«Stellt das Internet ab!»

GOOGLE & CO. ⋅ Mit den grossen Internetplattformen ist eine besondere Macht in unser Leben getreten. Was die sozialen Netzwerke mit uns anrichten, erklären ein Blogger und ein Wissenschafter – und geben Rat.
12. April 2018, 05:02

Rolf App

Müsste er seinen Kindern erklären, wie das Internet funktioniert, der deutsche Blogger Schlecky Silberstein würde von einem Bauernhof erzählen. «Die Bauern sind Google, Facebook, Amazon und Apple, und wir sind die Hühner. Wir werden mit Online-Erfahrungen gefüttert und legen Tag für Tag Dateneier, die Google, Facebook, Amazon und Apple dann ihren echten Kunden verkaufen: den Datenhändlern.» Manchmal geht etwas schief, wie im Fall der Firma Cambridge Analytica, welche die Dateneier zur politischen Beeinflussung genutzt hat. Manchmal schreckt dann die Politik auf, wie in diesen Tagen, wenn Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor den Häusern des US-Kongresses erscheinen muss.

Er weiss allerdings: Es kommt nicht auf die Politik an. Sondern, wie bei der Erdölgewinnung, darauf, «wer die ausgeklügelteren Methoden präsentiert, um an den Rohstoff zu kommen». Und da will er weiterhin die Nase vorn haben – und nicht von der Politik gestört werden. Oder von Schlecky Silberstein, der seine Ratschläge ganz altmodisch in die Welt gesetzt hat: als Buch. Und ihnen den nicht ganz ernst gemeinten Titel verpasst hat: «Das Internet muss weg.»

Ein Kind der Krise: Der Plattform-Kapitalismus

Was sind das für Grossbauern, denen wir Dateneier legende Hühner in die Hände gefallen sind? Nick Srnicek, Dozent für Internationale Politische Ökonomie an der University of London, spricht in seinem stärker analytischen Buch vom «Plattform-­Kapitalismus», der mit Google & Co. angebrochen sei. Diese Art des Kapitalismus ist ein Kind des Niedergangs. Er setzt in den 1970er-Jahren ein mit sinkenden Rentabilitätsraten, weil sich in der Industrie überall Überkapazitäten angehäuft haben. Diese Industrie hilft sich, indem sie Produktionsprozesse strafft oder Teile auslagert in Billiglohnländer – und damit auch die Macht der Gewerkschaften kleinhält.

Doch die Preise sinken weiter. Immer noch unzufrieden über das Erreichte, sucht sich das Geld deshalb seinen eigenen Weg – und findet das Internet. In den 1990er-Jahren entsteht ein Boom, genährt von grossen Versprechungen, man nennt ihn den Dotcom-Boom. Das vorher nicht kommerzielle Internet wird kommerzialisiert. «Wachstum vor Profit» lautet die Devise jener über 50000 Firmen, denen mehr als 256 Milliarden Dollar anvertraut werden. 2008 hat die ganze Herrlichkeit ein Ende. Dann trudelt die Welt in die ­Finanzkrise. Doch «wenn eine Krise zuschlägt, ordnet sich der Kapitalismus neu», stellt Nick Srnicek fest. Und dieser fort- geschrittene Kapitalismus drehe sich «um die Gewinnung und Nutzung eines besonderen Rohmaterials: Daten».

Sie zu sammeln, sie auszuwerten, aus ihnen Geld zu machen – das ist die grosse Kunst. Apple, Google, Facebook, Amazon, Uber und andere beherrschen sie auf ganz unterschiedliche Weise. Sie stellen Produkte, Dienstleistungen und Plattformen bereit, auf denen Daten abgelegt oder ausgetauscht werden. Je mehr Hühner sie haben, umso wertvoller sind deren Eier.

«Sagen wir ruhig Stasi-Akte»

Die Bauern sprechen davon, dass unsere Welt mit Facebook & Co. demokratischer wird. Doch das ist eine Illusion. Schlecky Silberstein sagt es mit der ihm eigenen Direktheit: «Google und Facebook suchen den ganzen Tag nach Möglichkeiten, ihren eigenen Service so zu verändern und zu verfeinern, dass ihre Nutzer maximal viele Daten erzeugen.»

Mit beunruhigendem Resultat. «Stellen Sie sich eine unendlich lange Personal-, ach, sagen wir ruhig Stasi-Akte vor, in die alle Ihre Bewegungsdaten, alle Suchanfragen, alle sozialen Interaktionen, alle Mails, alle Überweisungen, alle besuchten Websites fliessen.» Mehr noch: Die Stasi habe noch mühsam und heimlich Tapeten verwanzen müssen, «Amazon hat es geschafft, dass seine Nutzer 179 Euro dafür zahlen». So viel kostet «Echo», eine kleine Dose mit sieben Mikrofonen, die auf Befehl ihres Besitzers im Internet sucht, Taxis bestellt oder Schuhe ordert – und uns so ganz nebenbei zuhört. Sie ist ein Vorbote dessen, was das «Internet der Dinge» genannt wird. In ihm werden Konsumgüter und Wohnungen mit Sensoren ausgestattet, die nützlich sind, aber die auch noch den letzten Rest von Privatheit vernichten.

Natürlich kann man Privatheit einfordern. Doch ignoriert man dabei, «dass es der Kern dieses Geschäftsmodells ist, jegliche Privatheit zunichte zu machen», erklärt Nick Srnicek. «Dazu ­gehört, dass die Unternehmen ständig gegen die Grenzen dessen anrennen, was bei der Datensammlung gesellschaftlich und rechtlich akzeptabel ist.» Und weil alle diese Plattformen die Tendenz haben, Monopole zu bilden und sich gegen aussen abzuschotten, gibt es nur eine Instanz, die diese Kunden schützen kann: die Politik.

Hinweis

Schlecky Silberstein: Das Internet muss weg, Knaus

Nick Srnicek: Plattform-Kapitalismus, Hamburger Edition


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