Die Drachen tanzen wieder

HERBSTWIND ⋅ Es ist Zeit, Drachen steigen zu lassen. Es gibt sogar solche, die keinen Wind zum Fliegen brauchen, und festhalten muss man sie auch nicht. Konstruiert von einem Schweizer, geliebt in den USA.
10. Oktober 2017, 08:20

Rahel Koerfgen

Jetzt tanzen sie wieder, wedeln mit ihren bunten Schwänzen. Hoch über den Stoppelfeldern, am Himmel. Wenn der Herbstwind bläst, steigen die Drachen auf. Das weckt Erinnerungen an ferne Kindheitstage. Wer erinnert sich nicht daran, wie er das erste Mal den Drachen an der Leine hielt und, je nach Wind, die Kraft der Natur spürte?

Jetzt tanzen sie wieder. Aber sie werden weniger. In Zeiten, in denen man in jedem grösseren Elektronikfachgeschäft eine Drohne für 100 Franken erstehen kann, mutet das filigrane Gestänge manchen Vater und seinem Kind altmodisch, beinahe primitiv an. Wer jedoch über die Grenze schielt, stellt fest: In Deutschland ist das «Kiting», wie es unter den Fans genannt wird, im Aufwind. Dasselbe Bild in den USA. Dort boomt zudem das Indoor-Kiting, das Drachenfliegen in der Turnhalle. In Nordamerika findet sich auch der grösste Drachenclub der Welt, die «American Kite­fliers Association».

In der Schweiz können die jährlichen Drachenfeste an einer Hand abgezählt werden. Etwa in Zürich das sogenannte «Eintagsfliegen»-Festival. Mitbegründet hat den Event Thomas Horvath, seines Zeichens Ultraleicht-Drachen-Bauer. «Vor zehn Jahren kamen noch deutlich mehr Leute an das Treffen. Schade eigentlich. Es hat etwas Kontemplatives, den Drachen in der Luft zu beobachten. Da wirst du wieder zum Kind.»

Vom Drachen-Lifestyle, von der Faszination des Zusammenspiels von Technik und Spiel gepackt wurde Horvath vor vielen Jahren in Sils Maria, wo der berüchtigte Malojawind bläst. Er begann, in seiner Freizeit teure Lenkdrachen in die Lüfte steigen zu lassen. Das Problem: Nach Feierabend blies meist kein Wind mehr. Horvath, Architekt, beschloss, einen superleichten Drachen zu konstruieren, der keinen Wind zum Fliegen braucht. Seit nunmehr zehn Jahren verkauft Thomas Horvath seine Erfindungen, die er im Drachenlabor in Zürich baut. Sie wiegen zum Teil nur elf Gramm und tragen klingende Namen wie «de tommaso superleggera» oder «I’ll be back, darling».

Die leichtesten Drachen der Welt gebaut

Für seine Kreationen erhielt er auch schon den einen oder anderen Designpreis. Horvath ist der Erfinder der leichtesten Drachen der Welt, ausgestattet mit einem fast unzerstörbaren Karbongerüst und hauchdünnen Segeln. In diesen Wochen will er mit einem neuen, noch leichteren Modell aufwarten. Seine Drachen kosten im Webshop zwischen 150 und 570 Franken für das Modell «the long way home» (im Bild). Ganz besonders die Enthusiasten aus den Vereinigten Staaten bestellen die minimalistischen, ultraleichten Flugmodelle von Horvath, rund hundert sind es pro Jahr. Und im Herbst ziehe der Verkauf jeweils auch in der Schweiz an, sagt Thomas Horvath. «Meine Nullwinddrachen eignen sich besonders für den spontanen Einsatz in der Stadt, es braucht keine Wiese, um sie fliegen zu lassen. Anders als herkömmliche Lenkmodelle schweben sie selbst im engsten Hinterhof, im Atelier oder sogar im Büro. Wie Schmetterlinge.» Festhalten muss man sie nicht, es sei denn, der Wind bläst kräftig. Bei herkömmlichen Lenkdrachen muss man die Leine immer gespannt halten, sonst stürzen sie ab. Die Spulen der Horvath-Drachen liegen derweil am Boden, nicht in der Hand. Man gibt dem Drachen nur hin und wieder einen Impuls. Wer will, kann sie tanzen lassen oder sie einfach still schweben lassen. Horvath sagt, das habe weniger mit Kontrolle zu tun wie bei den Lenkdrachen, «sondern vielmehr mit Loslassen». Und er fügt an: «Das ist irgendwie wohltuend in dieser hektischen Zeit.»

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