Billiges Medikament für heilige Kühe tötet Indiens Aasgeier

INDIEN ⋅ 80 Millionen Geier kreisten noch vor dreissig Jahren über Indien – heute sind die Vögel fast ausgestorben. Das führt zu schwerwiegenden Problemen: Wer entsorgt jetzt die heiligen Kühe?
14. September 2017, 07:50

Ulrike Putz, Singapur

Ein Restaurant für Aasfresser? Gibt es. In Indien. Gut fünf Autostunden nördlich der Metropole Hyderabad wird auf einer steilen Felsnase mitten in der Wildnis seit 2013 kredenzt, was Geier gern mögen: tote Kühe. Für die Vögel kommt nur das Beste auf den Fels: Das Rindvieh, das auf den Klippen im Naturreservat Bejjur ausgelegt wird, wird vor der Schlachtung 14 Tage lang in Quarantäne gehalten. Nur dann ist es gut genug für die Artenschützer, die das «Geier-Bistro» im indischen Bundesstaat Telangana betreiben.

Sieben Geier hausten zu Beginn des Projekts auf dem Kliff, vier Jahre später sind es 32. Dass Indiens Medien diesen Sommer gross über den bescheidenen Zuchterfolg berichteten, liegt an der ungeahnten Bedeutung, die Geier für den Subkontinent haben: Bis vor kurzem gehörten Geier zu Indien wie die bunten Saris der Frauen oder der jährliche Monsun. Noch vor dreissig Jahren lebten hier bis zu 80 Millionen der Vögel.

500 Millionen Kühe werden gehalten

Die Aasfresser waren beliebt, denn sie erfüllten eine wichtige Aufgabe: In Indien werden etwa 500 Millionen Kühe gehalten, doch der Verzehr von Rindfleisch ist mit einem religiösen Tabu belegt. Jahrtausendelang entsorgten Geier die verendeten Tiere.

Doch dann wurde in den Neunzigerjahren in der Tiermedizin das Schmerzmittel Diclofenac populär. Weil es äusserst kostengünstig ist, fand es bei Indiens Milchbauern reissenden Absatz. Was niemand ahnte: Für Geier ist Diclofenac tödlich, es löst Nierenversagen aus.

Ein Massensterben begann, wie es Wissenschafter noch nie beobachtet hatten. Der Bestand der Aasfresser ist seit Einführung von Diclofenac um atemberaubende 99 Prozent zurückge­gangen. Der «Gyps Bengalensis» (Bengalgeier) ist heute akut vom Aussterben bedroht.

Dass Diclofenac bereits seit 2006 für den veterinären Einsatz verboten ist, hat daran nichts geändert: Das Medikament ist für den menschlichen Gebrauch rezeptfrei zu haben und wird von Bauern immer noch fürs Vieh gekauft. Das macht die Quarantäne für die Kühe für das Geier-Restaurant nötig: So soll sichergestellt werden, dass deren Fleisch Diclofenac-frei ist.

Für Indiens Menschen hatte das Verschwinden der Geier ganz konkrete Auswirkungen: Auf einmal blieben die heiligen Kühe liegen, wo sie starben. An ihrem Fleisch labten sich Ratten und verwilderte Hunde, deren Zahlen deutlich anschwollen. Das hatte böse Folgen, denn Indien ist Tollwutland. Über 30 000 Menschen sterben jährlich an der vor allem von Nagern und Strassenhunden übertragenen Virusinfektion, Tendenz steigend.

Um die toten Kühe hygienisch zu entsorgen, nahm Indien 2015 die ersten Milchvieh-Krematorien in Betrieb. Doch die Methode ist teuer: Brennöfen müssen gebaut und betrieben, die verendeten Tiere eingesammelt und teils weit transportiert werden.

Tierschützer sahen in diesen Kosten ein gutes Argument, sich für die Wiederaufzucht von Geiern starkzumachen. Die indische Naturschutzunion berechnete, was die Dienstleistung eines einzelnen Aasfressers im Vergleich zum Krematorium wert ist: fast 10 000 Franken im Jahr. Die Wiedereinführung der Vögel sei wesentlich billiger als die Kuh-Verbrennung, so die Naturschützer.


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