87 statt 850 Kinder aus Eritrea

ASYL ⋅ Im vergangenen Jahr sind deutlich weniger minderjährige Flüchtlinge unbegleitet in die Schweiz gekommen. Besonders stark ist der Rückgang bei Eritreern mit 90 Prozent.
05. Februar 2018, 09:47

Maja Briner

Sie gehören zu den Verletzlichsten unter den Flüchtlingen: jene Kinder und Jugendlichen, die ohne Begleitung eines Erwachsenen fliehen. Während der Flüchtlingskrise kamen Tausende dieser unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden (UMA) in die Schweiz. Nun geht die Zahl deutlich zurück: Im vergangenen Jahr waren es noch 733, wie eine neue Statistik des Staatssekretariats für Migration (SEM) zeigt. 2016 waren es fast dreimal so viele gewesen.

Ein Grund für den Rückgang liegt auf der Hand: Es kommen generell weniger Asylsuchende in die Schweiz. Die Zahl der UMA ist allerdings deutlich stärker gesunken als jene der Asylgesuche insgesamt. Weshalb dies so ist, kann SEM-Sprecherin Emmanuelle Jaquet von Sury nicht genau sagen. Diese Entwicklungen seien schwer zu erklären, sagt sie, oft bestehe ein Zusammenhang mit Migrationsströmen und -routen.

Geschlossene Fluchtrouten sind ein Grund

Vor knapp zwei Jahren wurde die Balkanroute blockiert; und seit letzten Juli sorgt Libyen mit europäischer Unterstützung dafür, dass weniger Migranten nach Italien übersetzen. Laut der Schweizerischen Flüchtlingshilfe ist die Schliessung dieser Routen ein Grund, dass weniger unbegleitete Minderjährige in die Schweiz flüchten. Sprecher Michael Flückiger sagt, die Zahl sei so stark zurückgegangen, weil zuvor viele unbegleitete minderjährige Asylsuchende aus Afrika via Mittelmeerroute nach Europa gekommen seien.

Der Rückgang in der Schweiz heisst daher nicht, dass weltweit weniger Kinder und Jugendliche alleine auf der Flucht sind, wie Patricia Koch betont. Sie ist bei der Nichtregierungsorganisation Internationaler Sozialdienst Schweiz verantwortlich für UMA-Programme in der Deutschschweiz. Sie sieht in der Abschottungspolitik Europas die Hauptursache für den Rückgang der UMA in der Schweiz: Für Jugendliche, die alleine unterwegs sind, sei der Weg nach Europa dadurch noch schwieriger geworden. «Viele stecken zum Beispiel in ­Libyen fest», sagt sie.

Gerade aus Eritrea flohen in den letzten Jahren viele Menschen via Libyen in die Schweiz, darunter auch viele unbegleitete Kinder und Jugendliche. Allein 2016 ersuchten 850 eritreische UMA in der Schweiz um Asyl. Im vergangenen Jahr ist die Zahl eingebrochen: 87 waren es noch. Für diesen starken Rückgang gibt es neben geschlossenen Fluchtrouten eine weitere mögliche Erklärung: Das SEM entschied Mitte 2016, die Asylpraxis für Eritrea zu verschärfen. Seither werden Eritreer, die noch nie für den Nationaldienst aufgeboten wurden, nicht mehr als Flüchtlinge anerkannt. Das betrifft insbesondere Minderjährige. Beim SEM heisst es, es sei nicht ausgeschlossen, dass diese Praxisanpassung einen Einfluss gehabt habe.

Zu viele Plätze in den Kantonen

Die Flüchtlingskrise hatte 2015 die Zahl der UMA in der Schweiz in die Höhe schnellen lassen. Das brachte die Kantone unter Druck: Sie mussten Zentren aufbauen, um die Minderjährigen altersgerecht unterzubringen und zu betreuen. Nun, da die Zahlen sinken, ist die Infrastruktur teilweise zu gross. «In einigen Kantonen sind die Zentren nicht mehr ausgelastet, manche müssen daher einen Teil der Strukturen schliessen», sagt Gaby Szöllösy, Generalsekretärin der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren. Da die Minderjährigen meist bis zum 18. Geburtstag – oder teils auch darüber hinaus – in den Zentren leben, wirkt sich die jüngste Abnahme allerdings erst mit einer gewissen Verzögerung vollumfänglich auf die Kantone aus.

Die Flüchtlingshilfe mahnt, es sei trotz sinkender Zahlen wichtig, dass die Professionalisierung bei der Betreuung anhalte. Nach wie vor seien Verbesserungen notwendig. Laut Patricia Koch haben viele Kantone bei der Betreuung und Unterbringung der minderjährigen Asylsuchenden Fortschritte gemacht. Es brauche aber weitere Anstrengungen, sagt auch sie. «Wichtig für die Kinder und Jugendlichen ist, dass die Kantone weiterhin eine gute Betreuungsqualität bieten, auch wenn die Zahl sinkt und der politische Druck dadurch abnimmt», fordert Koch.


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