Unser Kult um das Essen

GASTRO-HYPE ⋅ Es dient der individuellen Selbstbestätigung und der Bildung von Gemeinschaft: Deshalb spielen das Essen und Debatten darüber in unserer virtuell geprägten Gesellschaft eine wichtige Rolle.
06. Dezember 2017, 04:39

Urs Bader

Das Schwärmen, Diskutieren und Eifern über das Essen ist heute schon fast so wichtig wie das Essen selbst. Es ist nicht nur ein Topthema beim Smalltalk, regelmässig finden dazu auch wissenschaftliche Kolloquien statt. Und es erscheinen fast so viele gescheite Bücher über das Essen wie Kochbücher und Diät-Rat­geber. TV-Kochshows sind ein Dauerbrenner. Spitzenköche sind Popstars. Und wer ein Rüebli von einer Kartoffel unterscheiden kann, eröffnet ein Food-Blog. Street-Food-Festivals boomen, ebenso Pop-up-Restaurants, geführt von Hipster-Köchen.

Zahlreich sind aber auch die sich oft widersprechenden Erklärungen, weshalb dies so ist. Sicher ist, dass es etwas damit zu tun hat, dass wir ohne zu essen nicht leben können. Und dass wir in unserer Weltgegend kaum mehr Mangel und Hunger leiden. Ein Luxusphänomen also auch.

Ich esse, also bin ich: Gründe des Gastrokults

«Aber welche Funktion hat der unglaubliche Kult, den die westliche Gesellschaft dem Essen gegenwärtig widmet?», fragt Christine Ott im Buch «Identität geht durch den Magen. Mythen der Esskultur». Sie legt dazu drei Thesen vor, die die Befindlichkeit des Individuums ins Zentrum stellen: den vereinsamt lebenden Menschen, der sich mehr und mehr mit einer virtuellen Welt auseinandersetzen muss, die ihn ängstigt und «dessen Vertrauen in die Möglichkeit politischer Einflussnahme erschüttert ist».

Ott erklärt den Gastrokult so: Sie sieht für den Menschen im Essen «das zentrale, vermutlich das erste Mittel der Selbstvergewisserung». Essen verheisse in einer virtuellen Welt sinnliche Nähe, weil es neben dem sexuellen Akt die stärkste Möglichkeit eines unmittelbaren Kontaktes mit etwas «Anderem» darstelle. Und mit Blick auf das Politische schreibt Ott, Ernährungsentscheide, etwa nur fair gehandelte Produkte zu kaufen, vermittelten uns das Gefühl, Kontrolle über unseren Körper auszuüben und direkten Einfluss auf gesellschaftliche und marktwirtschaftliche Prozesse zu erlangen. «Die sinnliche Präsenz des Essens verheisst uns einen unmittelbaren Zugriff auf unser Leben.» Schliesslich geht es der Literaturprofessorin um die Bedeutung des politisch korrekten Essens für den existenziell vereinzelten Menschen. «‹Anständig› essen, oder zumindest der Versuch, dies zu tun, bedeutet, sich die globalen Konsequenzen jeder einzelnen Ess-Entscheidung bewusst zu machen. Der ­Essende wird so wieder zum Teil eines grossen Ganzen, aus dem er (...) herausgefallen war.» Der politisch-korrekte Esser fühle sich von einem grösseren «Netzwerk» aufgefangen.

Essen stiftet also Identität und Individualität gleichermassen. Essen dient jedoch auch der Abgrenzung von Anderen. Norbert Elias hat das in einen historisch-soziologischen Rahmen gestellt. Er beschrieb den Versuch des Adels, die Sitten ständig zu verfeinern, als Strategie, mit der er sich vom erstarkenden Bürgertum abgrenzen konnte. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu schloss in seinem Hauptwerk «Die feinen Unterschiede» an Elias an und erachtete Geschmacksvorlieben als Ergebnis der Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Milieu. Diese Vorlieben ermöglichen Gemeinschaft und Abgrenzung.

Wenn also Leute heute dem Gastrokult huldigen, indem sie unablässig von diesem oder jenem Sterne-Koch schwärmen, ist das auch in diesem Kontext zu ­sehen. Man versichert sich seiner gesellschaftlichen Stellung und grenzt sich gleichzeitig ab von ordinären Fast-Food-Essern.

In der Funktion «säkularer Religionen»

Das gilt auch für die Gemeinschaft der Fleischesser oder Veganer, beispielsweise. Hier geht es um das gesunde oder politisch und/oder moralisch korrekte ­Essen. In Debatten darüber verlaufen die Fronten wechselweise zwischen Fleischessern, Vegetariern, Veganern, Naturschützern, Gesundheitsbeamten, Ärztinnen, Autoren von Ratgebern etc. Ott schreibt, die Frage nach der Wahl des richtigen Essens erscheine als «existenzielle Frage, mit der Konzepte von Schuld und Erlösung» verbunden seien. Neue Ernährungsideologien könnten heute die Funktion «säkularer Religionen» einnehmen. Dies könnte auch erklären, weshalb Auseinandersetzungen um die richtige Ernährung so häufig und oft so heftig geführt werden.

Noch in einem anderen Zusammenhang sieht Ott religiöse Motive am Werk: «Denn wenn wir heute bei Tisch Verzicht üben, tun wir es nicht, weil wir Angst haben, nach dem Tod als Schlemmer in der Hölle zu schmoren.» Wir würden es vielmehr tun, weil wir nur noch an ein irdisches Paradies glaubten, dieses aber nur jenen offen stehe, die gesund und schlank und damit attraktiv seien.

Im heutigen Trend des Anti-Intellektualismus

Der US-Professor für Kinderheilkunde Aaron E. Carroll stellte das Streben nach «fehlerfreiem Essen» noch in einen anderen Kontext: «Angst zu haben vor irgendwelchen Nahrungsmitteln, ohne dazu einen wirklichen Grund zu haben, ist unwissenschaftlich – und damit Teil des gefährlichen Trends des Anti-Intellektualismus, mit dem wir heute vielfach konfrontiert werden», schrieb er kürzlich in der «New York Times». Hergeleitet hat er dies am Beispiel der glutenfreien Nahrung: Weniger als ein Prozent der US-Bevölkerung habe eine Weizenallergie und weniger als ein Prozent leide an Zöliakie, bei der man Gluten meiden sollte. Gleichwohl kaufe jeder fünfte Amerikaner glutenfreie Lebensmittel. Carroll sieht den Trend, wissenschaftliche Fakten zu ignorieren, auch bei anderen strittigen Themen – Impfen, Evolution, Erderwärmung – am Werk.

Er verweist auch auf ein Phänomen, das im Gastrokult unserer Tage eine wichtige Rolle spielt: der Genuss. Beim Essen zu geniessen, sei gar zu einem neuen Imperativ geworden, schreibt Ott, auch wenn man sich vegan oder paläo ernähre. Und Carroll sagt: «Essen sollte ein Anlass für Genuss sein, nicht für Panik.»

Christine Ott: Identität geht durch den Magen. Mythen der Esskultur, S. Fischer, 493 S., Fr. 37.90.

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