Wie wir lieben werden

FORSCHUNG ⋅ Werden wir uns in Zukunft nur noch virtuell lieben? Welches Familienmodell setzt sich durch? Zukunftsdenker Matthias Horx sucht nach Antworten und setzt auf ein Modell, das vieles zulässt.
17. Juli 2017, 07:41

Arno Renggli

Was ist Liebe anderes als eine Manipulation der Natur, die uns auf Arterhaltung programmiert? Zumindest in sesshaften Kulturen mit kleinen sozialen Einheiten wie der klassischen Familie macht es ja Sinn, dass wir uns an einen einzigen Partner binden. Und mit ihm zusammen das Mühsal der Kinderaufzucht auf uns nehmen. Wobei die Natur uns mit einem weiteren Trick auf die Sprünge hilft – indem sie uns die Kleinen so süss finden lässt.

Natürlich ist das etwas überspitzt formuliert. Wir Menschen sind soziale Wesen, Einsamkeit tut uns nicht gut. Wir brauchen Halt, Beständigkeit, Trost, und wir finden dies in Bindungen zu anderen Menschen. Die Liebe ist die Extremform davon, und sie wendet sich im klassischen Verständnis exklusive einem einzigen Gegenüber zu. Aber es gibt andere Wünsche in uns – nach Freiheit, Individualität, Abwechslung, kurzfristigem Genuss. Und zunehmend gesellschaftliche wie technische Entwicklungen, die solches ermöglichen.

Heirat mit sich selber

In seinem neuen Buch «Future Love» zeigt der bekannte deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx (62), wie die Liebe als Teil eines sozialen Systems entstand. Dabei gehe es anthropologisch gesehen nicht nur um Kooperation bei der Nachwuchspflege. Die Liebe sei auch der ständige emotionale Störfaktor, der unsere Kreativität in Bewegung halte, damit wir flexibel auf Einflüsse reagieren können. Weiter analysiert Horx, wie sich die Liebe im Zuge einer radikalen Individualisierung verändert hat. Dabei gibt es extreme Beispiele, die künftig häufiger auftreten könnten: von der Objektliebe bis zur Sologamie, bei der man – womöglich gar zeremoniell – sich selber heiratet.

Horx kritisiert die Internetpartnersuche: Sie suggeriere ein vermeintliches Überangebot, das einen glauben mache, es existiere immer etwas noch Besseres. Und sie fördert die Negativselektion: Man verwirft so lange die Falschen, bis der vermeintlich Richtige übrig bleibt. Zudem seien die Vergleichsalgorithmen, mit denen man «passende» Menschen einander zuführen will, viel zu statisch. Liebe entstehe oft wegen ganz anderer Dinge, an die man gar nie denken würde, bevor man sie erlebt: kleine Gesten, etwas Gegensätzliches, irgendein Faszinosum. «Das Ja zur Liebe ist auch das Ja zum Zufall, zur Überraschung», schreibt Horx.

Drei Szenarien prognostiziert er, wohin sich die Liebe entwickeln könnte (vergleiche unten): Im Szenario «techno-erotische Transformation» wird ein Teil der Menschheit den Verlockungen einer digitalisierten Sexualität, welche die zwischenmenschlichen Mühseligkeiten vermeidet, nicht widerstehen können. Das zweite Szenario «Liquid Love» geht in Richtungen wie Flexibilität, Unverbindlichkeit, Langsamkeit in der Annäherung, Polyamorie mit mehreren Partnern gleichzeitig.

Matthias Horx hofft auf ein drittes Szenario, das er «Co-evolutionäre Liebe» nennt. Sie bedeutet Zweierbeziehungen, in denen sich beide Partner weiterentwickeln, dadurch füreinander interessant bleiben, die angstfrei mit Nähe und Distanz spielen und sich nicht zu zweit isolieren, sondern auch andere soziale Beziehungen und Netze pflegen. Im Grunde das, was immer schon gut für die Liebe war. Doch gerade weil wir widersprüchliche Wünsche haben – zwischen Bindung und Sicherheit einerseits sowie Spannung und Freiraum andererseits – könnten die Zukunftschancen dafür gut sein.

Matthias Horx: Future Love. Über die Zukunft von Liebe, Sex und Familie. DVA, 336 S., Fr. 30.–.


Leserkommentare

Anzeige: