überlebens gewesen sei. «I don’t see, why we owe them anything.» («Ich sehe nicht, warum wir ihnen etwas schuldig sein sollten.»)

Mattioli wirft mit seinem fundierten und mit aktuellen Forschungsergebnissen angereicherten Werk ein neues Licht auf die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Vorgänge, die sich zwischen 1700 und 1900 auf dem nordamerikanischen Kontinent abgespielt haben. Er erzählt diese Geschichte so weit als möglich aus Sicht der First Peoples oder Native Americans, wie die Indianer heute bezeichnet werden. Diese Optik ist bei Historikern oft auf der Strecke geblieben. Zumindest im deutschsprachigen Raum hat es bis jetzt kein vergleichbares Werk über die Indianer mit dieser Perspektive gegeben.

Trotzdem ergreift der Wissenschaftler nicht einfach Partei für die Unterdrückten und Gedemütigten. In seinen Urteilen ist er zurückhaltend, auch wenn sein Herz leise mitschwingt. Weder polemisiert er, noch schreibt er mit der unterschwelligen Entrüstung jener, die sich auf der moralisch richtigen Seite fühlen und mit umgekehrten Vorzeichen Verklärung betreiben. Stattdessen beleuchtet er die in der Geschichtsschreibung bisher stark vernachlässigte Seite, tischt Fakten auf und erzählt die historischen Ereignisse in einem ruhig-sachlichen Ton. Das macht die ganze Sache am Ende ungleich beklemmender.

Das Dunkle mitdenken

Der kolonial geprägte Siegeszug der (weissen) Moderne ging nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Australien oder Lateinamerika mit Unterdrückung und brutaler Gewalt gegen die ­indigenen Völker einher. Die Durchsetzung der modernen Gesellschaft habe mit den Ideen der Aufklärung und Errungenschaften wie Demokratie und Menschenrechte durchaus ihre positiven ­Seiten gehabt, sagt Mattioli. «Aber mich haben immer die Schattenseiten solcher Vorgänge interessiert. Diese dunklen ­Aspekte wollte ich herausarbeiten und verstärkt zur Darstellung bringen.»

Diesen Ansatz hatte er schon in seinen Büchern über den italienischen ­Faschismus und den Abessinienkrieg (1935–1941) verfolgt: ebenfalls ein vernachlässigtes Thema, das mit Kolonialisierung und Massengewalt zu tun hatte. Mit «Verlorene Welten» rückt er nun die kulturelle und existenzielle Leidensgeschichte der First Peoples in Amerika in den Fokus. «Die USA sind der Inbegriff einer modernen Weltmacht und einer wirtschaftlich erfolgreichen Nation. Aber das muss man immer mit der dunklen Kehrseite zusammendenken.» Sein Buch ist das passende Fundament dazu.

Als die Europäer 1492 durch Kolumbus erstmals von diesem fremden Territorium erfuhren, war dieses schon seit Jahrtausenden von indianischen Gemeinschaften bewohnt. Von den mindestens 5, vielleicht sogar 10 Millionen Native Americans, die zu Kolumbus’ Zeiten in Nordamerika lebten, blieben um 1900 gerade noch 237000 übrig. Dabei fielen ein paar Millionen allein den von Europäern eingeschleppten Krankheiten und Epidemien zum Opfer. Mit dem ­Vorrücken der weissen Siedler ab 1700 und dem auch christlich unterfütterten «Zivilisierungswerk» der europäischen Mächte und der jungen amerikanischen Nation kamen neue Schubkräfte dazu, die sich für die First Peoples zerstörerisch auswirkten.

Zu Spottpreisen Land abgeluchst

Mattioli beginnt sein Buch mit der Schilderung der imperialen Rivalitäten im 18. Jahrhundert, die sich auch in Amerika auswirkten. Er nimmt uns mit zu den ersten Siedlerbewegungen, die gegen Westen vorstiessen, und erklärt die Expansionspolitik von Präsident Thomas Jefferson (1743–1826), als den Indianern zu Spottpreisen Land abgeluchst und an Siedler und Bodenspekulanten verkauft wurde. In Jeffersons Zeit fällt auch der Kauf des riesigen Gebietes von Französisch-Louisiana: Napoleon musste seine Kriegskasse füllen und veräusserte die 2,1 Millionen Quadratkilometer für 15 Millionen Dollar (entspricht heute rund 230 Millionen Dollar). Darauf verdoppelte sich das Territorium der USA auf einen Schlag über den Mittleren Westen bis zu den Rocky Mountains.

Auf ihrer anschliessenden Expedition drangen Lewis & Clark im Auftrag des Präsidenten 6600 Kilometer bis an den Pazifik vor. Sie erkundeten und vermassen die noch weitestgehend unbekannten Gebiete und machten den verschiedenen Indianer-Gemeinschaften unterwegs klar, dass jetzt die USA ihre neuen Herren wären. Ein düsteres Kapitel beleuchtet die Gewaltwelle gegen die American Natives in der Goldrausch-Ära in Kalifornien, in der auch der Schweizer Johann August Sutter eine unrühmliche Rolle spielte. Innerhalb von 90 Jahren reduzierte sich die indianische Bevölkerung Kaliforniens um 90 Prozent.

Für Mattioli sind der Homestead Act (1862) sowie der Bau der transkontinentalen Eisenbahn von Omaha nach Sacramento (1869) zwei entscheidende Er­eignisse, die den Zerfall der indianischen Kulturen beschleunigten. Mit dem Home­stead Act konnte im grossen Stil enteignetes Indianerland an Siedler verschenkt werden, das nach fünf Jahren Bebauung in deren Eigentum überging. Und mit der Eisenbahn waren es nun Millionen von Siedlern, die in den Westen vorrückten. Sie eigneten sich Land an, dezimierten die Bisons und entzogen dadurch den Indianern in den Great Plains die Lebensgrundlage.

«Freiheit und Gleichheit» – aber nicht für Indianer

Die Prinzipien von Freiheit und Gleichheit, wie sie die amerikanische Verfassung stolz proklamierte, haben für die American Natives nie gegolten. Indianer wie Schwarze galten als minderwertig. Also hatte man keine Skrupel, das Land der First Peoples zu enteignen. Die eigene «Überlegenheit», die auch mit dem christlichen Selbstverständnis imprägniert wurde (Indianer sind «Wilde» und «Heiden»), diente geradezu als Rechtfertigung für den Landraub.

Mattioli: «Man kann die Entstehung der USA auch begreifen als eine riesige Landumverteilungsmaschine. Die Privatisierung und Parzellierung von Land, das den Siedlern nicht gehörte, lässt sich von Anfang an verfolgen.» Heute verbleiben den Indianern, die einmal ohne Eigentumsgedanke die gewaltigen Räume bewohnt und genutzt hatten, gerade noch 2,3 Prozent der Landfläche Ame­rikas.

Nachdem man den Indianern – auch mit falschen Versprechungen und Betrug – sukzessive das Land weggenommen hatte, wurden sie im ausgehenden 19. Jahrhundert zunehmend auch kulturell entwürdigt, frei nach dem Motto von Capt. Richard H. Pratt. «Kill the indian in them, and save the man» («Töte den Indianer in ihnen und rette den Menschen»).

Es galt, den Indianern die traditionelle Kultur auszutreiben und sie an die Mehrheitskultur anzupassen. Für sie war ein Leben am untersten Rand der Gesellschaft vorgesehen. Um 1900 waren Tausende von Natives in «Boarding Schools» untergebracht. Laut Mattioli waren ­diese Schulen «eigentliche Umerziehungs­anstalten», die teilweise bis in die 1970er-Jahre existierten und in den ersten Jahrzehnten vielen American Natives das Leben kosteten.

Bisons wurden geschützt, Indianer nicht

Die Zwangsassimilierung wurde unter Präsident Theodore Roosevelt Anfang des 20. Jahrhunderts gebilligt und fortgesetzt. Als Naturschützer und Grosswildjäger setzte sich Roosevelt gegen die gänzliche Ausrottung der Bisons ein. Für die indianischen Kulturen und Lebensweisen jedoch hatte er weniger Verständnis. Er verhinderte 1907 auch die Gründung eines indianischen Bundesstaates mit dem Namen Sequoyah.

Mattioli spricht im Zusammenhang mit den Versuchen, die indianischen Kulturen auszulöschen, von einem Ethnozid. «Ethnozid meint die vorsätzliche, von Staats wegen betriebene Zerstörung indigener Kulturen. Dieser Tatbestand kann wissenschaftlich dicht nachgewiesen werden.»

Anders verhält es sich mit dem Vorwurf eines Genozids. Hier ist Mattioli vorsichtiger. «Jedenfalls stellte die physische Ausrottung aller Native Americans zu keinem Zeitpunkt das Ziel der Bundesregierung in Washington dar», wird im Buch festgehalten. Als Grund für den Kollaps des indianischen Nordamerikas sieht Mattioli vielmehr ein Ursachengeflecht, «für das neben Kriegen und Massakern auch Epidemien, Hunger, Zwangsumsiedlungen, staatliche Vernachlässigung in den Reservaten und die Folgen forcierter Assimilation verantwortlich waren».

Die First Peoples selber reagierten unterschiedlich auf die Kolonialisierung der weissen Siedler und Invasoren. Einige «Nations» passten sich an, paktierten mit den Franzosen oder den Briten, ­andere setzten auf das Mittel Krieg und bekämpften die Siedler und die US-Truppen.

Die Irokesen gaben sich – bereits 1827 – sogar eine Verfassung. Doch keiner dieser Wege war für die Natives ­erfolgversprechend. Selbst diejenigen, die sich anpassten, zogen schliesslich den Kürzeren. «Die weissen Amerikaner konnten es nie zulassen, dass die indianischen Minderheiten selbstbestimmt ihre eigenen Geschicke in die Hand ­nahmen», sagt Mattioli.

Überlebt – trotz allem

Doch allen Unterjochungen zum Trotz: Die First Peoples haben überlebt. Inzwischen gibt es wieder 4 Millionen Menschen, die sich als Native Americans bezeichnen. «Das Spektrum, wie sie heute leben, ist sehr vielgestaltig. Es gibt Reservate, in denen prekärste Zustände herrschen, andere funktionieren sehr gut und haben auch Colleges integriert.» Seit den 1960er-Jahren hat sich die ­Si­tuation der «First Americans» in kleinen Schrittchen wieder verbessert. Erfolgreiche Widerstandsaktionen (wie die Besetzung von Alcatraz 1969) haben die indigene Bevölkerung selbstbewusster gemacht. Gleichzeitig haben sie ihre Traditionen wiederbeleben können, und es hat eine Sensibilisierung von Teilen der weissen Bevölkerung für das geschehene Unrecht stattgefunden.

Langsam bricht auch eine Erinnerungskultur in den USA auf, die sich mit den Schattenseiten der nationalen Geschichte beschäftigt. Memorials und ­Museen machen nach zähem Ringen auch die Perspektive der Indianer vermehrt zum Thema. Aber eine konsequente Entschuldigungs- und Wiedergutmachungspolitik wie in Kanada lässt in den USA weiter auf sich warten. Es ist anzunehmen, dass sich das unter Donald Trump, der das Bild des Indianer-Verächters Andrew Jackson in seinem Office aufgehängt hat, nicht so schnell ändern wird.

Hinweis

Aram Mattioli: Verlorene Welten. Eine ­Geschichte der Indianer Nordamerikas. Klett-Cotta, 464 S., Stuttgart 2017, Fr. 39.–


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