Wann ist der Mensch tot?

ORGANSPENDE ⋅ In der Schweiz fehlen Organspender. Eine umstrittene Initiative will das ändern. Das Thema rührt an die menschliche Urangst, noch lebend für tot erklärt zu werden.
09. November 2017, 08:11

Melissa Müller

Wie ist es wohl, wenn man kurz nach seinem Tod aufgeschnitten wird und einem das noch warme, pulsierende Herz entnommen wird? Ist dann nur noch Fleisch und Blut da, reine Materie, oder schwingt da noch ein Stück Persönlichkeit des Toten mit?

Das Thema Organtransplantation löst Unbehagen aus. Trotz Spitzenmedizin wird in der Schweiz selten transplantiert – es fehlen die Spender. Jährlich sterben etwa 100 Personen, die auf ein Organ gehofft hatten. Die kürzlich lancierte Volksinitiative «Organspende fördern – Leben retten» will das ändern. Wer nicht ausdrücklich Nein sagt, soll automatisch zum Organspender werden. Die sogenannte Widerspruchslösung ist in vielen Ländern wie Frankreich, Italien und Österreich bereits Tatsache. «Eine regelrechte Hetzjagd auf Organe», echauffiert sich ein ­Leser in einer Kommentarspalte zu einem Zeitungsartikel.

Seit Jahrhunderten fürchten Menschen, noch lebend für tot erklärt zu werden. Schriftsteller Edgar Allen Poe teilte diese Angst und und schrieb über Menschen, die lebendig begraben wurden. Philosophen, Wissenschafter und Theologen orakeln seit Menschengedenken darüber, was nach dem Tod passiert. Nur schon bei der Frage, wann der Mensch tot ist, sind sich nicht alle einig.

Sterben – ein dynamischer Prozess

Viele stellen sich ihren Tod vor wie bei einer simplen Maschine, die auf einen Schlag zu arbeiten aufhört. Das sei aber selten so, schreibt Roland Schulz in seiner Reportage «Ganz am Ende»: «Deinen Körper tragen mehr als 200 Knochen, mehr als 600 Muskeln vollführen deine Bewegungen. Du bestehst aus Milliarden kritischer Bauteile, manche reparieren sich in vollem Lauf selbst, manche gibt es doppelt, Lungenflügel, Niere, Eileiter oder Hoden – du bist keine simple ­Maschine, sondern ein auf Ausfallsicherheit ausgelegtes System, komplexer als jedes Kraftwerk. Solche Systeme versagen selten auf einen Schlag. Sie versagen schrittweise.»

Aus medizinischer Sicht ist der Mensch tot, wenn sein Gehirn nicht mehr durchblutet wird und unwiderruflich ausfällt. Dann ist eine Organtransplantation erlaubt. Tatsächlich ist der Körper eines hirntoten Patienten noch am Leben. Er verdaut Nahrung, kann Wunden heilen. Es wurden schon Fälle dokumentiert, in denen Schwangerschaften von hirntoten Frauen aufrechterhalten wurden. Nachdem sie das Kind entbunden hatten, schalteten die Ärzte die Maschinen ab.

Für Angehörige ist die Diagnose Hirntod meist nicht richtig fassbar. Da liegt ihre Mutter, ihr Vater oder Kind im Spitalbett, an Maschinen angeschlossen, die ­lebenswichtige Funktionen wie das Atmen übernehmen. Doch die Familie sieht keinen toten Menschen – sondern einen schlafenden. Seine Hand fühlt sich warm und lebendig an.

Das sieht Rechtsmediziner Christian Jackowski von der Universität Bern anders: «Wenn der Hirntod eingetreten ist, ist die Persönlichkeit eines Menschen nach wenigen Minuten ausgelöscht.» Jackowski untersucht am Institut für Rechtsmedizin jedes Jahr über 1000 Leichname. Darunter auch solche, die bereits Tage oder Wochen hirntot waren. Diese Körper sähen bei der Autop­sie aus, als wären sie eben erst gestorben. Öffnet der Rechtsmediziner jedoch den Schädel, zeigt sich der Tod: Im Gehirn ­haben längst die Abbauprozesse begonnen – es ist zu einer breiigen Masse geworden.

Für den deutschen Philosophen Ralf Stoecker sind hirntote Menschen weder tot noch lebendig, sondern in einem Zwischenzustand – in dem man ihnen ­Organe entnehmen darf. Vorausgesetzt, der Patient oder seine Angehörigen haben sich explizit dafür ausgesprochen.

Aus der esoterischen Ecke kommen kritische Stimmen. Heidi Weiss, karmische Astrologin und Rückführungsleiterin, befürchtet, dass «sich die Seele zum Zeitpunkt der Organentnahme noch nicht vom Körper gelöst hat und jedes Detail mitbekommt.» Sie glaubt, dass die Seele vier Tage braucht, um sich aus ihrem materiellen Gehäuse abzulösen. «Danach wandert sie in die ­geistige Welt.» Auch die Kirche wende dieses alte Wissen an und bahre Verstorbene tagelang auf.

Daniel Büche, Leitender Arzt und Leiter des Palliativzentrums am Kantonsspital St. Gallen, ist ebenfalls der Ansicht, dass die Seelenreise nach dem Tod weitergeht. «Ich glaube aber nicht, dass eine Organentnahme diesen Prozess stört.» Viele Menschen klammern sich an das Materielle und sehen ihre Organe als persönlichen Besitz, den sie nicht hergeben wollen. «Wir neigen dazu, uns und unsere Autonomie zu überschätzen.» Daniel Büche besitzt einen Organspendeausweis. Er ist damit einverstanden, alle seine Organe zu spenden – ausser das Herz. «Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass mein Herz in einem anderen Körper weiter schlägt. Das ist sehr symbolisch.» Zudem wisse er von Empfängern eines Herzens, dass das Weiterleben mit einem fremden Organ schwierig sein könne.

Wer zu Hause stirbt, scheidet aus

Wer sich zu einer Organspende bereit erklärt, kommt nicht automatisch dafür in Frage. Das ist nur bei 0,5 Prozent der Verstorbenen der Fall. Wer zu Hause stirbt, scheidet aus. Die Entnahme fordert medizinische Vorbereitungen, die nur im Spital möglich sind. Die meisten Organspender sind Menschen mit einer Hirnblutung oder Unfallopfer mit Hirnverletzungen, die auf der ­Intensivstation sterben.

Daniel Büche diskutiert mit Patienten über eine mögliche Spende. Ein Krebskranker könne etwa seine Augenhornhaut spenden. Dafür muss er nicht auf die Intensivstation. Denn die Augenhornhaut muss nicht wie Herz oder Lunge kurz nach dem letzten Pulsschlag entnommen werden.

«Der Mensch kann nicht auf Gehirn und Organe reduziert werden», ist der Mediziner überzeugt. Und die Wissenschaft sei nicht der Weisheit letzter Schluss. «Die Seele ist ein komplexes Konstrukt, etwas Immaterielles.» Beim Sterben seien noch andere, geheimnisvolle Kräfte im Spiel. «Ich bin sehr gespannt darauf, was nach dem Tod passiert.»


1 Leserkommentar

Anzeige: