Neuartiger Bancomat: Der Erste der Schweiz kommt nach Ebikon

TECHNOLOGIE ⋅ Geldbezug ohne Karte, Kontoeröffnung oder Videoberatung am Automaten: Die neue Bancomat-Generation bringt viele Neuerungen. Der Konsumentenschutz setzt allerdings Fragezeichen.
21. März 2017, 05:00

Maurizio Minetti

Wer heute einen Bancomaten bedient, fühlt sich zurück in die Neunzigerjahre versetzt. Der Bildschirm reagiert träge, die Benutzerführung ist lausig. Dabei ist man sich mit Smartphones und Tablets eine zackige Oberfläche gewöhnt, deren Bedienung sogar Spass machen kann. Nun ziehen Bancomat-Hersteller nach: Die US-Firma NCR bringt dieser Tage eine neue Generation von Automaten auf den Schweizer Markt, die für eine digitale Auffrischung sorgen dürfte.

Zwar sind die neuen Funktionen erst ab dem Jahr 2018 vorgesehen (siehe Box), doch die ersten neuen Geräte werden schon jetzt installiert. Der allererste Bancomat dieser neuen Generation wird bei der Luzerner Kantonalbank (LUKB) in Ebikon stehen, bestätigt NCR. LUKB-Sprecher Daniel von Arx: «Wir installieren Ende Monat zwei neue Geräte in Ebikon und drei an unserem Hauptsitz an der Pilatusstrasse.» Insgesamt hat die LUKB vor einem Jahr 30 Geräte bestellt, die nun im Verlauf des Jahres installiert werden sollen.

Kopfhöreranschluss sorgt für Diskretion

Was bringen die neuen Automaten? Das auffälligste Merkmal ist der 19-Zoll-Bildschirm, der wie ein Smartphone oder Tablet bedient werden kann. Nutzer können Elemente mit den Fingern vergrössern, verkleinern oder ver­schieben.

Die meisten Neuerungen lauern jedoch unter der Oberfläche. Eine Idee ist, die Bankkontoeröffnung per Video anzubieten. Der Vertrag wird dabei gleich am Automaten mit dem Finger auf dem Touch-Bildschirm unterschrieben. NCR glaubt, mit einem Kopfhöreranschluss die nötige Diskretion dafür zu schaffen. Damit wären die Voraussetzungen für weitere Beratungsgespräche geschaffen. NCR rechnet vor, dass mit den neuen Geräten 80 Prozent der banküblichen Dienstleistungen abgewickelt werden könnten. Dazu zählt zum Beispiel der Abschluss einer Hypothek oder der Bezug eines Darlehens. Schon heute verzichten einige Banken in ihren Filialen auf Mitarbeiter und installieren stattdessen Apparaturen zur Videoberatung. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen, glaubt man den Prognosen aus dem Umfeld der Bankbranche.

Für Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Stiftung für Konsumentenschutz, ist das eine bedenkliche Entwicklung: «Ich bezweifle, dass Kunden künftig ihre Hypotheken an einem Bancomaten abschliessen, während andere Personen Schlange stehen – Kopfhörer hin oder her.» Sie setze deshalb in Bezug auf Datenschutz und Privatsphäre grosse Fragezeichen hinter die digitale Offensive der Banken.

Oft reicht auch nur ein Smartphone

Eine weitere vorgesehene Funktion ist der Geldbezug ohne Karte. Die neuen Geräte von NCR verfügen zwar nach wie vor über einen Kartenschlitz, doch die Karte muss künftig nicht unbedingt eingeführt werden. Es reicht, das Portemonnaie an den kontaktlosen Kartenleser zu halten. Das soll sicherer sein, denn ohne Karte ist auch kein Skimming möglich. Beim Skimming stehlen Kriminelle Kartendaten, indem Daten von Magnetstreifen ausgelesen und auf gefälschte Karten kopiert werden. Mit der kontaktlosen Funktion können Kunden zudem Abhebungen mit einer App vorbereiten. Der Nutzer erhält einen QR-Code und muss ihn danach an das Lesegerät halten. Danach wird der gewünschte Bezug aufbereitet.

NCR ist nicht der einzige Bancomat-Hersteller, der den angestaubten Geldautomaten zu einer Multifunktions­maschine ausbauen möchte. Der deutsch-amerikanische Anbieter Diebold Nixdorf arbeitet an ähnlichen Funktionen. Erst vor wenigen Monaten hat die Credit Suisse – die Geräte von Diebold Nixdorf im Einsatz hat – als erste Schweizer Bank den Geldbezug per QR-Code eingeführt. «Diese Dienstleistung stösst auf grosses Interesse auf dem Schweizer Markt und ist in fortgeschrittener Evaluation bei diversen weiteren Banken», heisst es bei Diebold Nixdorf Schweiz. Ausserdem verweist der in der Schweiz marktführende Hersteller darauf, dass man schon im November 2015 eine Videoberatungslösung mit der Basellandschaftlichen Kantonalbank realisiert habe; allerdings losgelöst von einem Bancomaten. Was die Bancomat-Hersteller weniger gern betonen: Für viele digitale Dienstleistungen ist der Umweg über einen Automaten gar nicht nötig – Smartphone sei Dank. So hat zum Beispiel die Valiant-Bank vor einem Jahr die volldigitale Kontoeröffnung eingeführt. Mehr als einen Computer, ein Smartphone und einen Ausweis braucht es dafür nicht.


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