Streit um Krebsprogramm

FRÜHERKENNUNG ⋅ Jedes Jahr sterben in der Schweiz 3100 Menschen an Lungenkrebs. Eine Stiftung will dies ändern. Ihr Programm stösst auf lebhaften Widerstand.
04. Dezember 2017, 04:38

Rolf App

Es ist ein Streit, bei dem mit ziemlich harten Bandagen gekämpft wird – was bei einem ­derart diffizilen Thema eigentlich ­erstaunen muss. Hinter der Stiftung Lungendiagnostik stünden primär die Anbieter jener Vorsorgeuntersuchungen, die sie an­biete, und diese Anbieter profi­tierten dann finanziell von den ­Folgeuntersuchungen, schreibt Robert Thurnheer, Chefarzt ­Medizin-Diagnostik und Leiter Pneumologie am Kantonsspital Münsterlingen im Kanton Thurgau. Er bekräftigt das in einem Gespräch, in dem er von «einer gesteuerten und unerwünschten Patientenacquise» spricht.

«Ein international anerkanntes Programm»

Die Gegenseite reagiert nicht weniger geharnischt. Es sei «beschämend», dass die Schweizerische Lungenliga, in deren Broschüren Thurnheer als Experte auftrete, und die beim Bundesamt für Gesundheit mit einem eigenen Programm gescheitert sei, derart gegen ein «international anerkanntes, wissenschaftlich validiertes Programm» anschimpfe, «das Personen mit hohem Lungenkrebsrisiko vor eben diesem Lungenkrebs bewahren soll», antwortet Jürg Hurter, Präsident der Stiftung Lungendiagnostik. Das Programm nehme teil an einem internationalen Programm zur Früherkennung von Lungenkrebs. Und im Übrigen arbeiteten die begleitenden Ärzte «ausnahmslos pro bono – also ohne Honorar – für das Programm, und zahlreiche im Programm engagierte Personen haben viel Geld aus eigener Tasche und viel Zeit aufgewendet».

Doch worum geht es? An Lungenkrebs sterben jedes Jahr in der Schweiz 3100 Menschen, 2000 Männer und 1100 Frauen. Was die Todesfälle angeht, steht Lungenkrebs damit an der Spitze, denn er wird oft zu spät entdeckt. Hier setzt die Stiftung Lungendiagnostik an.

«Nach zehn Jahren kein Hinweis auf Lungenkrebs»

Sie bietet den Angehörigen der Risikogruppe, das heisst langjährigen Rauchern und ehemaligen Rauchern ab 50, eine Untersuchung mittels niedrig dosierter Computertomografie samt Konsultation an. Dank ihrer Sponsoren kann der Tarif dafür von 500 auf 179 Franken gesenkt werden, die der Patient selber tragen muss. Die Tomografie könne jene Veränderungen in der Lunge sichtbar machen, die sich dann möglicherweise bei (von den Krankenkassen übernommenen) Nachuntersuchungen als operierbare Frühform von Lungenkrebs erwiesen.

Es habe sich gezeigt, «dass über 80 Prozent der Patienten, deren Lungenkrebs im Frühstadium erkannt und behandelt wurde, nach zehn Jahren noch immer ohne Hinweis auf Lungenkrebs waren», erklären Karl Klingler und Othmar Schöb, zwei bei der Stiftung Lungendiagnostik mitarbeitende Fachärzte. Wesentlich zu dieser Erkenntnis beigetragen habe der amerikanische National Lung Screening Trial mit 53000 Teilnehmern.

Hier setzt Thurnheers Kritik an – der im Übrigen vehement bestreitet, in dieser Sache im Dienst der Lungenliga zu stehen. «Die amerikanische Studie hat nur einen sehr geringen Überlebensvorteil erbracht. Bei 320 gesunden Rauchern musste während drei Jahren jährlich ein Computertomogramm durchgeführt werden, um einen einzigen Todesfall an Krebs zusätzlich zu verhindern», erklärt er. Zwar sei bei jedem vierten Untersuchten ein auffälliger Befund zutage getreten – der sich aber in 95 Prozent der Fälle als harmlos herausgestellt habe.

Damit verbunden gewesen seien Nachkontrollen und unnötige Eingriffe, die zum Teil zu Komplikationen geführt hätten. Das heisst, rechnet Thurnheer, gestützt auf eine Information der «American Thoracic Society» an die Patienten, vor: Mit Screening sterben von tausend untersuchten Personen der Risikogruppe 18 Menschen an Lungenkrebs, ohne Screening 21.

«Kein einziger ‹unnötiger Eingriff›»

«Das Lungenkrebs-Screening kann bei Hochrisiko-Gruppen Leben retten», erklärt die American Thoracic Society, «aber die Zahl der Menschen ist klein, die davon profitieren.» Eine klare Auskunft ist das nicht. Jürg Hurter widerspricht Thurnheers Interpretation. «Bei Darmkrebs muss man etwa tausend Personen untersuchen, bis man einen Krebs findet», sagt er. «Wir stehen also gut da.

Und: «Bisher hat es in unserem Programm keinen einzigen jener ‹unnötigen Eingriffe› gegeben, von denen Robert Thurnheer spricht.» Der wiederum erklärt, es sei «bisher in europäischen Studien nicht gelungen», den kleinen Überlebensvorteil der amerikanischen Untersuchung zu reproduzieren.

Das Bundesamt für Gesundheit wartet ab

Das Bundesamt für Gesundheit verhält sich abwartend. Ein Verfahren zur Kostenübernahme von Früherkennungsuntersuchungen wurde bislang nicht abgeschlossen, erklärt dort Daniel Dauwalder. «Nach unserer Einschätzung werden die fachlichen Diskussionen auch international noch intensiv geführt.» Abwarten will man beim Bundesamt eine holländische Studie. «Ihre Resultate sollten 2019 bekannt werden.»

Braucht es ein breiter angelegtes Programm?

Weitere Abklärungen seien er­forderlich, erklären in einem Fachbeitrag auch Thomas Frauenfelder und Walter Weder vom Universitätsspital Zürich. Sie empfehlen die Einführung eines systematischen Screenings, also von Reihenuntersuchungen, um die offenen Fragen zu evaluieren.

Ein solches nationales Programm, welches klare Standards und eine Qualitätssicherung zum Ziel hatte, haben Schweizer Experten in Radiologie, Pneumologie, Epidemiologie und Thoraxchirurgie angepeilt, erklärt in deren Namen Milo Puhan vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich, an den uns die Lungenliga verwiesen hat. Gegen die private Initiative der Stiftung Lungendiagnostik hat Puhan «grundsätzlich» nichts ein­zuwenden. Was er aber nicht ­nachvollziehen könne, «das sind die erweiterten Einschlusskriterien.»

Mit andern Worten: Die Stiftung Lungendiagnostik zieht den Kreis der Personen weiter, denen sie eine Vorsorgeuntersuchung empfiehlt, als dies andere Studien täten. «Aufwand, Nutzen und Risiken müssen aber in einem vertretbaren Verhältnis stehen», sagt Puhan. «Und für eine neutrale Beratung der Patienten braucht es unserer Ansicht nach eine neutrale Stelle wie die Lungenliga, die von einem Lungenkrebsscreening nicht finanziell profitiert .»

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