Die Stadt am Anfang und Ende Europas

RUMÄNIEN ⋅ Die Donaustadt Sulina hiess einst Europolis: Hier, am östlichsten Rand Rumäniens, hatte die Europäische Donaukommission, eine Vorläuferin der EU, ihren Sitz. Heute kämpfen die letzten Stadtbewohner um den Anschluss an den europäischen Kontinent.
12. August 2017, 10:04

Michel Bossart, Sulina

«Dort, wo der alte Danubius Wasser und Namen im Meere verliert ...»: Mit diesen Worten beschrieb Eugen Botez, der sich Jean Bart nannte, die einzigartige Lage jenes Ortes, der heute Sulina heisst und früher Europolis. Der einzige Roman des rumänischen Schriftstellers ist um 1930 entstanden und heisst ebenfalls so: ­«Europolis». Heute ist der östlichste Ort Rumäniens auch die am weitesten östlich gelegene Stadt der EU. Zu Jean Barts Zeiten hatte hier die Europäische Donaukommission ihren Sitz, Varietés und andere Vergnügungsetablissements beherrschen in seinem Werk «Europolis» das Stadtbild des Schwarzmeerhafens Sulina.

Auf diese kosmopolitische Vergangenheit deutet in Sulina heute wenig hin. Da ist das Gebäude der ehemaligen Europäischen Donaukommission. An einigen Stellen ist es renoviert worden, der Verputz bröckelt trotzdem ab. Einen desolaten Eindruck hinterlassen auch die Wohnhäuser. Hier fehlt ein Fenster, dort droht ein Dach einzustürzen. Muffige Eingänge von Mehrfamilienhäusern heissen niemanden willkommen. Müssen sie wohl auch nicht, denn viele der Wohnungen sind unbewohnt. Hier steht Ostblockarchitektur, der man lieber einen schnellen Tod als ein langwieriges Dahinsiechen wünschen würde, neben vielen einst wohl schmucken Häuschen, die zu Lotterbuden verfallen sind.

Der Friedhof erzählt von der Vielvölkervergangenheit

Die andere Erinnerung an die Vielvölkervergangenheit ist der Friedhof. Katholiken, Protestanten und Orthodoxe liegen neben Juden und Muslimen begraben. Im jüdischen Abschnitt stehen die Grabsteine schief. Es gibt keinen mehr, der sich um die Gräber kümmert. In den muslimischen Teil gelangt man schon gar nicht mehr. Das Tor ist verrostet und von wilden Pflanzen verwachsen. Einige der Grabsteine von christlichen Toten sind mit deutschen, französischen oder englischen Inschriften versehen. Ihre Lebensgeschichten werden wohl für immer vergessen bleiben. Einzig der rumänisch- und griechisch-orthodoxe Teil des Friedhofs ist noch in Funktion. Gemäss dem letzten Zensus von 2011 bekennen sich knapp 95 Prozent der Suliner zum orthodoxen Glauben.

Heute hat Sulina sechs nummerierte Strassen, die in aufsteigender Zahl von der Donau her und parallel zu ihr verlaufen. Ein bisschen wie in New York sei das, kann man in einer Broschüre nachlesen. Doch auf den Strassen fahren nur wenige Autos, die meisten davon sind Taxis. Niemand in Sulina braucht ein eigenes Auto, denn man kann damit nirgendwo hinfahren. Sulina ist nur mit dem Schiff zu erreichen. Die staatliche Navrom-Fähre fährt einmal am Tag, jeweils morgens um 7 Uhr, nach Tulcea und um 13.30 Uhr von dort wieder zurück. Für die 75 Kilometer braucht sie vier Stunden. Mit den privaten Anbietern und ihren Schnellbooten dauert die Fahrt lediglich etwas mehr als eine Stunde und kostet unwesentlich mehr.

Gar keine Boote fahren, wenn im Winter die Donau gefriert. «Wenn wir Glück haben, dann kommt einmal in der Woche ein Eisbrecher», sagt Suzana «Manchmal kommt er gar nicht, dann warten wir halt.» Sie ist Kellnerin im Café Eastend an der Strada I, direkt an der Donau. Sie mag den Winter aber nicht nur wegen des Eises nicht. Weil keine Touristen kommen, ist praktisch alles geschlossen. Auch das Café, in dem sie arbeitet. Im Winter sitzt sie an der Kasse im Supermarkt und ist damit eine der wenigen, die überhaupt Arbeit haben: Die Arbeitslosigkeit liegt in Sulina bei 40 Prozent. «Zur Abwechslung geht man dann in den einzigen Klub, der dann noch offen hat», sagt Suzana und zeigt auf die andere Strassenseite. Ein Kino, ein Theater oder sonstige Freizeitvergnügen gibt es in ­Sulina nicht.

