Und dann stand das Leben still

HURRIKAN IRMA ⋅ Der Jahrhundertsturm zog gestern über Florida, von Key West bis Tampa an der Westküste des Bundesstaates. Auch an der Atlantikküste herrschten chaotische Zustände.
11. September 2017, 04:39

Renzo Ruf, Washington

Marco Rubio versuchte es mit einer Prise Humor. Dass er sein Haus in West Miami komplett verbarrikadiert habe, damit der Hurrikan «Irma» keine Fenster oder Türen zerstören könne, habe auch einen Vorteil, sagte der republikanische Senator am späteren Sonntagmorgen. Seine vier Kinder seien «immer noch im Bett», weil es derart dunkel und die Stromversorgung bereits vor Stunden zusammengebrochen sei.

Ähnliche Erfahrungen wie der ehemalige Präsidentschaftskandidat machten gestern Millionen von Bewohnern im Süden von Florida, von St. Petersburg im Westen bis Miami Beach im Osten – «Irma» brachte mit Wind­geschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde das öffentliche Leben im «Sunshine State» fast vollständig zum Stillstand. Augenzeugen berichteten von furchterregenden Windböen, zerstörten Häusern und Sturmfluten und riefen sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner dazu auf, sich in Sicherheit zu begeben. Gegen zwei Millionen Haushalte waren ohne Strom. Selbst in Orlando, der Vergnügungsstadt im Zentrum von Florida, ging nichts mehr. Sämtliche Walt-Disney-Vergnügungsparks sind vorläufig geschlossen; auch das Universal Orlando Resort war zu.

Sturmfluten erwartet

«Irma» hatte Florida gegen 15.10 Uhr (Schweizer Zeit) erreicht, als der Hurrikan über die Insel Cudjoe Key auf den Florida Keys zog. Die Insel liegt eine halbe Autostunde von Key West entfernt, dem südlichsten Punkt Floridas. Noch sei es zu früh, sich ein Bild der Zerstörung zu machen, sagte der republikanische Gouverneur Rick Scott an einer Pressekonferenz. Die Bezirksverwaltung von Monroe County, zuständig für die Inselkette, meldete aber am Nachmittag: «Monroe County ist vorerst geschlossen.» Niemand, der aus den Keys geflüchtet sei, könne vorerst zurückkehren.

Etwas mehr als fünf Stunden später traf «Irma» erneut an Land, in der Nähe der Touristeninsel Marco Island im Verwaltungsbezirk Collier County an der Westküste Floridas. Auch im benachbarten Lee County, in dem mehr als 722000 Menschen wohnen, herrschte Katastrophenalarm. Besondere Vorsicht sei auch geboten, nachdem der Hurrikan vorbeigezogen sei, warnten Meteorologen derweil, da in den Abendstunden mit Sturmfluten von bis zu viereinhalb Metern Höhe zu rechnen sei – weil «Irma» zuerst das Wasser aus Buchten, Kanälen und Flüssen verdrängt hatte, um es dann ­später wieder zurückzudrängen. Auch an der Ostküste, gegen 150 bis 200 Kilometer vom Zentrum von «Irma» entfernt, wurde Flutalarm ausgerufen. Küstennahe Viertel standen unter Wasser; aber auch die Brickell Avenue im Stadtzentrum von Miami verwandelte sich in einen reissenden Fluss. Erste Meldungen sprachen davon, dass «Irma» in Florida drei Todesopfer gefordert hatte.

In Miami wurde aber auch über ein freudiges Ereignis berichtet: Am frühen Morgen musste eine Frau im Viertel Little ­Haiti ihr Baby selbst zur Welt bringen, weil sich die Notfalldienste nicht rechtzeitig zum Haus der schwangeren Frau durchschlagen konnten. Ein Dispatcher sei der Frau telefonisch beigestanden, sagte ein Vertreter der Feuerwehr von Miami, und habe ihr Anweisungen erteilt. Sowohl der Mutter als auch ihrer neugeborenen Tochter gehe es den Umständen entsprechend gut.

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