Albula- und Bernina-Linie sind seit zehn Jahren Unesco Welterbe

SPEKTAKULÄRE ZUGSTRECKEN ⋅ Vor zehn Jahren nahm die Unesco zwei der spektakulärsten Bahnlinien der Schweiz, die Albula- und die Berninastrecke, ins Welterbe auf. Was hat das Label gebracht? Eine Fahrt mit vier Halten von Chur ins Engadin.
08. Januar 2018, 05:00

Tobias Gafafer

Er kennt die Albulastrecke so gut, dass er sie im Kopf abfahren kann. Und doch begeistert diese Gion Rudolf Caprez, Lokführer der Rhätischen Bahn (RhB), jedes Mal wieder von neuem. Es ist auch eine Fahrt, die Begeisterung weckt. Hinter Thusis folgt Brücke auf Brücke, Tunnel auf Tunnel, nur kurz unterbrochen von einem Blick in die Schlucht. Hier beginnt das interessante Teilstück auf dem Weg nach St. Moritz. Vor allem aber beginnt hier jener Abschnitt, den die Unesco 2008 in die Welterbeliste aufnahm – als dritte Eisenbahn weltweit.

Caprez (63) gilt als Vater der Kandidatur. Ende der Neunzigerjahre hatte die Bahn zu viele Lokführer. Der Churer, bereits als ETH-Student von der Denkmalpflege fasziniert, liess sich beurlauben. Mit Unterstützung des Kantons Graubünden analysierte er den historischen Wert der RhB. Lief im Sommer das ganze Streckennetz ab. Und kam auf die Idee, die Albula- und die Berninastrecke der Unesco vorzuschlagen. Die Zentrale war erst skeptisch: Man sah sich als Unternehmen, nicht als Museumsbahn. Doch Fürsprecher wie Hanspeter Danuser, damals Kurdirektor von St. Moritz, erkannten früh das Potenzial. Die RhB, der Kanton und der Bund stiegen ein.

Tiefencastel (884 m ü. M.): Neue Portale, alte Technik

Vor Tiefencastel bremst der Zug. Die RhB saniert einen über hundertjährigen Tunnel mit einer neuartigen Methode, die sie in einem Versuchsstollen bei Flums erprobte. Dabei senken Arbeiter die Strecke ab und bauen vorfabrizierte Betonelemente ein. Die Portale, deren Bauweise sich an den Burgen des Domleschgs orientiert, werden mit behauenen Natursteinen neu konstruiert. Der verbreiterte Tunnel erfüllt die Anforderungen an die Sicherheit, aber auch jene der Unesco. Etliche Brücken hat die RhB in den letzten Jahren ebenfalls aufwendig erneuert. Ein Fachausschuss beurteilt alle Arbeiten in der Kernzone.

Im Gegensatz zur Strasse ist die Albulabahn weitgehend im Ursprungszustand erhalten. Das zeugt von der guten Arbeit der Ingenieure, aber auch der Randlage Graubündens, den oft knappen Finanzen. Die RhB nutzt die steinernen Kunstbauten so lange wie möglich. «Die Verkehrsentwicklung verlief genau richtig», sagt Caprez. Bei geringer Nachfrage wäre die Bahn wie anderswo eingestellt worden. Wäre diese zu stark gewachsen, gäbe es heute wohl eine Doppelspur und einen Basistunnel. Eine gewisse Entlastung brachte die Eröffnung des Vereinatunnels 1999.

Surava, Albulatal (939 m ü. M.): Stefan Englers Doppelrolle

In Surava vor Filisur halten nur noch wenige Züge. Hier lebt Stefan Engler, Bündner CVP-Ständerat und RhB-Präsident. Er begleitete das Projekt als Verkehrsdirektor und Verwaltungsrat von zwei Seiten. Die Erfahrungen seien positiv, sagt er. «Bis jetzt fanden wir immer eine Lösung, die weder den Wert des Labels schwächt noch den Betrieb einschränkt.» Die Konsequenzen für Aus- und Umbauten an und entlang der Strecke seien zuerst unklar gewesen. Man habe den längerfristigen Nutzen für die Bahn und die Region aber höher gewichtet als die Restriktionen. Heute ist die RhB stolz auf das Label – und bewirbt dieses offensiv. Es hat ihren Bekanntheitsgrad im hart umkämpften Tourismusmarkt erhöht. Allein zur Aufnahmefeier 2008 reisten 140 Journalisten an.

Hinter Surava beginnt die Steigung zum Landwasserviadukt, dem Wahrzeichen der RhB. Hier zeigt sich eindrucksvoll, was für ein herausragendes Bauwerk die Albulastrecke ist. Früh beginnt diese zu steigen, um das Tal an der richtigen Stelle zu überqueren. Beim Bau prüften die Verantwortlichen mehrere Varianten. Heute scheint es, als wäre die Bahn schon immer da gewesen.

Bergün (1372 m ü. M.): Bahnmuseum im Zeughaus

Ankunft in Bergün. Zum Welterbe gehört innerhalb einer Pufferzone auch die Kulturlandschaft. Trotz Umbau ist die Station als Ensemble mit Lokremise und Zeughaus erhalten. Wo früher die Armee ihr Material lagerte, sind heute ein attraktives Bahnmuseum, der Schalter, ein Buffet und das Tourismusbüro untergebracht. Zahlen, die den Wert des Unesco-Labels belegen, gibt es zwar nicht. Doch die RhB ist von den positiven Effekten überzeugt. Sie inszeniert die Albula- und die Berninastrecke mit Angeboten, welche diese für ein breites Publikum erlebbar machen: ansprechend und zeitgemäss. Neben dem Museum etwa mit spektakulären Aufnahmen auf Google oder dem Erlebnisweg. «Schön restaurierte Brücken reichen heute nicht mehr», sagt Caprez. Von der Vermarktung profitiert auch das strukturschwache Albulatal. Ohne Museum wäre der Billettschalter längst geschlossen.

Preda (1789 m ü. M.): Zweiter Albulatunnel

Die Kehrtunnel oberhalb von Bergün sind der Höhepunkt der Fahrt. Die Strecke ist so trassiert, dass schwere Züge verkehren können. In Preda baut die RhB für 260 Millionen Franken den Albulatunnel II. Das Projekt war wegen des Unesco-Labels und der Natur im weitgehend unberührten Val Bever umstritten. Nach einer Güterabwägung bewilligte es der Bund. Eine Weiterentwicklung ist möglich, aber mit Mehrkosten. Die sanierungsbedürftige Röhre von 1903, der höchstgelegene Alpendurchstich, bleibt als Sicherheitsstollen erhalten.

Der Zug taucht in die Dunkelheit. 2021 soll der zweite Tunnel eröffnet werden. Gion Rudolf Caprez und seine Kollegen werden damit im Führerstand ein Privileg verlieren. Weil der Neubau eine leichte Kurve macht, werden sie von weitem nicht mehr das Engadin erblicken, dem sich ihr Zug langsam nähert.

Die Rhätische Bahn feiert ihr 10-Jahr- Unesco-Jubiläum am 9./10. Juni 2018 mit einem Bahnfest. www.rhb.ch


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