Wer auf der Strada II Richtung Strand geht, passiert den alten Leuchtturm. Längst weist er keinem Schiff mehr den Weg. Sulina hat das umgekehrte Problem vieler anderer Orte: Es gibt keine Erosion; das heisst, das Meer nimmt sich kein Land, es zieht sich ein bis zwei Meter pro Jahr zurück und schenkt der Stadt frisches Land. Im Jahr 1983 musste viel weiter draussen im Meer ein neuer Leuchtturm gebaut werden. Im alten ist heute ein Museum untergebracht, das sich der Geschichte Sulinas widmet.

Gemäss dem Zensus von 2011 hat Sulina heute 3663 Einwohner. 558 von ihnen sind Schüler, die bis zum Lyzeum, das bezeichnenderweise den Namen «Jean Bart» trägt, in Sulina unterrichtet werden. 2002 zählte die Stadt noch 4610 Einwohner. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als 1948 mit 3373 Bewohnern ein Tief erreicht wurde, wuchs die Bevöl­kerung zunächst kontinuierlich. 1992 wohnten 5484 Personen in Sulina, einst waren es über 15 000.

Wirtschaftliche Bedeutung unter Nicolae Ceausescu

Im Jahr 1939, mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, wurde die Europäische Donaukommission aufgelöst. Sulina wurde ins rumänische Königreich integriert. Am 25. August 1945 zerstörten die Bomben der Alliierten rund 60 Prozent der Stadt. Sulina war nunmehr im Begriff, sich aufzulösen; es entwickelte sich zurück in eine Fischereisiedlung ohne weltpolitische Bedeutung. König Michael I. sah sich am 30. Dezember 1947 zur ­Abdankung gezwungen. Er ging ins Exil in die Schweiz. Im April 1948 verabschiedete das inzwischen kommunistisch ­dominierte rumänische Parlament eine Verfassung, die den Übergang in eine ­kommunistische Gesellschaftsordnung vorsah. Unter dem neostalinistischen Diktator Nicolae Ceausescu gab es für Sulina einen erneuten Aufschwung: Für die Stadt im äussersten Osten Rumäniens war eine Zukunft als Industrie­hafen vorgesehen. Eine Schiffswerft wurde gebaut, später kamen Fischkonservenfabriken hinzu. Die in Kooperativen vereinigten Fischer fuhren in Brigaden von bis zu 50 Mann täglich hinaus ins Delta und holten mit ihren Treibnetzen ihre Fänge ein. Bis zu 20 000 Tonnen Fisch wurden so pro Jahr in Sulina konserviert und dann exportiert.

Dann kam die Wende. Ceausescu, der das Land seit 1965 mit eiserner Hand geführt hatte, wurde an Weihnachten 1989 nach einem kurzen Prozess erschossen. Die auf die Revolution folgende ökonomische Krise – und die Korruption – erzwang die Schliessung der Fischkonservenfabriken und der Werft und die Auflösung der Kooperativen. Praktisch über Nacht wurde die halbe Stadt arbeitslos und verlor ihre Existenzgrundlage. Auch heute: 40 Prozent der erwerbsfähigen Menschen sind ohne Arbeit. Auf der der Stadt gegenüberliegenden Seite der Donau stehen sie noch, die alten Fabriken und die Hallen. Verlottert, zerfallen und halbzerstört. Niemand macht sich die Mühe, sie abzubrechen und wegzuräumen. Es sind traurige Mahnmale eines gescheiterten Projekts, das doch vielen Menschen während Jahren ein Auskommen ermöglichte.

Tourismus soll die Stadt neu beleben

Viele der ehemaligen Wohnhäuser sind heute Pensionen. Einer der Hoteliers ist Angelos Katrakylis. Der Tourismus sei, sagt er, die Hauptindustrie ­Sulinas. Er generiere direktes und indirektes Einkommen für die meisten Einheimischen, indem sie zum Beispiel Fische für die Restaurants fangen oder Bootstouren durchs Delta anbieten.

Die meisten Pensionen, so auch die Villa Elektra von Katrakylis, haben nur in der Hauptsaison geöffnet, sie dauert von Juni bis September. Katrakylis kann nicht genau sagen, wie viele Betten es in Sulina für Touristen gibt. Neben den Pensionen vermieten auch Privatpersonen Zimmer an Reisende. Grob geschätzt, würden drei- bis viertausend Touristen ein Bett für eine Nacht finden, meint er. Für die lange Zeit von Oktober bis Mai müssen die Bewohner Sulinas erfinderisch sein. Katrakylis zum Beispiel führt in Bukarest englisch- und griechischsprachige Touristen herum.

Das Donaudelta mit seiner Landschaft und seinem Labyrinth aus Seen und Kanälen zieht nicht nur Fischer und Ornithologen in seinen Bann. Die Stadt am Ende der Donau verfügt mit seiner Geschichte und seiner isolierten Lage nahe der ukrainischen Grenze über einen einzigartigen, morbiden Charme. Anders als vor hundert Jahren beginnt Europa heute aber anderswo. Hier, so ist man versucht zu sagen, endet es.

Anzeige: