Historiker Thomas Maissen: «Bruder Klaus war ein Glücksfall»

GESCHICHTE ⋅ SVP-Übervater Christoph Blocher will den 600. Geburtstag von Bruder Klaus gemeinsam mit dem Churer Bischof Vitus Huonder würdigen. Der Historiker Thomas Maissen über die Bedeutung des Nationalheiligen für die Schweiz – und für die SVP.
05. Januar 2017, 07:56

Interview Dominic Wirth

Thomas Maissen, der SVP-Vordenker Christoph Blocher will Bruder Klaus in einer Rede würdigen. Geht es da um Geschichte – oder um Politik?

Es geht um Geschichtspolitik.

Können Sie das erklären?

Ereignisse oder Fakten aus der Vergangenheit werden verwendet, um in der Gegenwart Orientierung und Identität zu stiften. Es gibt ein politisches Inter­esse – und das ist nicht nur in der Schweiz so – nachzuweisen, wo eine Gemeinschaft angeblich herkommt. Da geht man möglichst weit zurück, die Franzosen zu den Galliern, die Deutschen zu den Germanen.

Passt Bruder Klaus in diese Gruppe?

Bruder Klaus – oder Niklaus von Flüe – war eine historische Figur, und er hatte schon immer eine politische Bedeutung. Solche Figuren gibt es in der Schweizer Geschichte nicht viele. Unser Geschichtsbild lebt stark von Wilhelm Tell oder Werner Stauffacher, nicht von Persönlichkeiten, die wirklich existierten. Manche wie Huldrych Zwingli waren konfessionell belastet. Vor diesem Hintergrund war Bruder Klaus, der aus der vorreformatorischen Zeit stammt, ein Glücksfall für die Schweiz. Selbst während der konfessionellen Spaltung und bis in die Gegenwart blieb er ein gemeinsamer Held der Eidgenossen.

Und nun deuten Blocher und seine SVP den Nationalheiligen als frühesten Vertreter von Neutralität und Unabhängigkeit der Schweiz. Was meint der Historiker dazu?

Das ist für Politiker normal und legitim. Der Historiker korrigiert dann, dass der Satz, den man so gerne von ihm zitiert – «Macht den Zaun nicht zu weit» – Bruder Klaus erst 50 Jahre nach seinem Tod von einem katholischen Chronisten in den Mund gelegt wurde. Er protestierte damit gegen die Eroberung der Waadt durch die reformierten Berner (1536). Das ist ein Beispiel dafür, dass Bruder Klaus zwischen Protestanten und Katholiken lange eine umstrittene Figur war. Es ist deshalb nicht selbstverständlich, dass sich ein ­reformierter Zürcher Pfarrersohn und ein katholischer Bischof zusammentun, um ihn zu würdigen. Das hat allerdings nicht viel mit Bruder Klaus zu tun, dafür sehr viel mit der heutigen Politik.

War Bruder Klaus denn tatsächlich ein Verfechter von Neutralität und Unabhängigkeit?

Nein, das konnte er noch gar nicht sein. Denn es gab zu seiner Zeit die Schweiz als Staat neben anderen Staaten noch gar nicht. Die Eidgenossenschaft gehörte zum Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Und das Konzept der Neutralität kam erst ab dem 17. Jahrhundert auf.

Schon 1986, als die Schweiz über den UNO-Beitritt stritt, und sechs Jahre später im EWR-Abstimmungskampf zogen rechtskonservative Kräfte mit Bruder Klaus in den Wahlkampf. Erleben wir nun ein Revival?

Nein, ich würde das nicht als Revival anschauen, sondern eher als Kontinuität. Der Zaun-Satz wurde das ganze 20. Jahrhundert immer wieder zitiert, wenn es um die Begründung der Neutralität ging. Die SVP wiederholt einfach, was viele Politiker aus allen Parteien bis 1989 ­sagten. Danach war sie vorübergehend etwas einsam gegen EWR und EU. Die SVP darf sich den Jahrestag nicht entgehen lassen, das wäre politisch gesehen eine verpasste Chance. Ob es schlau ist, dass sich Bischof Vitus Huonder einspannen lässt, ist eine andere Frage. Immerhin organisieren SVP-nahe Kreise den Anlass.

Was finden Sie?

Ich glaube nicht, dass es eine Aufgabe einer Kirche – und gerade der katholischen als universeller Kirche – ist, nationale Politik zu machen.

Ärgert es Sie, wenn mit historischen Figuren und ihren Aussagen, die sich auf eine andere Zeit beziehen, heute Politik gemacht wird?

Nein. Wissenschaft und Politik sind in ihrem Umgang mit der Geschichte gegensätzlich. In der Politik geht es darum, Mehrheiten zu gewinnen. Man darf dafür sehr viel machen: argumentieren, geschichtliche Parallelen ziehen, lügen. Wissenschaft sucht Wahrheit und funktioniert nach anderen Regeln. Was zählt, sind Quellenkenntnis und Forschungsstand.

Wenn es um die Deutung der Geschichte für politische Zwecke geht, dominiert die SVP das Feld. Das war auch im letzten Jahr der vielen Jubiläen, Marignano etwa oder Morgarten, so. Woran liegt das?

Ich frage mich auch, woran das liegt. Die einzige Partei, die wenigstens versucht, dagegenzuhalten, ist die SP. Aber auch sie hat Mühe. Was sie liefert, ist zu häufig weit entfernt vom eingängigen Schulwissen. Die FDP und die CVP sind intellektuell schlicht zu träge. Bei der CVP liegt das wohl auch an ihrem lange Zeit kantonalen, föderalistischen Selbstverständnis; die moderne Schweiz ist nicht ihr Ding. Die Passivität der FDP kann ich mir aber überhaupt nicht erklären. Der Bundesstaat von 1848 ist eine Leistung der Liberalen, da sollten sie doch stolz darauf sein – und sie entsprechend bewirtschaften.

Sie lehren und forschen in Paris, leiten dort das Deutsche Historische Institut. Spielt die Geschichte in der politischen Auseinandersetzung in Deutschland, Frankreich oder anderen europäischen Ländern eine ähnliche Rolle wie in der Schweiz?

Die Schweiz war in ihrem nationalistischen Selbstverständnis lange mit an der Spitze, auch im internationalen Vergleich. Das liegt daran, dass unsere ­Geschichte nicht von erschütternden Umbrüchen wie den Weltkriegen, dem Holocaust oder kommunistischen Dik­taturen geprägt wurde. Wenn die Katastrophe fehlt, lässt sich die eigene ­Geschichte einfacher auf unveränderliche Grundsätze zurückführen. Diese Pflege eines patriotischen Selbstbildes der Geistigen Landesverteidigung hat dazu beigetragen, dass die SVP die stärkste Partei wurde. In den letzten Jahren wird aber in vielen europäischen Ländern immer lauter verkündet, wie einmalig und grossartig die eigene ­Geschichte sei. Insbesondere rechtspopulistische Parteien machen so erfolgreich Identitätspolitik.


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