Von Ratschlägen erschlagen

SACHBUCH ⋅ Ratgeber raten dem Menschen: Hilf dir selbst! Ein Paradox, das einen einigermassen ratlos zurücklässt. Ein Erklärungsversuch.
28. Juli 2017, 07:33

Julia Stephan

Als das Auto von John Strelecky auf einem Highway in Brand geriet, fand er das Glück auf der Strasse. Entflammt war nicht nur sein Auto, sondern auch seine Idee von der Reich-und-Glücklich-Formel, die ihn vom schlecht bezahlten Kellnerjob erlösen und zum Bestsellerautor machen würde. Das Erweckungserlebnis steht im Vorwort von Streleckys Ratgeber «Reich und glücklich: Wie Sie alles bekommen, was Sie sich wünschen».

Strelecky tritt damit in die Fussstapfen anderer Emporkömmlinge wie Dale Carnegie (1888–1955, «How to win friends and influence people»), der sich als armes Landei aus dem Mittleren Westen zum Motivationstrainer hochgearbeitet hat. Für die Soziologin Stefanie Duttweiler ist Carnegies rapportierte Lebensgeschichte nichts weiter als eine moderne Heiligenbiografie. Und dasselbe liesse sich aber über Strelecky sagen. Nach der wundersamen Erleuchtung bewältigt er tugendhaft seine Lebenskrise. Das macht ihn zwar nicht zum Sprachrohr Gottes, aber in seiner Rolle als Ratgeber für den Leser glaubwürdig. Viele Autoren, die eine Krise oder Krankheit erfolgreich überwunden haben, legitimieren ihre Ratgeberfunktion auf diese Weise. Dass eine Wahrheit, die dem Leben so schmerzhaft abgerungen wurde, unantastbar ist, versteht sich von selbst. Weshalb ein Ratgeberliterat sich publizistisch auch wiederholen darf. Das klingt dann wie bei der deutschen Mental- und Wellnesstrainerin Sigrid Engelbrecht. Deren Bücher tragen Titel wie «Ich! Drei Buchstaben, die Ihr Leben verändern» oder «Ich steh auf mich. Wertschätzung macht mich und andere stark».

Das innere Kind in die Arme nehmen

Ratgeberliteratur boomt. Wer die Titel als Gradmesser für die Nöte der Menschheit nimmt, kommt zum Schluss, dass man sich derzeit fest danach sehnt, Wohnung und Seele zu entrümpeln – Marie Kondos «Magic Cleaning» steht dafür Pate –, das innere Kind in die Arme zu nehmen und mit mehr Achtsamkeit durchs Leben zu gehen. Letzteres ist seit der durch den amerikanischen Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn befeuerten Mindfulness-Bewegung ein Dauerbrennerthema.

Ausgerechnet im Zeitalter ­der Selbstoptimierung scheint man für den Rat von aussen besonders empfänglich. Dass die meis­- ten Ratgeber uns vorbeten, wir ­ sei­en unseres eigenen Glückes Schmied, ist das grosse Paradox des Ratgeberliteraturgeschäfts, über das der verstorbene Soziologe Ulrich Beck einst schrieb, dass die Ratgeberlektüre dem Irrweg eines Junkies gleichkäme. Gedanken aus Becks 1983 veröffentlichtem Aufsatz «Jenseits von Stand und Klasse?» lassen erahnen, was er damit gemeint haben könnte: Hätten die Menschen in den 1950er- und 1960er-Jahren ihre Vorstellung vom Glück noch klar definiert, kreise man heute nur noch obsessiv und selbstquälerisch um Fragen der Individualität. Und weil sich Lebensfragen wie «Bin ich wirklich selbsterfüllt?» mit keinem Autokauf abhaken lassen, ermöglicht das den Verlagen, ständig neue Antworten auf den Markt zu werfen.

Da hatten es der Adel und das Bürgertum noch einfacher. Die hielten sich an die Benimmliteratur ihrer Zeit, die im Etiketten-Dschungel des gesellschaftlichen Miteinanders Orientierung gab. Die Sparte hat überlebt. Im Bestseller «Schlagfertigkeitsqueen: In jeder Situation wortgewandt und majestätisch reagieren» von Nicole Staudinger gibt es wie in barocken Complimentierbüchern vorgefertigte Sätze, die man seinem Gegenüber an den Kopf werfen kann.

Inzwischen scheint eine wachsende Zahl Autoren die Nase voll zu haben vom jahrzehntelangen Trend des positiven Denkens. Bloggerinnen wie die Schweizerin Yonni Meyer alias Pony M. geben der vom Erfolgsdruck zermürbten Seele mit ihren privaten Schiffbruchgeschichten Entlastung. Bestsellerautoren wie Manfred Lütz («Irre! Wir behandeln die Falschen») oder Alexandra Reinwarth werden nicht müde zu betonen, dass sie keinen Ratgeber schreiben. So schreibt Reinwarth in ihrem Vorwort zu «Das Glücksprojekt»: «Das ist kein Glücksratgeber. Ratgeber bringen überhaupt nichts. Glauben Sie mir, ich habe viele davon.» Um dann genau einen solchen zu schreiben.

Der Achtsamkeitsliteratur den Stinkefinger zeigen

Reinwarths neuster Bestseller «Am Arsch vorbei geht auch ein Weg. Wie sich dein Leben verbessert, wenn du dich endlich locker machst» zeigt auf dem Cover einen Buddha, den man in Buchhandlungen auch als werbewirksame Statue antrifft. Er hält dem Leser und der Achtsamkeitsliteratur den Stinkefinger hin. Schauspieler und Autor Hannes Jaenicke verwendet in «Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche. Warum wir dringend Helden brauchen» eine ähnlich drastische Rhetorik. Mit dem Begriff «mentale Skoliose» umschreibt er den Umstand, dass sich die Deutschen ihren Individualismus am liebsten «von der Stange» kaufen. Mit Jaenickes political incorrectness wirbt der Verlag sogar auf der Umschlagsseite. Kein Wunder, wird man den Eindruck nicht los, der Wutbürger pflanze sich in manchem Sachbuch fort.

Dass es anspruchsvoll ist, solch aggressive Handlungsanweisungen wie das von Alexandra Reinwarth geforderte «Mach dich locker!» praktisch umzusetzen, weiss man spätestens seit Paul Watzlawicks (1921 – 2007) ironischem Anti-Ratgeber «Anleitung zum Unglücklichsein» (1983): «Auf Befehl etwas spontan zu tun ist ebenso unmöglich, wie etwas vorsätzlich zu vergessen oder absichtlich tiefer zu schlafen», schreibt Watzlawick. Um im selben Kapitel in der Ratgeber-Rhetorik zu betonen: Egal, mach!

Liest du noch, oder handelst du schon?

Also doch alles Etikettenschwindel? Nein, sagt Kommunikationstrainer und Ratgeberautor Christian Sauer. «Ratgeberkäufer suchen gar nicht nach funktionierenden Lösungen, sondern lediglich nach Linderung und Entlastung durch die Lektüre.» Darüber seien sich Verlage, Autoren und Leser einig. Anders gesagt: Solange man liest, muss man nicht handeln. Allein das hat schon etwas ungemein Tröstliches.

Anzeige: